WIEDERENTDECKUNG VON CAVALLIS DRAMA PER MUSICA „LA ROSINDA“ : Wer bin ich?

Seitdem es 1651 im Teatro S. Apollinare in Venedig uraufgeführt wurde, drei Jahre später in Florenz unter anderem Titel erneut zu erleben gewesen war, ruhte das dreiaktige Drama per musica „La Rosinda“ von Francesco Cavalli (1602-1676) in den Archiven. Nach genau 357 Jahren erlebt die Rarität bei den Musikfestspielen nun ihre szenische Wiedergeburt. Über seine An- und Absichten gibt der Regisseur Alexander Schulin Auskunft.

Was ist denn so Reizvolles an diesem Stück, dass es einer Wiederentdeckung bedürfte?

Wie eine Flaschenpost aus längst vergangener Zeit kommen diese Werke zu uns. Wenn wir sie öffnen und lesen, dann merken wir, dass sie von Menschen erzählen, von ihren Gefühlen, von ihren Liebeskatastrophen, von Leidenschaft und Verzweiflung, Einsamkeit und Glück. Diese Menschen aus einem fernen Jahrhundert sind nicht wirklich anders als wir, auch wenn sie anders gewandet sind. Die dargestellten Gefühle überdauern alles, die Gesellschaftsformen, die Moden, sie bleiben immer dieselben. Die Empfindungen ändern sich nicht. Auch wenn uns die Werke von damals exotisch anmuten mit ihren Ingredienzien von Magie und Rittertum und einer Sprache, die voller Symbolik und überbordender Bilder ist und uns, die wir nur noch in Kürzeln sprechen, fremd erscheint. Deswegen ist es ein Privileg, heute ihre Geschichten zu erzählen, zumal sie so ungeheuer witzig, temperamentvoll und sehr theatralisch sind.

Deuten Sie das Stück als sängerischen Virtuosenhit?

Anders als zum Ende des 17. Jahrhunderts war zur Entstehungszeit der „Rosinda“ nicht die Virtuosität des Gesangs das wichtigste, sondern noch der Ausdruck, das Wort. Und zwar der Ausdruck der menschlichen Seele.

Lesen Sie in ihr mit barocken oder modernen Augen?

Natürlich blicken wir von heute auf die Geschichte, wir können nicht so tun, als lebten wir damals. Trotzdem blenden wir das Barocktheater auch nicht aus, sondern zitieren es sozusagen als „weiße Bluebox“, als einen Projektionsraum und benutzen seine Gassen, die alten Maschinen und Kostümteile aus der Entstehungszeit. Die Barockbühne ist der Sehnsuchtsort und die Ritterzeit die Schablone derjenigen, die sich auf eine Erfahrungsreise zu sich selbst machen. Das Spiel wird zum Vehikel, um Gefühle auszuleben, die sich die Heutigen sonst nicht zutrauen. Sie erfinden ihre eigene Kostümwelt, um ihre Grenzen zu überschreiten und auch moralische Schranken hinter sich zu lassen. So können sie sich in erotische Schlachten begeben.

Kommen sie aus ihr ungeschoren zurück?

Wir werden sehen… Die Protagonisten zeigen uns vor, wie sie im Kleid der Opernfiguren ihre unterdrückten Aggressionen und Wünsche ausleben. So können sie, völlig unsanktioniert, dem Rivalen im wirklichen Leben nunmehr – um es drastisch auszudrücken – „eine in die Fresse hauen“; sie können die Frauen, den Mann begehren, der ihnen sonst verwehrt ist. Ein Spielleiter leitet sie an, teilt ihnen die Rollen zu, die ihnen entsprechen.

Sie sollen also durch Verfremdung zur Selbstfindung gelangen?

Wenn Sie so wollen – ja. Diese Konstellation spiegelt ihre tatsächlichen Beziehungen im Hier und Jetzt: in der erhöhten Bühnenfigur finden sie zu ihrem Ausdruck. Das ist ein Prozess: erst tasten sie sich langsam in die Figuren hinein, bis sie schließlich ganz eins mit ihnen werden. Es kommt zu einer Synthese zwischen gespieltem und tatsächlichem Ich – bis zum Schluss alles auseinander bricht. Keiner weiß mehr, was wahr ist.

Und worum geht es in „La Rosinda“ eigentlich?

Es ist die alte Geschichte mit den ewig gleichen Fragen: Wer passt zu wem? Ist die Liebe einzig? Auch in dem Cavalli-Opus werden sie gestellt. „La Rosinda“ ist auf den ersten Blick eine recht komplizierte Geschichte, in der magische Tränke und allerlei Zaubermittel die Seelen der Figuren durcheinander wirbeln. Doch auf den zweiten Blick kann man diese geheimnisvollen Einflüsse als Mechanismen der Seele dechiffrieren. Es geht um die wechselnde Anziehung der Liebe. Rosinda sticht der Zauberin Nerea den Geliebten Clitofonte aus und schickt ihren vormaligen Liebhaber Thisandro in die Wüste. Das gelingt ihr, weil sie die Unterstützung des mächtigen Magiers Meandro gewinnt, dessen Liebesavancen Nerea zurückgewiesen hat. So beginnt ein Spiel um Macht, in dem alle Karten der Intrige und der Täuschung gesetzt werden.

Sozusagen Russisches Roulette?!

Mögliche Beziehungskonstellationen werden durchdekliniert, wobei auch vor ungewöhnlichen Praktiken nicht Halt gemacht wird. Auf dem Prüfstand steht die Beständigkeit des Gefühls.

Gespräch: Peter Buske

Schlosstheater, Dienstag,

10. Juni, Mittwoch, 11. Juni, Freitag, 13. Juni, Sonnabend, 14. Juni,

19.30 Uhr

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