Zeitung Heute : Wie zwei Skorpione in der Flasche

Der Tagesspiegel

Israelis und Palästinenser brauchen Hilfe aus Europa, damit der Irrsinn aufhört

Von Norbert Blüm

Ab einer bestimmten Höhe der Gewalteskalation verliert die Frage nach Schlag und Gegenschlag ihren Sinn. In den Blutlachen der getöteten Kinder ist die Zuordnung, ob es sich um ein Angriffs- oder um ein Vergeltungsopfer handelt, eine zynische Buchhaltung.

Ich war vor kurzem in Israel und bei den Palästinensern: Hass und Angst und Rache sind dort zu einem explosiven Gemisch geworden, aus dem kein Frieden entstehen kann.

Ja, die Israelis fürchten um die Existenz ihres Staates, und sie schlagen blindwütig um sich. Die Geschichte ihrer Vertreibung und der Pogrome sitzt tief im kollektiven Gedächtnis, und sie zittern um das Stückchen Erde, das ihr Staat Israel ist. Die palästinensischen Selbstmordattentäter befördern diese Angst und steigern die Gewalt. Wer hat angefangen? Diese Frage verschwindet im Teufelskreis der Wut.

Hat Ariel Scharon ein Konzept? Will Jassir Arafat den Frieden? Ich weiß es nicht. Die militärische Strategie hat jedenfalls nicht zum Ziel geführt. Das gibt selbst das Militär im Gespräch kleinlaut zu. Weiß das Scharon? Sein Besuch des Tempelberges im September des Jahres 2000 mit 2000 Polizisten war kein Akt der Klugheit, sondern eine Provokation, die dem Wahlkampf dienen sollte. Ariel Scharon ist offenbar kein Mann der Besonnenheit, die jetzt lebenswichtig ist. Auf der anderen Seite kulminiert ein menschenverachtender Fanatismus.

Jeder palästinensische Selbstmordattentäter ist neues Öl im Feuer der Aggression, und jede Vergeltung Nachschub für islamistische Fundamentalisten. Aber es kann kein guter Gott sein, der Wohlgefallen hat, wenn islamistische Sebstmordattentäter die friedlichen Gäste einer Diskothek in die Luft sprengen. Ariel Scharon mag Jassir Arafat nicht. Will er ihn beseitigen? Scharon sollte wissen, es führt kein Weg an Arafat vorbei.

Zwei, auf die kein Verlass ist

Arafat ist kein Mann, der Zusagen einhält. Das stimmt. Aber haben sich auf der anderen Seite die Israelis an Vereinbarungen gehalten? Die Siedlungspolitik von Scharon jedenfalls steht im Widerspruch zu Absprachen und Vereinbarungen.

Am Montag vergangener Woche verkündeten uns nachmittags unsere israelischen Gesprächspartner im Hause des Ministerpräsidenten freudig, dass Arafat sich jetzt frei in Palästina bewegen könne. Wenige Stunden später umzingelten israelische Panzer Arafats Hauptquartier und überzogen Ramallah, die Stadt, in der er residiert, mit Zerstörung. Man fühlt sich nachträglich in solchen Gesprächen auf den Arm genommen.

Gibt es trotz all dem eine Lösung? Die Saudis wollen, dass die arabischen Staaten den Bestand Israels garantieren, und die Uno spricht erstmals seit 1947 offiziell vom palästinensischen Staat. Die USA stimmen zu. Das sind zwei Strohhalme, die von beiden Seiten zur Rettung aus der Todesfalle ergriffen werden müssen.

Funkenflug von den Siedlungen

Der erste Schritt ist: "Schluss mit der Gewalt und direkte Verhandlungen zwischen beiden Seiten, und zwar sofort!"

Ohne Kompromiss gibt es keinen Frieden. Auf der einen Seite werden nicht alle palästinensischen Flüchtlinge nach Israel zurückkehren können. Das würde den demokratischen Staat Israel ausheben und um seine Identität bringen. Auf der anderen Seite werden die Israelis ihre Siedlungspolitik in den Palästinensergebieten korrigieren müssen. Diese Siedlungen erzeugen einen permanenten Funkenflug, an dem sich die alltäglich gewordenen Explosionen entzünden. Ein Kompromiss zwischen Flüchtlings- und Siedlungsfrage muss her.

Der Kompromiss ist eine der größten Erfindungen der Zivilisation. Jedenfalls haben die Kompromissfähigen den Frieden in der Geschichte der Menschheit weniger gefährdet als die ideologischen Durchsetzer. Jetzt also ist Kompromissfähigkeit gefragt. Alleine werden die Streitenden weder den Kompromiss noch den Frieden schaffen. Palästinenser und Israelis benehmen sich wie zwei Skorpione, die in einer Flasche eingesperrt sind.

Die arabische Welt, die USA und Europa müssen die Streitenden aus diesem gläsernen Gefängnis ihrer Aggressionen herausholen und von der schwindelnden Höhe der Gewalt auf die Ebene zivilisierter Verhandlungen bringen. Dazu müssen Hamas und anderen Terroristen die Waffen aus den Händen geschlagen werden. Sofort! Wenn der Nahe Osten explodiert, und wenn Atom- und/oder chemische und/oder biologische Waffen eingesetzt werden, dann setzt sich ein Flüchtlingsstrom in Bewegung und strandet in Europa. Deshalb muss Europa handeln. Und wenn Israelis und Palästinenser jetzt nicht verhandeln, muss ihnen jede Unterstützung gestrichen werden. Ohne Druck bewegt sich in dieser festgefahrenen Situation nichts mehr.

Die drei großen monotheistischen Religionen haben ihr Quellgebiet im Nahen Osten. Die Kernbotschaft der Muslime, Juden und Christen ist, dass alle Menschen Kinder Gottes sind. Der Zustand der Welt entspricht nicht den Verhältnissen der Geschwisterlichkeit. Die Botschaft der drei monotheistischen Religionen darf nicht in heiligen Büchern vergraben werden.

Ja, die Deutschen sind Freunde Israels. Aber Freunden hilft man nicht, indem man sie sehenden Auges in die Sackgasse rennen lässt.

Der Autor war 16 Jahre Arbeits- und Sozialminister in den Regierungen von Helmut Kohl. Er schreibt Reise- und Kinderbücher und verlässt nach der Wahl den Deutschen Bundestag.

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