Zeitung Heute : Wie viel zurückfließt

Anselm Waldermann

Die Bundesnetzagentur will den Energiekonzern Vattenfall zu einer Senkung seiner Netzgebühren zwingen. Wird Strom jetzt billiger?


Das Signal ist deutlich: Um satte 18 Prozent will die Bundesnetzagentur die Netzentgelte des Stromkonzerns Vattenfall senken. Netzentgelte sind jene Gebühren, die das Unternehmen für den Betrieb seines Stromnetzes erhebt. Bleibt es bei der Entscheidung der Behörde, wird Strom auch für die Verbraucher billiger – allerdings in weit geringerem Umfang.

Die Leitungsgebühren unterliegen der Kontrolle der Bundesnetzagentur, weil der Netzbetreiber in seinem Gebiet faktisch Monopolist ist. Am gesamten Strompreis machen die Netzentgelte rund 30 Prozent aus. In ihrer aktuellen Entscheidung hat sich die Bundesnetzagentur allerdings nur die überregionalen Höchstspannungsleitungen angeschaut. Deren Betriebskosten machen gerade einmal drei Prozent am Endkundenpreis aus. Der weitaus größere Teil entfällt auf das regionale und lokale Verteilnetz. Eine Senkung der Gebühren für das Höchstspannungsnetz um 18 Prozent bedeutet für den Endkunden also eine Entlastung um nur 0,6 Prozent. Bei einem durchschnittlichen Berliner Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 2000 Kilowattstunden entspricht dies einer Ersparnis von 2,60 Euro im Jahr.

Dass Vattenfall die niedrigeren Netzentgelte tatsächlich an die Verbraucher weitergeben muss, betonte auch Berlins Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linkspartei). „Vattenfall ist verpflichtet, die Strompreise in Berlin unverzüglich zu senken“, erklärte er. Schließlich habe die Wirtschaftsverwaltung die jüngste Preiserhöhung im Mai nur unter Vorbehalt genehmigt: Sollten die Netzentgelte sinken, müsse sich das auch auf die Endkundenpreise auswirken, hatten Vattenfall und der Senat damals vereinbart. „Dieser Fall tritt jetzt ein“, sagte Wolf. Verbraucherschützer zeigten sich ebenfalls optimistisch. „Für die Stromkunden ist das ein guter Tag“, sagte Holger Krawinkel vom Bundesverband der Verbraucherzentralen dem Tagesspiegel.

Neben den direkten Preiseffekten bei Vattenfall hat die Entscheidung der Netzagentur für die Verbraucher einen weiteren Vorteil: Denn je niedriger die Netzgebühren sind, desto günstiger können andere Stromunternehmen am Markt auftreten. Schließlich müssen sie ihren Strom durch das Netz der großen Konzerne wie Vattenfall hindurchleiten. Konkurrenten wie Nuon und Flexstrom haben das Vorgehen der Netzagentur daher ausdrücklich begrüßt. „Das belebt den Wettbewerb“, sagte auch Verbraucherschützer Krawinkel. Je mehr Wettbewerber es gibt, desto schwieriger dürfte es für Vattenfall werden, seinen Strompreis weiter zu erhöhen. Kunden von Vattenfall könnten also doppelt profitieren.

Aus Sicht des Konzerns hingegen ist die Entscheidung der Netzagentur alles andere als erfreulich. Vattenfall befürchtet, dass sein Netz unter diesen Bedingungen nicht mehr wirtschaftlich geführt werden kann, insgesamt bedeute die Absenkung der Netzentgelte eine Ertragsreduzierung von 115 Millionen Euro. Das Unternehmen hat deshalb angekündigt, Beschwerde gegen den Bescheid einzulegen und alle nötigen Rechtsmittel auszuschöpfen. Ob die nächste Stromrechnung für die Verbraucher tatsächlich niedriger ausfallen wird, ist deshalb offen.

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