Zeitung Heute : Wie sich der deutsche Bildungsbürger vor 100 Jahren die Zukunft des Reisens vorstellte

Klaus Thiele

Eine Reise zum Mond ist zur kommenden Jahreswende kein völlig absurder Wunsch mehr. Machbar wäre es jedenfalls, wie jedes Kind weiß. Viel mehr Fantasie brauchten die Menschen, die vor 100 Jahren in eine Zeitrechnung mit zwei Nullen am Ende hineinrutschten, wenn sie sich die Welt im Jahre 2000 vorstellen sollten. Auch damals träumte mancher von großartigen Reisen in ferne Länder. Aber das Reisen war vor 100 Jahren noch äußerst mühsam und ohnehin ein Privileg der Reichen. Ein Flug nach Tahiti und weiter nach Melbourne war jedenfalls anno dazumal noch eine geradezu tollkühne Utopie. Wie man sich damals das Reisen im Jahre 2000 vorstellte, kann man in einer Ausgabe der Bildungsbürger-Zeitschrift "Deutscher Hausschatz" aus dem Jahre 1899 nachlesen. Dort schildert ein Autor namens Dr. Otto in einem fiktiven Brief an seinen Bruder, wie er mit seinen beiden Söhnen im September 1999 in die Südsee reiste - mit einem Hochball genannten Gefährt, das von Deutschland "im direkten Schnellflug" nach Tahiti und weiter nach Melbourne sauste. "Wie klein ist doch die Erde seit der Erfindung des lenkbaren Hochballs geworden", schwärmt der Verfasser.

Dass die Zukunft des Reisens in der Luft liegen müsse, war damals schon klar. Immerhin tüftelte Graf Zeppelin bereits an seinen ersten Luftgefährten. Vorbei war die Zeit, so freute sich der Hausschatz-Autor, in der man bei einem Ausflug "mühsam am Boden dahinkroch". Nicht mehr ertragen musste man in der Welt des Jahres 2000 das "Pfeifen, Pusten und Rauchen der Dampfwagen", waren doch "Muskel- und Dampfkraft völlig dem elektrischen Betrieb gewichen". Nachdem sich der Zukunftsreisende im präzisen "Weltwetterbuch für 1999" informiert, sich für die Gesellschaftsinseln in der Südsee entschieden und seine Verwandten noch kurz per Telefon und einem Aufzeichnungsgerät namens "Stimmschreiber" unterrichtet hatte, fuhr er mit einem "Laufwagen" zum Abflugsort, wo er per Lift auf die "Hundertmeter-Plattform des Flugturmes" gelangte. Dort wartete eines der hochmodernen kugelartig gestalteten Luftschiffe, die durch Propeller-Antrieb "mit fast blitzartiger Geschwindigkeit" in 1000 bis 2000 Meter Höhe ihrem Ziel entgegenstrebten. Auf Tahiti übernahmen dann "Kleinbälle" im Halbstunden-Takt den Verkehr zwischen den einzelnen Inseln.

Mit der Navigation konnte es nach Meinung des Fantasie-Reisenden keine Probleme geben: "Elektrische Lichter, auf dem Meeresgrund verankert", weisen den Weg. Die Elektrizität hat auch einen anderen verblüffenden Fortschritt gebracht. Der Autor schildert, wie er in der Südsee abends ausgeht, um sich die täuschend echt wirkende Übertragung eines Konzerts aus Europa anzusehen - möglich dank einer Erfindung namens "Fernblick, Fernsprech- und Tonanschluss", eine Art Großbild-Fernsehen also. In Sachen Verpflegung hatte der gute Dr. Otto allerdings eher deprimierende Vorstellungen vom Reisen im Jahr 2000: Es gibt nur "einige Täfelchen Nährstoff", die auf "chemischem Wege" gewonnen werden. Felder werden, so sehen die Luftreisenden von oben, nicht mehr bebaut, nirgendwo weiden Tiere. Alles macht die Chemie. Fleisch und Brot sind nur noch "Leckereien für die Reichen". Immerhin sind auf der Erde noch Weinberge zu erkennen, denn Wein, so meint der Verfasser, sei durch Chemie einfach nicht zu ersetzen.

Der Autor dieser Vorausschau ins Jahr 2000 hat vermutlich eine Sammelbildserie der Firma Stollwerck von 1897/98 mit dem Thema "Verkehr im Jahre 2000" gekannt. Die Serie enthält zum Beispiel das Motiv "Sanatorium in hohen Regionen". In dem Artikel im "Deutschen Hausschatz" wird von einem fiktiven Arzt aus Melbourne berichtet, der seinen Mitreisenden von Heilerfolgen bei Lungenschwindsucht auf einer über dem Meer schwebenden "Viertausendmeter-Station" erzählt. Das Luftschiff "Berlin - Melbourne" hat in der Serie allerdings Zigarren-Form. Im Motiv "Eine Hauptstraße" hat der Sammelbild-Zeichner ein der Wuppertaler Schwebebahn ähnliches Verkehrsmittel vorausgeahnt. Er dachte sich auch durchaus zu Recht, dass Reisende in Zukunft ungern dauernd das Hotel wechseln würden, und entwarf ein "Reisehotel" auf Schienen mit Schlafsalons. Beim Auto des Jahres 2000 brachte ihn seine Fantasie nicht gar so weit voran: Die "Droschke 1. Classe" wirkt eher so, wie heutige Kinder sich ein Gefährt des Jahres 1900 vorstellen. Mobilität für das Individuum des Jahres 2000 sah der Künstler damals eher in Einzel-Fluggeräten mit seltsamen Flatterflügeln. Damit verfolgen sogar die Polizisten den fliegend fliehenden Verbrecher.

Solche Sammelbildserien waren von 1872 an von der Firma Liebig-Fleischextrakte mit Riesenerfolg herausgebracht worden, von 1887 an dann auch von der Firma Stollwerck, die sich das Monopol für Schokoladen-Automaten auf Bahnhöfen gesichert hatte und deshalb von Künstlern schmalere Formate anfertigen ließ. Die Bilder wurden in Alben gesammelt und waren über Jahrzehnte gerade für jüngere Menschen das, was heute Fernsehen, Zeitschriften, Reiseführer, Lexika undsoweiter zuhauf liefern: Volkskunde- und Reise-Enzyklopädien, die die Wunder der weiten Welt erklärten und das Weltbild des Sammlers prägten. Durch diese heute kurios anmutenden Bildchen holten die Menschen sich damals fremde Länder ins Haus, in die sie nicht wie ihre Nachfahren 100 Jahre später bequem per Pauschale reisen konnten.

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