Zeitung Heute : Wie viel wiegt er denn jetzt?

UNSERE KLEINE FAMILIE

Tanja Stelzer

UNSERE KLEINE FAMILIE

Bevor sein Sohn geboren wurde, hatte unser Freund B. panische Angst, im Krankenhaus könnte sein Kind vertauscht werden. Um das zu verhindern, wollte er einen Edding-Stift mit in die Klinik nehmen, damit er seinem Kind, kaum dass es auf der Welt sein würde, einen schwarzen Fleck auf die Fußsohle malen könnte. Als die Wehen einsetzten, hat er nicht mehr an den Edding gedacht, aber als sein Sohn Daniel geboren war, wurde B. ohnehin klar, dass der schwarze Punkt überflüssig war.

Früher waren für B. und für mich alle Babys gleich, bestenfalls hatten sie unterschiedliche Augen- und Haarfarben. Heute wissen wir nicht nur, dass keines so aussieht wie das andere, sondern auch, dass jedes Kind schon mit einem fertigen Charakter geboren wird.

Ich habe da eine Theorie. Ich glaube, Babys sind wie ihre Geburt: Noah (Geburt: 18 Minuten) ist schnell und heftig. Wenn ich mit ihm ein Bilderbuch angucken will, blättert er so ungeduldig weiter, dass ich gar nicht damit hinterherkomme zu erklären: Ein Hund! Eine Katze! Eine Ente! Die Bilder interessieren ihn nicht, manchmal hält er das Buch auch falsch herum; eigentlich findet er nur das Umblättern toll. Viel lieber will er sowieso Klimmzüge an der Tischplatte machen, Leitern hochklettern und die Knöpfe der Stereoanlage abschrauben.

Daniel (Geburt: acht Stunden) nimmt sich alle Zeit der Welt, um seine Bilderbücher anzuschauen, überhaupt sitzt er gern da und saugt die Welt in sich auf. Neulich rief mich seine Mutter an, mit einem Tonfall, als würde sie von einem Aufenthalt im Wellness-Bad erzählen: Gerade hat Daniel anderthalb Stunden gespielt, und ich habe dieses prima Buch gelesen, kennst du das schon? Nein, kenne ich nicht, sagte ich und zupfte Noah ein paar Plastiksplitter aus den blonden Strähnen; er hatte ein paar CD-Hüllen durch die Gegend geworfen, jetzt steckten ihm die Splitter der zerbrochenen Hüllen wie kleine Speere in den Haaren. Um die gute Laune meiner Freundin auf ein für mich erträgliches Maß zu reduzieren, musste ich zu einem etwas perfiden Mittel greifen. Ich fragte sie, wie viel Daniel denn jetzt eigentlich wiegt. Vielleicht liegt es daran, dass Daniel nicht so gern turnt, jedenfalls ist er ein ziemliches Pummelchen.

Es gibt zwei Sorten von Kindern, hat unser Kinderarzt uns erklärt: den introvertierten, vergeistigten Typ, und den expressiv-körperlichen Typ. In welche Kategorie Noah fällt, ist nicht schwer zu erraten. Falls man jetzt schon irgendwelche Schlüsse auf Noahs berufliche Zukunft ziehen kann, würde ich sagen: Buchhalter wird er eher nicht.

Als ich noch Kind war, schienen mir meine Eltern die mächtigsten Menschen der Welt. Sie bestimmten, ob wir einen Hund bekamen, und sie konnten machen, dass die bösen Bären mich nicht im Traum besuchten. Jetzt, wo ich selbst Mutter bin, erscheinen mir Eltern völlig machtlos. Früher war ich immer genervt, wenn ich im Supermarkt Eltern beobachtete, die ihre brüllenden Kinder im Einkaufswagen durch die Gänge mit den Süßigkeiten schoben. Heute gucke ich die Eltern an mit einer Mischung aus Mitleid und Furcht, dass Noah auch mal so einer werden könnte. Ich ahne jedenfalls, dass der Einfluss der Erziehung ziemlich begrenzt ist.

Neulich hat übrigens B. angerufen, um uns mitzuteilen, dass er irgendwo gelesen hat, dicke Kinder seien schlauer als dünne. Er werde nun die Arbeit einstellen und darauf warten, dass sein Sohn einen Nobelpreis nach Hause bringt. Wir werden wohl noch ein paar Jahre weiterarbeiten müssen. Noah ist ein kleiner Fresssack. Dick wird er trotzdem nicht.

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