Zeitung Heute : Wie sich Wissenschaft und Kunst befruchten

Holger Wild

Was haben sich ein Wissenschaftler und ein Künstler zu sagen? Nicht viel, könnte man meinen. Zu unterschiedlich sind nicht nur die Probleme und Fragestellungen, sondern schon die Herangehensweisen. Denkt der eine systematisch und analytisch, kommt der andere eher assoziativ und poetisch zu seinem Ergebnis.

Dennoch sind mehr als ein Fünftel der Professorinnen und Professoren an der Universität der Künste Berlin – 50 von 220 – Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler: Kunsthistoriker, Musik-, Theater-, Kulturwissenschaftler, Ingenieure, Didaktiker, Psychologen. Als künstlerische Hochschule kann die UdK Berlin mit etwas punkten, „das nur wir bieten: wissenschaftliche Tätigkeit in unmittelbarer Nähe zur Kunst“. Das sagt Christoph Gengnagel, Professor am Institut für Architektur und als Erster Vizepräsident der UdK Berlin zuständig für die Forschung an der Hochschule. „Das Interessante dabei ist die Spannung zwischen den Arbeits- und Erkenntnisprozessen der Wissenschaft und der Kunst.“

Gengnagel leitet selbst ein Forschungsprojekt, das ohne die Zusammenarbeit mit Praktikern nicht denkbar wäre. Die Frage ist, wie sich der Prozess des Entwerfens in der Architektur und im Design verändert hat, seit Stift und Papier durch Bildschirm und Maus ersetzt wurden.

Überhaupt ist Designforschung ein Feld, das an der UdK entwickelt werden soll. Diese noch recht junge Disziplin fragt nach den Strategien und Systematiken, die dem nur scheinbar intuitiven Gestaltungsprozess zugrunde liegen. „Hier werden theoretische Grundlagen gelegt, die für viele unserer Studiengänge von Bedeutung sind, für Architektur ebenso wie für Produkt- und Mediendesign und Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation", so Gengnagel.

Ganz konkret geht dagegen ein Projekt der Forschungsstelle Auditive Architektur vor, das sich mit der Klangumwelt des Ernst-Reuter-Platzes befasst: Wie hört sich dieser Verkehrsknotenpunkt an, was hört man da zu welcher Zeit und wie verteilt sich der Schall genau? Nach der Untersuchung sollen Vorschläge entwickelt werden, wie der Ernst-Reuter-Platz umgestaltet werden könnte, um ihn klanglich und damit generell aufzuwerten.

An der Fakultät Musik wiederum läuft ein Forschungs- und Dokumentationsvorhaben zur Musik-Remigration, also der Rückkehr von Musikern, Komponisten und ihren Werken ins Deutschland der Nachkriegszeit. Die Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG bewilligte dafür eine umfangreiche Förderung.

In der Regel setzt die UdK Berlin in ihren Forschungsprojekten auf Kooperationen: mit der benachbarten TU, anderen wissenschaftlichen Institutionen oder auch Unternehmen. Diesen Prozess der gegenseitigen Einflüsse und Anregungen zwischen Wissenschaftlern und Künstlern will die UdK in Zukunft noch verstärkt fördern. So hat sie einen Preis für interdisziplinäre Kunst und Wissenschaft gestiftet (siehe Seite 1 dieser Beilage). Sie hat als erste Kunsthochschule in Deutschland eine Graduiertenschule eingerichtet. Und als Beitrag zum Wissenschaftsjahr Berlin 2010 veranstaltete die UdK Berlin in der vergangenen Woche die Konferenz „Was wissen die Künste?“

„Als Universität muss es unser Anspruch sein, das Wechselspiel zwischen künstlerischer Praxis und wissenschaftlicher Methodik nicht nur produktiv zu machen, sondern auch zu reflektieren“, sagt Gengnagel. „Universität“ ist in diesem Zusammenhang übrigens sehr traditionell zu verstehen: Schon die Lehrpläne der ersten europäischen Universitäten sahen schließlich neben Logik, Grammatik, Geometrie, Arithmetik und Astronomie auch Fächer vor, die wir heute „künstlerisch“ nennen würden: Rhetorik und Musik.Holger Wild

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