• Wie werde ich Präsidentin? Hillary Clintons Autobiografie sorgt für Wirbel – aber taugt ihr Leben als Vorbild für junge Frauen? Eine persönliche Analyse von Kerstin Kohlenberg.

Zeitung Heute : Wie werde ich Präsidentin? Hillary Clintons Autobiografie sorgt für Wirbel – aber taugt ihr Leben als Vorbild für junge Frauen? Eine persönliche Analyse von Kerstin Kohlenberg.

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Das kann sich der Papa doch alleine holen! Das war der Satz, den ich zu Hause gleich nach „Jetzt lass mich mal ausreden!“ am häufigsten gesagt habe. Eigentlich nicht gesagt, sondern eher genervtbeleidigt „geblökt“, zumindest fand das immer mein Vater. Wenn der dann auch gerade ein bisschen genervt-beleidigt war, dann wurde schnell auch mal gebrüllt und zurückgebrüllt. Trotzdem ist mir in der Uni immer kochend heiß geworden, wenn ich im Seminar etwas sagen wollte. Ich hab dann oft einfach nichts gesagt, und dann wurde mir vor lauter Wut noch heißer. Das ist Hillary Clinton bestimmt nie passiert. Sie hat mit 22 vor ihrem College die Abschlussrede gehalten. Frei.

Das Prinzip Hillary. Ist das ein Vorbild? Wenn man Geschichte vom Ende her denkt, dann auf jeden Fall. Wenn man sie vom Anfang her denkt, wenn ich mir die Fotos von der jungen Hillary angucke und ehrlich bin, dann wohl eher nein. Ihre uneitle Lupenglasbrille hätte wohl doch sehr lange zwischen uns gestanden. Und auch die Geschichte einer Freundin, die Hillary nach der Schule einmal fragte, ob sie ihr vielleicht Tennisstunden geben könne. Zur ersten Stunde erschien Hillary mit einem detaillierten Trainingsplan, der Dauer und Ziel des Unterrichts klar festlegte.

Also versuchen wir es vom Ende her. Was hat Hillary, das Angela Merkel nicht hat? Einen Vornamen. Einen, mit dem sie angeredet werden darf. Sie ist nicht Frau Merkel und hinter ihrem Rücken sagt man gerne „hihi, die Angie“. Margret Thatcher trug eine Handtasche, um daran zu erinnern, dass sie eine Frau ist. Hillarys Handtasche ist ihr Name. Er schafft Nähe, hat etwas Freundliches, klingt weniger hart. All das, was man den Frauen gerne nachsagt. Und der Name baumelt auch nicht unpassend am Arm, wenn man den Ellenbogen ganz freundlich und aus nächster Nähe mal einsetzen muss.

Joschka Fischer mit Abitur

Aber vor allem hat Hillary Clinton eine Geschichte. Eine, die man sieht. Natürlich ist das vor allem Bill, aber daneben gibt es all die Nebenhandlungen, die beim nahen Betrachten für ein Jahr Boulevard Bio, Entschuldigung ab jetzt Maischberger, reichen würden. Frauencollege, gewandelte Ex-Republikanerin, 68erin, gegen Vietnamkrieg, Jahrgangserste, eine der ersten Frauen in Yale, eine der besten Anwältinnen der USA, Kind… Vielleicht kann man sagen, ist Hillary Clinton eine Art weiblicher Joschka Fischer mit Abitur. Auch der hat einen respektablen Vornamen, auch der hat viel über sein Leben geredet, oder es wurde geredet. Er hat Herlinde Koelbl seine Beziehungsprobleme erzählt, und den langen Lauf zu sich selbst in einem Buch beschrieben. Das macht die Beliebtheit von Joschka Fischer aus, und die von Hillary Clinton.

Dass ich mir darüber überhaupt plötzlich Gedanken mache, dass ich dieses verhasste E-Wort denke (im nächsten Absatz kann ich es vielleicht auch schon schreiben) klar, das hat zum einen mit ihrem Buch „Gelebte Geschichte“, zu tun, das am Montag weltweit erschienen ist, aber auch damit, dass eine mir so selbstverständliche Entwicklung in vielen Unternehmen wieder zu Ausnahme geworden ist. Kolleginnen. Nachdem die vielen neuen, freien Jobs in den 90ern vor allem an viele neue, freie Frauen verteilt wurden, kam die Flaute und die Frauen verloren ihre Jobs. Sie waren halt zuletzt gekommen.

Aber warum versuche ich auch jetzt noch, das E-Wort so gut es geht zu vermeiden? Weil es irgendwie immer als Makel an einem haften bleibt. Emanzipation erinnert immer an die Saalwette von „Wetten dass…?“ Es war ganz egal, ob die Bremer gut singen konnten, Hauptsache es kamen viele und sie konnten wenigsten den Text von „Hoch auf dem gelben Wagen“. Das war meistens lustig, erfüllte die Quote, aber hinterließ immer einen schlechten Geschmack im Mund. Hillary sieht auf dem Cover des „Spiegel“ dagegen aus wie Lady Di, mit blonden Haaren ganz von Schwarz umhüllt, mit angewinkeltem Kopf. Die Verletzliche, die Lichtgestalt. Ein guter Geschmack.

Und das, obwohl sie im Gegensatz zu Frau Merkel und mir, das E-Wort völlig ungeschützt benutzt. Sie spricht über Abtreibung in Argentinien, über Frauen und Politik, Frauen und Wirtschaft, und Frauen im Allgemeinen. Anstatt – auf Nachfrage – nur zu sagen, seht her, es geht, macht es halt auch, dann brauchen wir über dieses tot debattierte Thema nicht zu sprechen. Anstatt so zu reagieren, spricht sie darüber, erinnert daran, schafft Öffentlichkeit.

Ein Bekannter hat mir einmal sein distanziertes Verhältnis zu einer sehr guten Kollegin so beschrieben: Mit der kann man noch nicht mal flirten. Könnte man mit Hillary Rodham Clinton flirten? Sie, die dem demokratischen Senator John Edwards, der ohne Voranmeldung an ihr Mikro wollte, an dem sie aber zu Ende zu sprechen gedachte, für alle im Senat hörbar zuraunte, „Steh einfach da und sieh gut aus, John.“ Sie, die sich ihren zukünftigen Mann, der sie wie einen 500 Euroschein, der auf dem Boden liegt, anstarrte, mit dem Satz näherte: „Ehe du mich noch länger anstarrst, und ich noch länger zurückstarre, können wir uns auch gleich vorstellen.“

Natürlich hebt Flirten die Stimmung und macht ein Gespräch netter, aber für die Junior-Hillarys ist es immer auch mit einer ungemeinen Anstrengung verbunden. Denn sie müssen danach jedes Mal wieder die für den Respekt nötige Distanz herstellen, ohne die Jungs vor den Kopf zu stoßen, denn man arbeitet ja mit ihnen. Die engsten Mitarbeiter von Angela Merkel: Frauen, und Hillary Clinton hatte im Weißen Haus ein ganzes Hillaryland voller Frauen um sich herumgruppiert. Und auch wenn der Journalist Joe Klein schreibt, dass etliche Bewohner in Hillaryland wegen des Leistungsdrucks, den Hillary ausübte, unter dem Tippi-Hedren-Syndrom litten – „sie sahen aus, als fürchteten sie, im nächsten Augenblick von Hitchcocks Vögeln angegriffen zu werden“, räumt er auch ein, dass keiner ihrer Mitarbeiter sie je verraten hat oder im Nachhinein eine „Nichts-als-die-Wahrheit-Enthüllung“ geschrieben hat. Und nur zwei der 16 Mitarbeiter haben in den acht Jahren ihr Büro verlassen.

Was hat sie noch? Durchhaltevermögen, und zwar auch unter widrigen Umständen. Jetzt kann man nicht unbedingt sagen, dass First Lady zu sein auf den ersten Blick ein widriger Umstand ist, aber für jemanden, der noch nicht einmal das Wort First Lady erträgt, und daher für sich den Begriff „Presidential Partner“ erfindet, kann man das schon so sehen. Sie hat ihren Ehrgeiz niedergezwungen und viel an sich geändert. Sie hat ihren Namen geändert, nachdem die Geburtsanzeige ihrer Tochter zu Verstimmungen in Arkansas geführt hat. „Bill Clinton und Hillary Rodham haben eine Tochter“ stand da. Also nannte sie sich zuerst Rodham-Clinton, dann Clinton, jetzt geht auch wieder Rodham-Clinton. Sie stieg auf Kontaktlinsen um, färbte ihre Haare blond und bemühte sich um die Weihnachtsdekoration. Sie hatte kapiert, dass sie erst ein bisschen gewöhnlicher werden musste, um den Leuten die Angst vor ihrem Ehrgeiz zu nehmen, und um die nötige Sympathie zu sammeln, die ihr langfristig politische Unterstützer einbringt. Sie hat sich ein Trojanisches Pferd aus Plätzchen gebacken.

Babyshower

Dass sie darin so gut war, hat auch mit drei Dingen zu tun, die mir wohl immer fremd bleiben werden: Sie ist sehr gläubig (sie soll nach ihrer verunglückten Gesundheitsreform sogar einige Male mit einem New Age Doktor im Solarium des Weißen Hauses meditiert und so mit Eleanor Roosevelt und Mahatma Gandhi gesprochen haben. Als der Doktor auch Jesus anrufen wollte, habe sie die Sitzungen aber abgebrochen. Zu persönlich.). Sie findet, dass Eltern, wenn sie sich nicht mehr lieben, wenigstens zum Wohle der Kinder zusammenbleiben sollten, und Sex würde sie auch gerne erst mit dem Führerschein verabreichen. Mit 21 in den USA. Alles Vorschläge, die viel Disziplin erfordern.

Die pure Lust dagegen muss man empfinden, wenn man das Bad in der Masse genießen will. Hillary aber wartet lieber im Auto, bis es weitergeht im Programm. Muss sie sich da ändern? Als die demokratischen Präsidentschaftskandidaten sich kürzlich bei einer Veranstaltung der Öffentlichkeit präsentierten, veranstaltete Hillary Clinton für ihre ehemalige Pressesprecherin eine „Babyshower“, eine Babydusche, das traditionelle amerikanische Schwangerenbeschenken. Duschen statt dumm rumstehen, hat sie sich wohl gedacht, und den Männern mit einer Veranstaltung, die weiblicher nicht sein kann, die Öffentlichkeit gestohlen. Sie schafft Nähe durch Ereignisse, nicht durch Körperkontakt. In diese Kategorie der Ereignisse gehört auch ihr Buch. Sie bietet ihr Leben an, und macht damit 100 Bäder in der Menge gut.

Als Hillary 1969 die Abschlussrede vor ihrem Mädchen-College hielt, sagte sie: „Das Problem mit dem Mitleid ist, dass Mitleid uns nirgendwohin bringt.“ Mitleid war für sie ein Gefühl, das Kompromisse begünstigt und Ratlosigkeit in sozialen Fragen überdeckt. Diese Ansicht brachte sie damals ins „Life“ Magazin. Ihr Versuch, eine große, kompromisslose Gesundheitsreform in der ersten Präsidentschaft ihres Mannes auf die Beine zu stellen, brachte sie auf den Boden der Tatsachen. Sie konnte keine Mehrheit für die Reform gewinnen, weil sie zu viel auf einmal wollte. Weil sie eine grundlegende Reform wollte und keine Kompromisse. Es sollte eine Reform zum allgemeinen Versicherungsschutz der Amerikaner werden und unter größter Geheimhaltung wurde daran gearbeitet. Alle Arbeitgeber sollten verpflichtet werden, eine Krankenversicherung für ihre Arbeitnehmer abzuschließen. Dagegen protestierten die Mittelständler. Den detaillierten Plan, den sich Hillaryland ausgedacht hatte, damit die Kosten nicht aus dem Ruder laufen, hat im Kongress keiner mehr kapiert. Zu viel Bürokratie, zu viel Regulierung hieß es. Hillary aber wollte nichts an der Reform ändern, wurde laut und auch ein bisschen überheblich. Was übrig blieb, war eine große Niederlage. Aber sie hat weitergemacht, und mit der Zeit sind die Kompromisse in ihr Leben eingezogen.

Dafür wird sie von linken Gruppen wie den Armenverbänden, Schwarzenrechtlern, Schwulenrechtlern und den Kinderhilfsorganisationen, denen sie immer sehr nahe stand, schwer kritisiert. Hillary ist weniger angriffslustig, weniger radikal. Sie arbeitet im Kongress daran, sich als kompromissbereiten Politik-Partner zu empfehlen. Sie wählt, wie ihr Mann den dritten, nicht den linken Weg, weil er Mehrheiten verspricht – und 2008 vielleicht die Macht. Sie hatte schon einmal Glück mit einem trojanischen Pferd. Warum sollte es dieses Mal anders sein?

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