• Wie schnell wird man erwachsen? USA, Uno, Irak – die Welt war dem Kind egal. Doch jetzt ist es 13 und fängt an, sie zu verstehen. Und die Mutter denkt: Hier geht etwas schief.

Zeitung Heute : Wie schnell wird man erwachsen? USA, Uno, Irak – die Welt war dem Kind egal. Doch jetzt ist es 13 und fängt an, sie zu verstehen. Und die Mutter denkt: Hier geht etwas schief.

Nadja Klinger

Bei Ikea ist im Februar schon Frühling. Wir atmen ein. Mensch an Mensch gedrängt schieben wir uns voran. Der Weg ist mit Marschpfeilen vorgegeben. Wir bücken uns wie alle, mäkeln an diesem und jenem herum, greifen zu. Am Ende des Weges wartet der Zauberer von Oz. Der Kassenbon ist ein endlos langer Zettel. Aber wir haben keine Wünsche mehr.

Im Auto dünsten wir Ikea wieder aus. Die Scheiben beschlagen. Wir haben Hunger und Durst. Es ist Samstagnachmittag in Berlin. Am Ernst-Reuter-Platz beginnt der Stau. Abgase zwängen sich durch die Belüftungsanlage, wir kriechen auf die Siegessäule zu. An der S-Bahn-Brücke halten wir. „Du kommst mit“, befehle ich bevor ich aussteige. Der Frühling bei Ikea war nicht echt. Über dem Tiergarten hängt der graue Himmel. Im kahlen Gestrüpp lauert der eisige Februar. Wir eilen, aber schon nach ein paar Metern erwischt er uns und fällt über uns her. „Warum muss ich mit?“, meckert das Kind. Ich habe dieselbe Angst wie immer: dass es sich erkälten könnte. „Weil ich das so will“, sage ich.

Nennen wir es das Kind. Es handelt sich um ein 13-jähriges Wesen, dass die Jacke seit geraumer Zeit offen trägt. Der Wind, der ihm gegen den nackten Bauchnabel schlägt, ist eiskalt. Das Wesen ist in einem wesentlichen Alter: Es spürt die Freiheit zu frieren. Es schminkt sein blasses Wintergesicht. Es trägt Gürtel aus Schlüsselringen, Einweckgummis ums Handgelenk und die Laschen der Coladosen aufgefädelt am Hals. Es testet die Wirkung von Äußerlichkeiten. Es hat eine große Klappe. Hinter der Lautstärke tut sich Stille auf. Die Welt ist groß und ermüdend, betont langsam schlurft das Kind hindurch, auf ein Detail wartend, dass es für sein eigenes kleines Leben adoptieren könnte. Das Kind wird erwachsen. Zuhause zieht es die Vorhänge zu, verriegelt die Tür und macht sich seinen Reim.

Seit Wochen schleiche ich um die Festung herum. Weiß das Kind, dass es um Krieg und Frieden geht? Nur der Hunger treibt es an den Tisch. Es hört, welche Fragen wir haben. Es registriert: Die Antworten liegen wie auf einer Aufschnittplatte parat. Krieg und Frieden. Das Kind kaut. Es spürt die Freiheit wegzuhören. Nun gehen wir beide an einem unfreundlichen Wintersamstag auf eine Demonstration. Es zieht den kurzen Pullover über den Bauch und knöpft die Jacke zu. Ich habe ihm die Freiheit genommen, woanders zu sein. Nun bin ich ihm die Erklärung schuldig. Das Kind wird zuhören.

Ich rede von Amerika. Von Waffen. Vom Islam, Terroristen und der dritten Welt. Ich rede, obwohl ich keine Ahnung habe. Ich rede vom Krieg und ertappe mich dabei, nur einen Wunsch zu haben: dass dem Kind in seinen pubertären Klamotten warm wird. Ich versuche, Saddam Hussein gerecht zu werden und dem Handeln der deutschen Regierung seine Eindeutigkeit zu nehmen. Mit Sicherheit habe ich das Kind aus seinem Konzept gebracht, das darauf hinausläuft, sich nur noch selbst ein Bild zu machen. „Die Welt ist groß“, sage ich. Das klingt wie: Herzlich willkommen! Es ist eine Lüge. Erwachsensein läuft darauf hinaus, sich zu verkleinern, sich einzukreisen mit dem, was man für wichtig hält.

Die Kulisse, die sich im Tiergarten auftut, ist brauchbar. Reisebusse parken die Straße des 17. Juni zu. Das Kind studiert die Kennzeichen, legt dabei schweigend einen Schritt zu. Von überall her sind Leute angereist. Man hört ihr Gejohle, das Kind legt noch einen Schritt zu. Es scheint, als würden wir beiden die Letzten sein.

Hinterm Großen Stern erweist sich die Szenerie als nahezu perfekt. Es sind so viele Menschen auf der Straße, dass wir in die Parkanlagen ausweichen müssen. Äste knacken, wir klettern über Absperrungen, wir sind ordnungswidrig. Auf der Bühne hält ein Mann eine unsägliche Rede. Sie dauert. Im Übermaß gebrauchte Worte kriechen wie feuchte Kälte durch die Massen. Ich steige mit dem Kind weiter querfeldein, weg von den Lautsprechern. Menschen lungern am Boden: auf Decken, mit Rucksäcken, Kindern, Hunden, Thermosflaschen und Kuchen. Leute, die wie Lehrer aussehen, gehen quer über die Wiese. Rentner hangeln sich auf Bäume. Paare im Scheidungsalter halten sich an den Händen. Wie Rollkommandos ziehen mit Einweckgummis und Coladosenteilen behangene Teenager übers Gelände. Das Kind knöpft die Jacke wieder auf. Es verlangt fünf Euro, wirft sie in einen Topf. Es kauft Frieden. Es nimmt seinen eigenen Weg durchs Gestrüpp. Es ist nicht mehr mit seiner Mutter auf der Demo. Es ist dabei.

Meine Zeit, gehört zu werden ist längst wieder abgelaufen. Das Kind ist daran interessiert, was wirklich geschieht. Wir entfernen uns schon wieder von der Siegessäule, da tritt hinter uns Konstantin Wecker auf die Bühne. Er schlägt in die Tasten und hebt an mit seinem Sprechgesang. Er dreht die Zeit zurück. Bilder von Friedensdemos, die ich nur aus dem Westfernsehen kenne, erstehen wieder auf. Am Brandenburger Tor, auf das wir uns zu bewegen, wartet die Mauer. Er schlägt und spricht, der Wecker, das Kind und mich vor sich her treibend. Ich wünschte, sie hätten die Gruppe Fettes Brot aufgefahren, oder, wenn schon was Altes, dann so etwas wie Nena. Das Pathos des klavierschlagenden und sprechsingenden Weckers hängt mir wie ein Rucksack hinten an, ich kann unser Schritttempo nicht mehr halten. Ich fürchte, bei dem Kind könnte es jetzt Alarm schlagen: was der Frieden für ein uraltes Ding ist.

Das Kind bleibt stehen. Es dreht sich um. Es kreischt. Jubelt wie auf einem Rockkonzert. „Wir laufen in die falsche Richtung“, ruft es. Das stimmt. Die Demonstrierenden kommen uns vom Alexanderplatz her entgegen. Wichtig ist, dass viele mitmachen, habe ich vorhin erklärt, unwesentlich, wer sie sind und wohin sie wollen. „Die falsche Richtung – das ist peinlich“, sagt das Kind.

Die Abendnachrichten sind wie ein Versprechen. Eine Kamera fliegt über die Innenstadt hinweg. Wir sehen überwältigend aus. Die höchste Zahl, die sie nennen, ist fast eine Million. Bis das Kind sich vom Bildschirm abwendet, vergeht unvorstellbar viel Zeit. Im Inneren der Festung wird in den folgenden Tagen telefoniert. Musik gehört. Wenn der Fernseher flimmert, dann dringen Lachsalven in den Flur, die Amerikaner in die Handlungen ihrer Vorabendserien schießen. Mancher Tage schiebt das Kind den Zeitungsstapel, der auf dem Küchentisch liegt, nicht nur beiseite, sondern sieht sich die Titelseiten an. „Die Bild-Zeitung hat so schöne eindeutige Überschriften“, sagt es. Manchmal ist mir, als esse es weniger. Weil es zuhört? Ich erwähne Gerhard Schröder. Je weniger das Kind isst, desto häufiger. Ich erwähne nicht, dass der Mann nur ein kleiner, deutscher Kanzler ist.

Mitunter steht das Kind mit verschränkten Armen in der Tür, wenn die Fernsehnachrichten laufen. Brennpunkte bringen das Programm durcheinander, geben dem Kind aber keinen Anlass, Feuer zu fangen. Tag für Tag wird mehr und mehr klar: Wirkung kann groß sein und gleichzeitig so gut wie Null. Ich erwähne neben dem Kanzler nun auch noch die Franzosen. Ich gebe eine Aussicht, die ich nicht habe. Die Wahrheit ist: Das Kind schweigt und wartet nun nicht mehr allein.

Seine Erkenntnis muss schwer wiegen: Aufzubrechen in die eigene Welt bedeutet zugleich, in der Welt der anderen anzukommen. Auf dem Spielbrett anzukommen. Um dann zu würfeln und Steine zu rücken. Ich erwähne neben den Franzosen und dem Kanzler immer wieder den Uno-Sicherheitsrat. Das Kind versteht. Für jede Hoffnung gibt es einen Ort, an dem man sie fallen lassen kann. Die Härchen auf meinen Armen stellen sich auf, als der französische Außenminister vor dem Sicherheitsrat spricht. Das Kind zieht sich die Ärmel des Pullovers über die Handgelenke. Krieg oder Frieden? Das Kind wird es im Fernseher sehen. Es kann abwarten. Es kann aber auch schon einen Punkt setzen. Die Frage stellt sich nämlich nicht.

Auf der Elternversammlung in der Schule geht es darum, den Kindern die schriftliche Erlaubnis zu geben, am Tag nach Kriegsbeginn während des Unterrichts an einer Demo teilzunehmen. Die Zettel, auf denen wir unterschreiben sollen, kommen von den Landesschülersprechern. Eine heiße Debatte entsteht. Es geht darum, dass die Kinder nicht versichert sind, wenn sie das Schulgelände verlassen. Es geht darum, dass eine Friedensdemo auf dem Zeugnis das Fehlen in der Kategorie „entschuldigt“ nicht zulässt. Kein Lehrer ist verpflichtet, Haltung zu beziehen und zu sagen, wie er mit den Fehlstunden verfahren wird. Er darf das Schulgelände nicht verlassen, selbst wenn seine ganze Klasse geht. Ein Lehrer darf seine Schüler nicht „dazu verführen“, für den Frieden zu demonstrieren.

Der Brunnen und die weiße Fahne

Der Abend wird lang. Es geht um Verfahrensweisen, Gesetze, Zensuren und Tadel. Um die gewöhnliche Ordnung der Dinge. Niemand wirft ein: „Gehen wir doch mal davon aus, es wird gar keinen Krieg geben.“ Niemand schließt sich mit einem anderen zusammen. Die Kinder sitzen dabei. Ein Junge sagt: „Ist ja vielleicht nicht schlimm, wenn 30 Schüler fehlen.“ Bis zum Krieg sind es noch anderthalb Wochen. Vielleicht werden die Eltern ihre Unterschriften auf die Zettel geben. Aber sie werden auch noch genug Zeit haben, den Kindern klarzumachen, wie die Regeln sind und welche Chancen sie haben. So viel Zeit brauchen die Schüler nicht, um sich zu entscheiden, auch ohne Unterschrift zu gehen. Wegzurennen von uns – für den Frieden.

Das Kind schreibt mit dem Finger „NO WAR“ an die dreckigen Fensterscheiben in unserer Wohnung. Es bemalt seinen teuren Schulrucksack. Es knüpft weiße Taschentücher an seinen Gürtel. Es stellt sich mit Kerzen in der Hand an die Straße. Es klettert auf den Brunnen am Alexanderplatz, auf dem die weiße Fahne gehisst wird. Bis die Polizei kommt und räumt. Es hat keinen Plan. Es gibt keine Erklärung. Das Kind handelt gegen die allgegenwärtige Ordnung. Es macht seinen Frieden mit sich selbst.

„Das ist keine offizielle Schulveranstaltung“, sagt der Schulleiter, als ich ihn wegen der Schülerdemo anrufe. Er meint: Ich bin bei ihm völlig falsch. Soviel ist klar. Unklar ist, was das Kind von den Ereignissen in der Welt hält, wenn diese Welt niemals wirklich und spürbar aus den Fugen gerät. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center hätte sie großen Ärger mit Eltern bekommen, erzählt eine Lehrerin, weil sie die Attentate auf eine Weise besprochen habe, wie die das für ihre Kinder nicht wollten. „So weit hänge ich mich nie mehr aus dem Fenster“, sagt die Frau.

Ob sie den Lehrern Hinweise geben, Ratschläge, frage ich die Landesregierung. „Es ist den Schulen völlig freigestellt, wie sie reagieren“, sagt der Pressesprecher des Schulsenators. Es klingt, als wäre er darauf stolz. Er nennt Schulen, die ein Beispiel sind. Er redet von Postkartenaktionen, Friedenskonzerten, Veranstaltungen. Pressetauglich, vorzeigbar. Was er nicht aufzählen kann, ist das, was nicht passiert. Die Kinder, die dieser Tage auf dem Weg zur Festung durch unsere Wohnung kommen, zucken mit den Schultern. Im Unterricht geredet wird schon. Ein Lehrer hat „USA, Uno, Irak“ an die Tafel geschrieben und gefragt: „Was fällt Euch dazu ein?“ Was fällt ihnen dazu ein? Die Lichterkette, in der sie an einem Samstagabend gestanden haben und die sich durch die ganze Stadt zog, habe man in keiner Zeitung von oben gesehen. Es gab keine Luftbilder mehr. Mit dem Hubschrauber hochzugehen, sei teuer, hat ihnen jemand gesagt. Was fällt ihnen noch ein? Bei den Demos räumt die Polizei pünktlich die Straßen. Nach den Demos treiben die Polizisten beflissen die Leute auf die Bürgersteige zurück. Über die brennenden Kerzen, die die Kinder auf der Fahrbahn stehen lassen, fahren die Autos hinweg.

Am Tag der Schülerdemo sind zur Mittagszeit die öffentlichen Verkehrsmittel mit Kindern voll. Sie schwenken weiße Papiertaschentücher, sind laut und toben. Ich fliehe in ein Café am Potsdamer Platz. Eine Stunde später kommen sie von ihrem Marsch zurück und ziehen durch die Arkaden. Sie müssten wieder zum Unterricht. Aber sie stehen Schlange vor den Fotoautomaten. Zu viert quetschen sie sich vor die Objektive. Von dieser Friedensdemonstration wird es Bilder geben.

Ein unvergesslicher Satz

Von dem Moment an, da der Krieg beginnt, sieht man das Kind nie wieder vorm Fernseher. Die Frage, ob es die Bilder von den toten Soldaten lieber nicht sehen sollte, stellt sich nicht. Es hat sich nie erkundigt, wie viel Macht ein deutscher Bundeskanzler wirklich hat. Es interessiert sich nicht dafür, was die Franzosen treibt. Es weiß nichts über die Uno. Es hat in den letzten Wochen gelernt, die Ordnung der Dinge, die Tatsachen zu ignorieren. Es ist ein ganzes Stück erwachsen geworden, als es begonnen hat, sich für Politik zu interessieren. Es gehört jetzt zu jener Generation, von der bei der nächsten Bundestagswahl gesagt werden wird, dass sie mit Politik nichts am Hut hat.

Einen Mann wird das Kind vermutlich nicht vergessen. Dieser Lehrer hat sich in dieser Zeit durch Ungewöhnliches hervorgetan. Er ist für den Krieg gegen den Irak und hat das mit nur einem Satz im Unterricht ausgesprochen. Er holte die Klasse aus dem Dämmerschlaf. Es klingelte, und die Schüler sind geblieben. Der Mann hat sich erklärt, die Kinder haben gestritten. Argumente hatten sie nicht, woher auch. Aber sie hatten Wut. „Ich wünsche Euch eine schöne Kriegswoche“, hat der Mann beim Abschied noch gesagt. Zwei Tage später haben die Kinder von einer seiner Kolleginnen Sechsen bekommen, weil sie während des Unterrichts bei der Friedensdemonstration waren. Wehrt Euch, hat jener Lehrer zu ihnen gesagt. Ausgerechnet er. Was für eine Unordnung! Die Kinder kämpften.

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