Zeitung Heute : Wie viel Fleiß für den Preis?

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Siemensmitarbeiter protestieren gegen Stellenabbau. Wie müssen in Zukunft die Lohnkosten aussehen, damit Unternehmen noch in Deutschland investieren wollen?

Die Statistik ist erschreckend. Mehr als 2000 Vollzeitjobs verlagern die Unternehmen derzeit ins Ausland – pro Tag. Trotz Steuerreform, Agenda 2010 und maßvoller Tarifabschlüsse ist der Wirtschaft menschliche Arbeit hier zu Lande noch immer zu teuer. Besonders betroffen sind Jobs in der Produktion. Die Ausbildung der Arbeiter in Osteuropa wird immer besser – deshalb investieren Firmen wie Continental, VW oder MAN in den neuen EUMitgliedsländern.

Eine der wichtigsten Ursachen sind die hohen deutschen Löhne und die Zusatzkosten, sagen zumindest die Vertreter der Wirtschaft. Entscheidend für die Firmen sind die Lohnkosten je produziertem Gut – und die liegen nur in der Industrie Norwegens höher als in Westdeutschland, hat das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft ausgerechnet.

Dass man die Löhne schlechterdings nicht kürzen kann, ist auch den Unternehmern klar. Die Alternative, von der viele ihre Belegschaften überzeugen wollen, läuft aber auf das Gleiche hinaus: Mehrarbeit ohne zusätzliche Bezahlung. Viele Betriebe arbeiten wieder 38 oder sogar 40 Stunden in der Woche, einige Chefs reden bereits von der 42-Stunden-Woche.

Bei den immensen Kostenunterschieden im Vergleich zu Osteuropa oder Asien reicht Mehrarbeit aber oft nicht aus. Experten bemängeln, dass die deutsche Wirtschaft nicht produktiv genug sei. Könnte sie mehr Waren und Dienstleistungen mit weniger Personal produzieren, wären auch die hohen deutschen Lohnkosten zu verschmerzen. Hier wiederum kommen die Politik und die Gewerkschaften ins Spiel: Die Unternehmen werden erst wieder mehr investieren, wenn sie die Rahmenbedingungen attraktiv finden. Den Firmen sind aber die Kosten für Steuern und Sozialversicherung in der Bundesrepublik zu hoch. Zudem, finden sie, muss es mehr Flexibilität bei der Produktion geben. Deshalb hat etwa Audi in Ungarn investiert: Die teuren Maschinen können rund um die Uhr laufen, an sieben Tagen in der Woche. Viele deutsche Betriebsräte lehnen das aber ab. brö

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