Zeitung Heute : Wie wehre ich Besucher ab?

Elisabeth Binder

Immer wieder sonntags fragen Sie

Wir wohnen seit zwei Jahren in Berlin – und unsere Wohnung wird langsam zum Hotel für Freunde von außerhalb. Wie können wir eine Grenze ziehen?

Aus Ihrer Frage spricht eine Haltung, die sich den Freunden aus der Provinz zutiefst verpflichtet fühlt. Fahren Sie denn auch dauernd aufs Land, um bei X oder Y ein paar Nächte zu verbringen und wahlweise Misthaufengeruch oder Kleinstadtluft zu schnuppern? Nein? Warum sollten Sie dann, nur weil Sie in einer attraktiven Stadt leben, Ihren Freunden und Bekannten ein Dauerhotel bieten? Es könnte doch sein, dass Sie gerade viel Stress haben. Oder es gibt irgendeinen ganz privaten Grund, der danach verlangt, dass Sie ein bisschen Ruhe haben. Sie brauchen den nicht zu nennen. Sie sind keine Rechenschaft schuldig.

Am nächsten freien Tag sollten Sie sich Ihren Partner schnappen und zur Touristeninformation gehen, zum Beispiel zu der im Europa-Center. Dort gibt es sehr schöne Broschüren mit Hotels und Pensionen in allen Preislagen. Wussten Sie, dass Berlin inzwischen das reinste Hostel-Paradies ist? Setzen Sie sich in ein nettes Lokal, schauen Sie sich die Broschüre durch auf Häuser, in denen Sie selbst gerne übernachten würden. Die drei besten sehen Sie sich live an und nehmen dort reichlich Prospekte mit. Wenn dann die nächste Anfrage von Freunden kommt, schicken Sie Ihnen diese mit dem Hinweis, dass Sie selbst im Moment leider niemanden unterbringen können. Ohne eine Begründung abzugeben. Wenn die Freunde Sie genauso gern sehen wie umgekehrt, werden sie trotzdem kommen. Das heißt nicht, dass Sie Besuch kategorisch ablehnen sollen.

Den Vater von fünf Kindern, der gerade seinen Job verloren hat und sich ein paar Tage lang in Berlin nach neuen Perspektiven umsieht, werden Sie vielleicht weniger zähneknirschend beherbergen als den leitenden Angestellten, der mit Frau und Kindern gern mal Bildungsurlaub für ein paar Tage auf lau macht. Grundsätzlich gilt, wenn Sie selbst Lust oder gute Gründe haben, Freunde bei sich zu Hause aufzunehmen, tun Sie es. Wenn nicht, kommen die Broschüren dran.

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