Zeitung Heute : Wie wichtig ist die Masern-Impfung?

Der Tagesspiegel

Als im oberfränkischen Coburg eine Masern-Epidemie ausbrach und fast 1000 Menschen erkrankten, war keine Rede mehr von einer harmlosen Kinderkrankheit. In Berlin sind die Zahlen jedoch andere: Lediglich 15 Menschen erkrankten in diesem Jahr an Masern, im letzten Jahr waren es insgesamt 46.

Dennoch nehmen viele Berliner die Masern-Schutzimpfung nicht ernst genug, heißt es aus der Senatsgesundheitsverwaltung. Besonders kritisch sei der Durchimpfungsgrad im Westen der Stadt. Hier sind nur 86 bis 89 Prozent aller Menschen gegen Masern geschützt. Dieser Wert liegt an der unteren Grenze der von der Senatsgesundheitsverwaltung empfohlenen Durchimpfungsrate von 85 bis 95 Prozent. Im Ostteil der Stadt, wo die Masern-Schutzimpfung bis zum Mauerfall Pflicht war, sind 92 bis 93 Prozent geimpft.

Das Robert-Koch-Institut empfiehlt, Kinder im Alter von 11 bis 14 Monaten das erste Mal gegen Masern impfen zu lassen. Eine zweite Impfung sollte im Alter von 15 bis 23 Monaten erfolgen. Die im Impfserum enthaltenen abgeschwächten Masernviren rufen bei einigen Kindern Nebenwirkungen wie Hautrötungen und leichtes Fieber hervor. In seltenen Fällen sind auch Lungen-, Mittelohr- oder Nebenhöhlenentzündungen die Folge. In einer von einer Million Impfungen kommt es sogar zu einer gefährlichen Hirnentzündung.

Dagegen liegt die Wahrscheinlichkeit einer Hirnentzündung sehr viel höher, wenn die Masern ausgebrochen sind. Jedes 1000. Kind erkrankt dann und trägt nicht selten bleibende Schäden davon. Auch wenn heute dank der Intensivmedizin nur noch sehr wenige Menschen an Masern sterben, seien sie dennoch keine harmlose Kinderkrankheit, sagt die Sprecherin des Koch-Institutes, Susanne Glasmacher.

Viele naturheilkundlerisch und anthroposophisch orientierte Mediziner raten gleichwohl von der Impfung ab. Sie beeinträchtige die natürliche Entwicklung des Immunsystems, sagt Arne Krüger, Vorsitzender des Fachverbands Deutscher Heilpraktiker Berlin-Brandenburg. Wenn die Kinder schon geimpft werden sollen, rät Krüger den Eltern, die Impfung, die bislang mit der Röteln- und Mumps-Schutzimpfung kombiniert wurde, aufzusplitten. „Es ist nicht zwingend notwendig, dass Mädchen gegen Mumps und Jungen gegen Röteln geimpft werden“, sagt Krüger. Kinder, die empfindlich auf Impfungen reagieren oder Neurodermitis haben, sollten gar nicht geimpft werden. In diesen Fällen sollen die Eltern aber sicherstellen, dass ihre Kinder an Masern erkranken, da die Krankheit bei Erwachsenen wesentlich schwerer verläuft.

Ärzte, die eine Masernschutzimpfung ablehnen, seien in Berlin deutlich in der Minderheit, sagt Peter Ulbricht, vom Berufsverband der Kinder und Jugendärzte. Ulbricht empfiehlt die Schutzimpfung ausdrücklich. Er kenne mehrere Kinder, die nach der Krankheit schwere Hirnschäden davongetragen haben.

Dass die Ärzte für diese Impfungen immer schlechter bezahlt werden, hält Anette Kurth von der Kassenärztlichen Vereinigung Berlins, für den Grund des schlechten Impfschutzes in der Stadt. Angesichts der geringen Bezahlung entstehe bei einigen Medizinern der Eindruck, die Impfung sei heute nicht mehr so wichtig. Annekatrin Looss

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