Zeitung Heute : Wie stelle ich Freunde vor?

Elisabeth Binder

Immer wieder sonntags fragen Sie

Wie stelle ich bei einem privaten Dinner Freunde einander vor, die ich alle duze, die sich untereinander aber nicht kennen? Einige haben im Berufsleben offizielle Funktionen. Ich will niemanden zum „Du“ zwingen, es aber auch nicht zu steif werden lassen.

Lange fand ich die Sitte nett, dass man sich bei privaten Partys einfach duzt, ohne das vorher groß verabreden zu müssen und auch ohne den Zwang, dabei zu bleiben, wenn man sich später mal wieder trifft. Dass man auch mal vom „Du“ zum „Sie“ zurückkehren kann, hatten wir an dieser Stelle ja bereits erörtert. Je älter man aber wird, und je arriviertere Positionen die Freunde einnehmen, desto schwieriger wird es offenbar. In der Generation der heute 70-Jährigen war es noch durchaus üblich, auch gute Freunde ein Leben lang mit Herr und Frau Soundso anzureden.

Man könnte die Freunde einander mit Vor- und Nachnamen vorstellen. Dann darf Anna Müller selbst entscheiden, ob sie Jochen Weber mit „Du“ oder „Sie“ anredet. Darin steckt allerdings die Gefahr, dass unterschiedliche Temperamente aufeinander prallen mit unterschiedlichen Vorstellungen von Förmlichkeit. Das ist sicher auch eine Geschmacksfrage, aber mir erscheint es am elegantesten zu sein, wenn man die Freunde dazu kriegt, sich beim Vornamen zu nennen und trotzdem zu siezen. Damit vermeidet man voreilige Vertraulichkeit, es wirkt aber auch nicht bieder. Eine fürsorgliche Gastgeberin kann das gleich vorschlagen, verbunden mit einem kleinen Augenzwinkern. „Wo wir doch alle schon so furchtbar bedeutende Titel haben, fangen wir mal mit dem Vornamen an und warten einfach ab, ob sich die Lust zum Duzen irgendwann dazugesellt.“ So erspart sie ihren Gästen Unsicherheit und stellt gleich zu Beginn ihres Dinners eine entspannte Tonlage her. Wie man sich anreden soll, ist in unserer Sprache eine der schwierigsten Fragen überhaupt, die auch große Geister oft beschäftigt hat. Betrachten wir diese Fragen also als gutes Trainingsfeld für Sensibilität, für leises Ertasten, Erfühlen, wie man’s richtig macht. Es wäre schön, wenn wir so locker sein könnten, wie die Amerikaner, aber auch das lässt sich nicht erzwingen.

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