Wie wir lesen : Die Welt von S bis E

Von Bas Kast

Der britische Schriftsteller Ian McEwan hat einmal gesagt: Wenn Frauen nicht mehr lesen, ist der Roman tot. Heute wird die Leipziger Buchmesse eröffnet. Vier Tage lang wird es dann wieder gefeiert, das Buch. Das Lesen. Und damit feiern wir auch, wenn man so will: einen weiblichen Zugang zu dieser Welt.

Frauen lesen anders, Männer auch. Frauen lesen mehr Bücher, Männer mehr Zeitung. Wenn Männer überhaupt zu einem Buch greifen, dann eher zu einem Sachbuch. Jeder Buchhändler weiß das, und Studien bestätigen es, zum Beispiel eine der Stiftung Lesen. Sie ergab nicht nur, dass Frauen mehr Bücher lesen, sondern Frauen lesen auch aus anderen Motiven. Zwei Drittel der Frauen geben an, sie lesen, um sich zu entspannen. Männer lesen, um sich zu informieren. Lesen aber, Lesen als Erlebnis, das hat etwas mit Muße zu tun. Mit Zeit. Mit Entschleunigung, Entspannung. Informieren kann man sich auch zwischendurch.

Was heißt das in einer Zeit, in der es immer weniger Zeit gibt, sich auf ein Buch einzulassen? In der immer weniger gelesen und immer mehr gescannt wird? Denn auch das belegen Studien: Junge Leute lesen ein Buch oft nicht mehr von Anfang bis Ende, sondern in Häppchen. Sie scannen. Lässt sich „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ scannen?

In Romanen stehen die subjektiven Perspektiven eines Menschen im Vordergrund. Es geht darum, sich in Figuren einzufühlen. Es geht um Assoziationen und Gefühle. Natürlich spielen Gefühle auch in Zeitungen und Sachbüchern eine Rolle, ihre erste Funktion aber ist eine andere: Sie sollen informieren. Sollen Fakten, Zahlen, Berichte, Hintergründe liefern. Das Wort „Ich“ kommt zwar vor, aber ausnahmsweise. Ein Sachbuch oder ein Artikel lässt sich zusammenfassen, man kann die Fakten herausdestillieren und in Häppchen präsentieren. Bei einem Roman ginge dabei das Wesentliche verloren. Die Erfahrung, die einmalige Perspektive eines Menschen lässt sich nicht in Infohäppchen übersetzen. Ein „kafkaeskes“ Erlebnis kann man nicht mit einem Power-Point-Vortrag vermitteln. Es ist eine andere Form des Wissens. Gefühltes Wissen versus Faktenwissen.

In der Psychologie gibt es die – zugegeben umstrittene – Hypothese, Männer seien von der Tendenz her mit einem S-Hirn ausgestattet, während Frauen eher ein E-Hirn hätten. S steht für Systematik, E für Einfühlungsvermögen. Es sind zwei unterschiedliche Wege, auf diese Welt zuzugehen, sie zu verstehen. Eine Frau fragt: „Wie fühlt sich das an?“ Ein Mann fragt: „Wie funktioniert das?“ Antworten auf die erste Frage findet man im Gespräch oder in Romanen. Antworten auf die zweite Frage durch einen Blick in Wikipedia oder in Sachbüchern.

Und selbstverständlich erfährt man etwas ganz anderes, wenn man bei Marcel Proust auf 100, 200 oder 300 Seiten mit seiner Eifersucht mitlebt, mitleidet, sie spürt, oder wenn man bei Wikipedia den Eintrag zum Thema Eifersucht studiert. Erfahrung versus Fakten. E gegen S.

Wenn es nun so ist, dass wir immer weniger lesen, dann wäre eine Vorhersage, dass unser Einfühlungsvermögen leiden wird. Es heißt, unsere Gesellschaft wird weiblicher, und das wird sie in vieler Hinsicht auch, aber auch in dieser? Ein Problem autistischer Menschen ist, dass es ihnen an Einfühlungsvermögen fehlt. Manche Experten glauben, Autismus sei das männliche S-Hirn in seiner Extremform: So nehmen Autisten keinen Augenkontakt auf, viele von ihnen interessieren sich zwar für Fakten und hoch spezielles Detailwissen, nicht aber für Menschen. Der reine S-Zugang zur Welt.

Sind wir auf dem Weg in eine autistische S-Gesellschaft? Mag sein, dass diese Überlegungen stark vereinfacht sind, zugespitzt. Aber wenn auch etwas Wahres darin liegt, dann würde das einmal mehr den Wert von Buchmessen hervorheben. Von Orten und Veranstaltungen, die das Buch und das Lesen feiern. Bücher sind ein anderer Zugang zur Welt. E- statt S-Klasse. Die Wirklichkeit erfahren statt scannen. Einfühlungsvermögen und Perspektiven anderer Menschen lernt man nicht nur über Bücher und Romane, schon klar. Aber sie sind der differenzierteste und vielleicht schönste Weg dazu.

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