Zeitung Heute : Wie verhext

Rückenschmerzen kommen oft aus heiterem Himmel. Ein aktiver Lebensstil kann sie verscheuchen

Adelheid Müller-Lissner

Der Lehrer Stefan L. hatte gar keine besondere Bewegung gemacht. Er hatte sich einfach, wie an jedem anderen Morgen auch, auf sein Fahrrad geschwungen, um in die Schule zu fahren. Plötzlich tat sein Kreuz höllisch weh. Wie verhext. Was ihn in den nächsten Tagen plagte, heißt im Volksmund treffend „Hexenschuss“. Sein Arzt sprach von einer „Lumbalgie“ oder einem Lendenwirbelsäulensyndrom. Dabei beschränken sich die Schmerzen auf den unteren Rücken, das Kreuz.

Der Arzt hatte zunächst durch Untersuchung und Befragung ausgeschlossen, dass es sich um eine Ischialgie handelte, im Volksbund oft kurz „Ischias“ genannt. Der Ischias ist eigentlich der dickste und längste Nerv, der das Bein durchzieht. Seine Wurzeln liegen im Rückenmark, die Fasern nehmen ihren Weg durch den Rückenmarkkanal. Sie ziehen durch die Wirbelkörper bis in den Fuß. Wenn eine Nervenwurzel irgendwo im Bereich der Wirbelsäule irritiert wird, macht sich das oft in Taubheitsgefühlen und Lähmungserscheinungen im Bein und im Fuß bemerkbar.

Die Ursache kann ein Bandscheibenvorfall sein. Die Bandscheiben sind die Stoßdämpfer zwischen den 24 Wirbelkörpern. Ein Außenring aus Bindegewebe hält wie eine Art schützender Hülle einen gallertartigen Kern zusammen, der wie ein Wasserkissen die Druckunterschiede zwischen zwei Wirbeln ausgleicht. Beim gefürchteten Bandscheibenvorfall wölbt sich das weiche Innere dieses Puffers durch eine Schwachstelle in diesem „Kissenbezug“ aus Bindegewebe in Richtung Wirbelkanal vor. Drückt es dabei auf Nervenwurzeln, sind nicht nur starke Schmerzen, sondern auch Störungen der Sensibilität oder Lähmungserscheinungen in den Bereichen zu befürchten, für die der betreffende Nerv „zuständig“ ist. Solche Ausfälle können ein Grund für eine Operation sein.

Insgesamt aber ist die Diagnose Bandscheibenvorfall eher mit Vorsicht zu betrachten. Seit Ärzte die Bandscheiben mit speziellen Bildgebungsverfahren sichtbar machen können, wird sie häufig gestellt. Tatsache ist jedoch, dass man auch bei Menschen, die überhaupt keine Beschwerden am Rücken haben, aber aus anderen Gründen mit dem Computertomographen oder dem Kernspintomographen untersucht werden, häufig solche Vorfälle findet. Die Wahrscheinlichkeit dafür wächst mit dem Lebensalter: Mit 50 haben schon 50 Prozent der Untersuchten eine oder mehrere solcher verrutschten Bandscheiben. Aber viele haben gar keine Beschwerden. Andere Wirbelsäulen geben zwar ein tadelloses Bild ab – aber sie schmerzen. Die Therapie aber richtet sich nicht nach den Bildern, sondern nach den Beschwerden. „Im Moment wird noch viel zu oft mit Kanonen nach Spatzen geschossen“, meint deshalb Michael Zens, der Präsident der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes. Stefan L. wurde von seinem Arzt vernünftigerweise nicht empfohlen, sich röntgen zu lassen.

Wenn der Ischiasnerv sich bemerkbar macht, ist die Lage anders. Dann kann, etwa bei schweren Lähmungserscheinungen, auch eine Operation der problematischen Bandscheibe nötig sein. Auch wenn die Schmerzen länger anhalten, ist weitere Abklärung sinnvoll. Glücklicherweise erholen sich neun von zehn Kreuzschmerz-Geplagten innerhalb von zwei Wochen. Nur bei zwei bis sieben Prozent halten die Schmerzen länger als sechs Wochen an und werden chronisch.

Rückenschmerzen sind der häufigste Grund für Krankschreibungen. Auch Stefan L. hat zwei Tage seine temperamentvollen Drittklässler lieber nicht unterrichtet. Aber er hat den Rat beherzigt, sich nicht lang ins Bett zu legen, sondern körperlich möglichst aktiv zu bleiben – im Rahmen des Möglichen natürlich. Studien haben ergeben, dass es das Kreuz mit dem Kreuz nur verschlimmert, wenn man versucht, die Beschwerden „auszuliegen“: Es werden Muskeln abgebaut, die als natürliches Korsett gebraucht werden, die Gelenke können sich versteifen. Aktivität verringert dagegen den Schmerz, die Bewegungseinschränkungen und auch die Anzahl der Fehltage nachweislich.

Schmerzmittel können die Voraussetzung dafür schaffen. Ob auch Akupunktur gegen Kreuzschmerzen hilft, darüber ist von wissenschaftlicher Seite noch nicht das letzte Wort gesprochen.

Derzeit läuft in Deutschland eine große Studie verschiedener Krankenkassen, in der sie mit der gängigen Schmerzbehandlung verglichen wird. Mit der Chirotherapie (von griechisch cheir, die Hand), bei der der Behandler die schmerzende Rückenpartie manuell „zurechtrückt“, haben viele Patienten gute Erfahrungen gemacht. Die gerade veröffentlichten Ergebnisse einer Schweizer Studie, für die 5486 Kreuzschmerz-Fälle ausgewertet wurden, zeigen die Überlegenheit der Chirotherapie gegenüber Scheinbehandlungen, nicht jedoch im Vergleich zu herkömmlicher Physiotherapie und Schmerzmitteln. Auf jeden Fall darf die Therapie nur angewandt werden, wenn kein Bandscheibenvorfall vorliegt.

Stefan L. ist seinen Hexenschuss inzwischen wieder los. Er hat ein regelmäßiges Programm zur Kräftigung der Bauch- und Rückenmuskulatur gestartet. Ausdauertraining betreibt der sportliche Radler und Jogger sowieso. Wenn die Hexe trotzdem wieder in seine Lendenwirbelsäule schießt, wird er es mit Fassung tragen. Er weiß ja jetzt, dass die Folgen zeitlich überschaubar bleiben können.

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