Zeitung Heute : Wie seh’ ich denn aus?

UNSERE KLEINE FAMILIE

Tanja Stelzer

UNSERE KLEINE FAMILIE

Vor ein paar Tagen habe ich das große Los der Komplimente gezogen. Unser Freund M. war zu Besuch, guckte mich an und sagte: „Du siehst aus, wie Donna Karan sich eine junge Mutter vorstellen würde.“ (Für alle jungen Mütter, die vergessen haben, wer Donna Karan ist: Das ist diese supercoole Modedesignerin aus New York, die hautenge und bauchfreie schwarze Cocktailkleider entwirft, wie wir sie so gern zum Kinderwagen-Schieben im Nieselregen tragen.) Donna Karan stellt sich eine wie mich vor? Ich entschied mich, die Absurdität, die in diesem Kompliment lag, nicht wahrzunehmen, guckte verlegen zur Seite und kostete den Triumph für einen Moment aus. Mein Mann war in der Küche und bereitete das Abendessen vor; glücklicherweise handelte es sich um ein kompliziertes Rezept, und es würde noch ein bisschen dauern, bis er zurückkommen und heftig widersprechen würde.

„Donna Karan, Donna Karan“, säuselte es in meinem Kopf. Wow! Ich fühlte mich, als hätte ich gerade den Junge-Mütter-Oscar gewonnen (den leisen Zweifel, ob jetzt etwa der Heroin-Schick sein Comeback hat, schob ich rasch beiseite). Auf einmal spürte ich die bleierne Müdigkeit nicht mehr, die mir seit Noahs Geburt vorgaukelt, ich sei von der Erde auf irgendeinen fernen Planeten mit einer tausendfach stärkeren Schwerkraft gebeamt worden. Ich hatte den unablässigen Strom schmutziger Wäsche vergessen, der jeden Tag aufs Neue durch meine schrundigen Hände geht. Aus meinem Gedächtnis war gelöscht, wie sehr ich mich vor der fremden Frau erschrocken hatte, die ich noch am selben Morgen im Spiegel gesehen hatte.

Natürlich konnte mir M. diesen Quatsch nur erzählen, weil er ein bisschen verrückt ist und wir außerdem in unserem neuen Wohnzimmer noch keine ausreichende Beleuchtung haben. Wahrscheinlich wirkten meine tiefen Augenringe so wie ein raffinierter Lidschatten. Für gewöhnlich müssen wir jungen Mütter mit einer anderen Kategorie von Komplimenten vorlieb nehmen. In unserem Alltag, an den Donna Karan bestimmt nicht denkt, ist der Ausruf „Um Gottes willen, du siehst ja schrecklich aus!“ die netteste Aufmerksamkeit, die wir zu hören bekommen. (Mir kommt dann immer meine Teenager-Zeit in den Sinn und meine Oma, die diesen Satz sagte, sobald sie mich sah, es war wie ein Pawlowscher Reflex. Damals war ich meiner Oma böse, heute ahne ich, dass der Satz in ihren erfahrenen Mutter-Augen wohl die größtmögliche Liebenswürdigkeit darstellte.)

Schwangerschaft und der alltägliche Baby-Wahnsinn haben uns junge Mütter entweder zu Moppelchen gemacht oder zu knochigen Hungerhaken. Da wir also auf echte Komplimente keine Chance haben, greifen wir auf die Märtyrer-Nummer zurück. Wir gehen ungeschminkt und tragen unsere Augenringe stolz zur Schau, wie um zu sagen: „Wir sehen vielleicht scheiße aus, aber wir tun es für unsere Kinder!“ Die beliebtesten Jammersätze, die wir mit einem Leuchten in den Augen sagen, sind: „Ich bin den ganzen Tag nicht dazu gekommen, was zu essen!“ und „Ich hab heute Nacht nur vier Stunden geschlafen!“. Das Entmutigende an der Märtyrer-Nummer ist jedoch, dass es immer eine Mutter gibt, die es noch schlimmer getroffen hat und kontert: „Bei mir waren’s nur zwei!“ Im Wettbewerb um die größte Anerkennung als Märtyrer kann man nur scheitern.

Mütter, ich sage Euch: Noch besser als nach einem Märtyrer-Kompliment geht es Euch nach einem Donna-Karan-Kompliment. Mein Tipp: Dreht die Glühbirnen raus.

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