Zeitung Heute : Wiederentdeckter Reichtum

Forscher der Freien Universität legen vollständige Checkliste aller Pflanzenarten Griechenlands vor.

Christian Wolf
Der Judasbaum (links) ist in der
Der Judasbaum (links) ist in der

Griechenland verfügt über einen immensen botanischen Reichtum. Berücksichtigt man die Pflanzenarten pro Fläche, stellt Griechenland sogar die artenreichste Region in Europa dar. Das in diesen Tagen erschienene Buch „Vascular Plants of Greece: An annotated checklist“ (Gefäßpflanzen Griechenlands: Eine Checkliste mit Anmerkungen) belegt das eindrucksvoll. Viele Pflanzenarten konnten durch die Forschungen, die zur Erarbeitung der Checkliste notwendig waren, erstmals für Griechenland nachgewiesen werden: Von der Kretischen Dattelpalme bis zur Griechischen Königskerze listet das Buch mehr als 5700 Pflanzenarten und knapp 1900 Unterarten auf. Neben der Griechischen Botanischen Gesellschaft war an dem Forschungsprojekt der Botanische Garten und das Botanische Museum Berlin-Dahlem (BGBM) der Freien Universität Berlin beteiligt; gemeinsam sind sie die Herausgeber des Buches.

„Der Anlass für diese Checkliste war ein ganz konkreter Bedarf“, sagt Thomas Borsch, Direktor des BGBM und Professor für Systematische Botanik und Pflanzengeografie. „Es gab schlicht und ergreifend keine vollständige Liste aller Pflanzenarten in Griechenland. Jedes Land und jede Region benötigt aber einen Überblick über die Pflanzenarten, die dort vorkommen.“ Schließlich seien weder der Schutz noch die nachhaltige Nutzung von pflanzlicher Vielfalt möglich, wenn man nicht wisse, welche Pflanzen es überhaupt in einer Region gebe. Man könne dann auch keine Rote Liste der gefährdeten Arten erstellen.

Wissenschaftler der Griechischen Botanischen Gesellschaft sowie des Botanischen Gartens und Botanischen Museums der Freien Universität Berlin setzten sich daher das Ziel, die Datenlücke zu schließen. Acht Botaniker – fünf aus Griechenland, zwei aus Deutschland und einer aus Dänemark – nahmen in dreijähriger Arbeit die Pflanzenwelt des Mittelmeeranrainers unter die Lupe. Der ostmediterrane Raum, insbesondere Griechenland, ist seit rund hundert Jahren ein Forschungsschwerpunkt des Botanischen Gartens und des Botanischen Museums. Man habe deshalb auf viel Erfahrung und Material zurückgreifen können, sagt Thomas Borsch: „Wir haben in unserem Haus einige hunderttausend Pflanzenbelege aus Griechenland und den Nachbarländern.“ Diese Sammlungen ermöglichten den Wissenschaftlern oftmals überhaupt erst, bestimmte Pflanzenarten anhand detaillierter Vergleiche zu identifizieren. „Griechenland verfügt über eine solche Artenvielfalt, dass es unmöglich ist, alle Arten einwandfrei im Feld zu bestimmen.“ Bei der Abgrenzung brachte vor allem der promovierte Pflanzenkundler Thomas Raus seine Expertise ein. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am BGBM und hat sich über dreißig Jahre lang mit der Flora Griechenlands beschäftigt.

Und noch in einem weiteren Punkt war die internationale Zusammenarbeit fruchtbar: „Wir haben den griechischen Kollegen unsere Bibliothek für Botanik zur Verfügung gestellt, die weltweit zu den umfassendsten zählt“, sagt Thomas Borsch. Schließlich sei es auch darum gegangen, bereits vorhandenes Wissen und den aktuellen Stand der Forschung zusammenzutragen – inklusive der neuesten molekularbiologischen Untersuchungsergebnisse. „Umgekehrt haben uns die griechischen Kollegen etwa bei der Feldforschung vor Ort unterstützt. Es war eine sehr angenehme und ausgewogene Kooperation.“

Der Lohn der ganzen Mühe ist von enormer Bedeutung für Botaniker, Vegetationskundler, Ökologen und Naturschützer. Die Checkliste wird Behörden und Nichtregierungsorganisationen, die in Griechenland im Umweltbereich tätig sind, als Standard-Nachschlagewerk dienen. „In Bezug auf das Buch waren uns zwei Dinge wichtig“, sagt Thomas Borsch. „Es sollte hohen wissenschaftlichen Ansprüchen genügen und preislich für alle Interessierten erschwinglich sein.“

Die Kooperation zwischen den griechischen und deutschen Botanikern ist mit der Publikation der Checkliste aber nicht abgeschlossen. die Forscher wollen die Pflanzenvielfalt in Griechenland nämlich grundsätzlich verstehen. „Die Inselwelt der Ägäis ist gewissermaßen ein Labor der Natur, gefüllt mit zahlreichen Pflanzen, die ausschließlich dort vorkommen“, erklärt Thomas Borsch. „Wir wollen nachvollziehen, wie diese Vielfalt zustande kommt.“ Ein Grund ist offensichtlich, dass es in der ägäischen Inselwelt die unterschiedlichsten, voneinander abgegrenzten Lebensräume gibt. So konnten verschiedene Pflanzenpopulationen über lange Zeiträume isoliert voneinander gedeihen. Dies begünstigte die Herausbildung verschiedener genetischer Ausprägungen und führte zur Entstehung neuer Arten. „Jede Ägäis-Insel hat ihre eigenen Pflanzenarten, die es nur dort gibt.“ Darüber hinaus möchten die Wissenschaftler in Erfahrung bringen, wie die Arten genau verbreitet sind. Hier gebe die Checkliste eine erste Einschätzung, enthalte etwa Tabellen, in welchen Regionen des Landes eine Spezies vorkommt.

Was nun noch fehlt, ist Thomas Borsch zufolge ein umfassendes und modernes Werk, das den Kenntnisstand über die griechische Pflanzenwelt in aller Ausführlichkeit dokumentiert und dazu anleitet, die Pflanzen mithilfe von Bestimmungsschlüsseln und Abbildungen zu identifizieren. Bisher könnten nur wenige Fachleute die einzelnen Pflanzen bestimmen. „Um aber etwa eine Liste aller Arten in einem Schutzgebiet zu erstellen, müssen wir auch Nicht-Spezialisten die entsprechenden Kenntnisse vermitteln.“ Die neue Checkliste sei ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg dorthin.

„Vascular Plants of Greece: An annotated checklist“, 42 Euro, Bestellung über: Botanischer Garten und Botanisches Museum Berlin-Dahlem oder im Buchhandel, ISBN: 978-3-921800-88-1.

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