Zeitung Heute : Wie verzaubert

Morgen eröffnet Königin Beatrix eine opulente Design-Inszenierung im Schloss Oranienbaum.

Willkommen im Schloss. Ohrensessel von Jurgen Bey laden zum Verweilen im Oranjesaal im Obergeschoss ein. Die Tapete mit den einheimischen Vögeln in orange ist von Wouter Dolk. Nur ein einziger Vogel im ganzen Raum ist blau gefärbt. Die Sessel darf man benutzen - der Besucher soll sich in seinem Schloss wohl fühlen.
Willkommen im Schloss. Ohrensessel von Jurgen Bey laden zum Verweilen im Oranjesaal im Obergeschoss ein. Die Tapete mit den...Foto: dapd

Der Oranjesaal wirkt fröhlich und lebendig. Orangefarbene Vögel zieren die hellgraue Endlostapete von Wouter Dolk, riesige Ohrensessel von Jurgen Bey mit jeweils einem extrem vergrößerten und lang gezogenen Ohr laden zum Verweilen ein. Prinzessin Máxima strahlt den Besucher an, und Königin Beatrix scheint voller Begeisterung jemandem etwas zuzurufen. Natürlich sind sie nicht leibhaftig in Oranienbaum in Sachsen-Anhalt im Schloss anwesend, wenngleich die Königin dort höchstpersönlich morgen die Ausstellung „Dutch Design – Huis van Oranje“ eröffnen wird. Die königlichen Damen sind als buntes Pop-Art-Holzrelief von Diederick Kraaijeveld über den beiden Kaminen des Oranjesaals zu sehen. Der prächtig-schlichte Saal im Obergeschoss des niederländischen Barockschlosses, das noch stets restauriert wird, scheint wie verzaubert. Ja, man ist willkommen, man darf sich in die großen Ohrensessel setzen, und wenn man mit seinem Gegenüber plaudert, merkt man die schallschluckende Wirkung der Sesselohren. Niederländisches Design ist oft ungewöhnlich, gewagt, verspielt, aber es erfüllt auch seinen Zweck – auf hohem handwerklichen Niveau.

Wer vom Titel her eine Designausstellung erwartet, sieht sich getäuscht. Der Besucher findet in jedem der 48 Räume – vom Keller bis zum Oranjesaal im ersten Stock – jeweils Kunstobjekte aus der Sammlung der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz, zu der Oranienbaum gehört, königliche Objekte höchster handwerklicher Perfektion aus dem Königlichen Hausarchiv in Den Haag, die nur nach Oranienbaum gelangen konnten, weil Königin Beatrix Schirmherrin der Restaurierungsarbeiten ist. Im Dialog mit diesen Schätzen der Vergangenheit sind nun die Objekte von rund 100 Designern zu sehen. Nicole Uniquole, Star-Kuratorin aus den Niederlanden, die längst nicht jeden Auftrag annimmt, hat sich von Stiftungsdirektor Thomas Weiss ohne Mühe freie Hand geben lassen. Sie arbeitet assoziativ und inszeniert eine Atmosphäre, die den Besucher als Gast im Schloss willkommen heißt. Man wandert durch die Räume und stellt Verbindungen her.

Da trägt eine junge Dame auf einem Gemälde ein Kleid mit üppigen Spitzenmanschetten – Nicole Uniquole fallen dazu sofort die fragilen durchbrochenen Schalen von Lilian van Daal ein. Die Vitrine steht nicht einfach auf einem weißen Kubus, wie so oft, sondern dieser ist mit einem Detail aus der Wandbemalung beklebt. So fügen sich die Vitrinen mit den Objekten nahtlos in die historische Umgebung des jeweiligen Raumes. Wo es geht, nimmt die Kuratorin Bezug auf die Funktion des Raumes. Im Trauerzimmer des Schlosses sind lauter Objekte in Schwarz zu sehen, und ein Chor aus Zwolle singt ein Trauerlied, das Henriette Catharina einst gesungen hatte. Im rosa Zimmer kennt man die Funktion nicht mehr, aber ein Teller aus Oranienbaum, ein Sonnenschirm von Königin Wilhelmina, ein modernes Sofa in Rosa schmücken den Raum. Bei aller Inszenierung der 350 Objekte entsteht nie ein museales Gefühl. Selbst die Kärtchen an den Objekten sind nur mit Namen und Titel kalligrafiert, dazu ein kleiner Stempel mit dem Symbol des Orangenbaums. „Alles andere steht ja im Katalog“, meint Nicole Uniquole.

Prunkstück des Schlosses ist der Ledertapetensaal aus dem 17. Jahrhundert. Hier ist ein Tafelservice von Königin Beatrix gedeckt zu bewundern, wie man es so nicht mehr zu sehen bekommen wird. Im gegenüberliegenden Flügel im ehemaligen Spiegelsaal hat der Glasdesigner Bernard Heesen seine Version eines Spiegelsaales aufgebaut. Auf einem langen verspiegelten Tisch stehen gewaltige Kristallglasobjekte, die er zum Teil von Trödelmärkten bekommt, verfremdet und durch seine Glasobjekte ergänzt. So entsteht ein kalter Kristallsaal, der an den Wänden Spiegel und Kartuschen aus dunklem Glas vorweist und so eine royale Eleganz ausstrahlt, die beispiellos ist.

Die Ausstellung zeigt auch Modeschöpfer wie Viktor & Rolf, Iris van Herpen und viele andere in einem märchenhaft-schönen niederländischen Ensemble fern der Heimat. Henriette-Catharina hätte an dieser Inszenierung ihre Freude gehabt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben