Zeitung Heute : Wie sage ich die Wahrheit?

Elisabeth Binder

Immer wieder sonntags fragen Sie

Meine Freundin nimmt seit Weihnachten wieder einen von ihr früher sehr geliebten Duft, aber leider viel zu viel davon. Wie kann ich ihr sagen, dass ich beim Grünkohlessen keinen Parfümgeruch in der Nase haben möchte?

Manchmal frage ich mich, ob wir eigentlich in einer Gesellschaft leben, in der alles gestattet ist außer der Wahrheit. Immer wieder kommen Fragen, die von der Unmöglichkeit handeln, ehrlich zu sein. Heucheln gilt als höflich, eine geradeaus formulierte Ehrlichkeit als Affront. Das mag damit zu tun haben, dass wir alle immer sensibler werden, was eigentlich ja gut ist. Es wäre aber richtig, dem eingebildeten Heuchelgebot entgegenzusteuern. Denn es stimmt ja auch, dass sich die Welt immer schneller dreht, alle immer mehr zu tun haben, man also mit der Zeit haushalten muss. Warum sich da nicht Umwege sparen, auch verbale? Besonders Freunde müssen untereinander die Wahrheit ertragen lernen. Wenn kritische Bemerkungen als verletzend empfunden werden, ist man hypersensibel und damit nicht richtig fit für den Alltag. Es kommt ja auch immer darauf an, wie man etwas sagt. „Du stinkst zum Himmel mit deinem albernen Parfüm“ wäre unnötig unfreundlich. Aber: „Du hast zu viel Parfüm aufgelegt, das macht mich ganz schwindelig“ ist eine klare Aussage, die niemanden beschämen oder gar verletzen muss.

Es ist keine Tugend, aus Höflichkeit zu lügen, sondern eher ein Zeichen von Faulheit oder auch Lieblosigkeit. Ein Ausdruck dafür, dass man sich mit dem anderen im Grunde nicht auseinandersetzen will, dass es einem egal ist, wie er auf andere wirkt, und man keine Lust hat, ihn dahin zu bringen, dass das Zusammensein wirklich Spaß macht. Ich finde, dass man in die Kommunikation ruhig etwas mehr Mühe stecken sollte. So was wird manchmal mit echten Freundschaften belohnt, die auch unter schwierigen Bedingungen halten. Und die sind doch eigentlich jede Anstrengung wert.

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