Zeitung Heute : Wie werden wir mit Niederlagen fertig?

Andreas Austilat

Es ist ein kurzes Rennen. Der Einlauf beginnt um sechs, fünf Minuten später ist er schon zu Ende. Dann liegen die ersten Hochrechnungen vor. So ist das bei Wahlen in Deutschland, so wird es auch heute in Berlin wieder sein. Irgendjemand, das ist sicher, wird gewonnen haben, und ein anderer verloren. Mag sein, dass die Kandidaten es ganz anders sehen werden. Aber das ist schon Teil des Problems, der Frage nämlich: Wie werden wir mit Niederlagen fertig?

Man kennt die Bilder, wenn Fußballer angesichts der Niederlage im Moment des Abpfiffs weinend zu Boden gehen oder wütend den Schiedsrichter attackieren, wenn sich alle Anspannung im emotionalen Ausbruch löst. Auch das ist eine Form, mit Niederlagen umzugehen, aber sie macht sich nicht so gut vor laufender Kamera. Denkbar auch, dass der Athlet mit Umbewertungstechniken reagiert, wie der Sportpsychologe Oliver Stoll von der Universität Halle das nennt, etwa wenn ein Langstreckenläufer erkennt, dass seine Bestzeit nicht mehr drin ist und er sich nun an einer neuen Marke orientiert. Coping nennen Psychologen solche Strategien, die Emotion zu beruhigen und das Erlebte kognitiv, also auf der Erkenntnisebene, zu bewältigen. Nicht schwer, das Beispiel auf die Politik zu übertragen, "sicher sind wir enttäuscht", wird der Kandidat vielleicht sagen, "aber vergleichen Sie mal mit ...", und dann wird er noch schlechtere Umfrageergebnisse der letzten Wochen zitieren oder noch ungünstigere Wahlergebnisse vergangener Zeit.

Solche "Abwärtsvergleiche" sind nicht ohne Risiko. Wer sich stets an Unterlegenen misst, täuscht sich vielleicht selbst über seine eigenen Schwächen, wird sich kaum verbessern, sagt Dagmar Stahlberg, Sozialpsychologin an der Universität Mannheim. Für das bedrohte Selbstwertgefühl des Verlierers kann die Strategie dennoch hilfreich sein. Und damit gleichsam gesund. Denn, auch das scheint klar, es gibt Bewältigungsstrategien, die krank machen.

Wie sehr uns eine Niederlage trifft, hängt von eben jenem Selbstwertgefühl ab, dem Bild, das wir von uns haben. Eine verlorene Partie "Mensch ärgere Dich nicht" tangiert uns nicht - sie sollte es zumindest nicht. Eine Niederlage, die unsere Existenz gefährdet, werden wir als Bedrohung empfinden. Dem Berufspolitiker wird sie denn auch mehr zu schaffen machen, als jenem, dem noch andere Karrieren offen stehen. Aber allen gemeinsam ist der Drang, das Selbstwertgefühl zu schützen. Und es spricht einiges dafür, dass letztlich nicht Erfolg oder Misserfolg diesen Teil der Identität nachhaltig schädigen, sondern die Ursachen, auf die wir das Ergebnis zurückführen.

Attribution nennt man den Bewältigungsprozess in der Psychologie, erklärt Bernd Strauss, Sportpsychologe an der Universität Münster. Attribution wird im wesentlichen beeinflusst durch vier Faktoren. Zwei werden als die internen und die externen Ursachen beschrieben, jene, die in uns selbst begründet sind und solche, die von außen auf den Akteur wirken. Die anderen beiden betreffen die Zeitebene: ist mit diesem Ergebnis immer so zu rechnen, oder nur dieses eine Mal, Psychologen nennen das stabil oder variabel.

Sieger neigen dazu, ihren Erfolg mit ihrer eigenen Leistung zu begründen, Verlierer dagegen werden die Ursachen eher außen suchen. Auf Sportler übertragen heißt das, sie werden vielleicht die Bodenverhältnisse oder das Wetter kritisieren. Am Beispiel Politik haben Wissenschaftler der Universität Michigan amerikanische Kongresswahlen untersucht und ihr Ergebnis in einer allerdings schon älteren Studie beziffert. Die Probanden hatten den Anteil zu bewerten, den Partei, Programm und Kandidat am Wahlausgang hatten: Sieger führten die Wahlentscheidung zu zwei Drittel auf sich zurück, Verlierer glaubten, dass ihre Person den Ausgang nur zu einem Drittel beeinflusst hätte.

Auch diese Strategie ist nicht ungefährlich. Wer allzu offensichtlich und dauerhaft die Schuld anderen, den Erfolg aber sich selbst zuschreibt, wird mit sozialer Abwertung bestraft, sagt die Sozialpsychologin Dagmar Stahlberg. Trotzdem bleibt dem Verlierer im ersten Moment vielleicht nichts anderes übrig, um Frustrationen wirksam zu begegnen. Und vielleicht bewahrt ihn das vor schlimmerem. Denn wer allzu schnell bereit ist, Niederlagen stets auf die eigenen Fähigkeiten zurückzuführen, eignet sich keineswegs zum Vorbild. Er leidet vielmehr unter einem angeschlagenen Selbstwertgefühl. Fataler noch, er läuft Gefahr über kurz oder lang in Depressionen zu verfallen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!