Zeitung Heute : Wiederhören macht Freude

Neben bekannten Klassikern stehen diesmal Komponisten im Mittelpunkt des Festivals, die aufgrund von Vertreibung und Verfolgung zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind.

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Im Mittelpunkt der zweiten Berliner Ausgabe von „Intonations – das Jerusalem International Chamber Music Festival“ stehen 2013 neben Klassikern wie Franz Schubert, Felix Mendelssohn Bartholdy oder Ludwig van Beethoven die Werke von großartigen Komponisten, deren Arbeiten aufgrund von Verfolgung, Vertreibung und Lagerhaft zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind. Dazu gehören Gideon Klein, Pavel Haas, Hans Krása, Viktor Ullmann und Erwin Schulhoff, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden und deren Oeuvre erst in den letzten zwanzig Jahren wiederentdeckt wurde. „Diese Musiker möchte ich in Berlin präsentieren“, beschreibt die Festivalleiterin und Pianistin Elena Bashkirova ihre künstlerischen Intentionen – ein Austausch, von dem die Stadt zweifellos profitieren wird.

Gideon Klein (1919-1945): Der hochbegabte Pianist besuchte in den 1930er Jahren das Konservatorium in Prag und die Meisterklasse für Klavier bei Vilém Kurz. In seinen Werken erprobte er ebenso die Zwölftontechnik wie die Integration von volksmusikalischen Elementen und verband Einflüsse von Leoš Janácek und Arnold Schönberg zu einer ausdrucksstarken eigenen Musik. Gideon Kleins Streichquartett wird am 20. April erklingen.

Pavel Haas (1899-1944): Von 1920 bis 1922 studierte er Komposition in der Meisterklasse von Leoš Janácek am Brünner Konservatorium und gilt als dessen bedeutendster Schüler. Der Vertreter der tschechischen Avantgarde orientierte sich an der musikalischen Moderne eines Strawinsky, Milhaud und Honegger. Pavel Haas’ Musikstil ist polytonal und polyrhythmisch geprägt und zeichnet sich durch starke Expressivität und musikantische Vitalität aus. Haas ist beim Festival mit dem Bläserquintett Opus 10 vertreten (21. April) sowie mit der Suite für Oboe und Klavier (25. April).

Hans Krása (1899-1944): Krása studierte zu Beginn der 1920er Jahre in Prag Komposition an der Deutschen Akademie für Musik und darstellende Kunst bei Alexander von Zemlinsky, der ihn in seinem Interesse an Mahler und dem frühen Schönberg ermutigte. In seinen Werken stellte Krása die Tonalität nie in Frage. Am 22. April ist von Krása „Passacaglia und Fuge für Streichtrio“ zu erleben .

Viktor Ullmann (1898-1944): Der ausgezeichnete Pianist ohne Ambitionen auf eine Solistenkarriere studierte ab 1918 bei Arnold Schönberg Formenlehre, Kontrapunktik und Orchestrierung. Später wurde Alexander vom Zemlinsky sein Mentor. Mit der postumen Uraufführung der Kammeroper „Der Kaiser von Atlantis“ in Amsterdam kehrte er 1975 wieder ins allgemeine Bewusstsein zurück. Die meisten seiner erhaltenen Werke liegen inzwischen in gedruckter Form vor. In der Musik wollte Ullmann stets „die unerschöpflichen Bereiche der tonal funktionellen Harmonik ergründen“ sowie „die Kluft zwischen der romantischen und der ,atonalen’ Harmonik“ ausfüllen. Roman Trekel singt am 23. April Lieder von Ullmann, begleitet von Elena Bashkirova.

Erwin Schulhoff (1894-1942): Auf Empfehlung Antonín Dvoráks erhielt er bereits im Alter von sieben Jahren Klavierunterricht am Prager Konservatorium. Mit einer eigentümlichen Melange aus traditionellen Gattungen, Jazzrhythmen und einer erweiterten Tonalität traf Schulhoff wie kein anderer den Nerv seiner Zeit: „Musik“, so der Komponist, „soll in erster Linie durch Rhythmus körperliches Wohlbehagen, ja sogar Ekstase erzeugen, sie ist niemals Philosophie.“ Schulhoffs Streichsextett steht am 25. April auf dem Programm.

Mieczyslaw Weinberg (1919 - 96): Der Sohn eines Musikers begann bereits 1931 Klavier am Konservatorium der Musikakademie Warschau zu studieren. 1939 floh er aus Polen und ließ sich zunächst in Minsk nieder. Dmitri Schostakowitsch, Weinbergs lebenslanger Freund und Mentor, holte ihn schließlich nach Moskau. Neben Schostakowitsch beeinflussten Paul Hindmith, aber auch jüdische Folklore seinen Musikstil. Gidon Kremer, Daniil Grishin und Giedre Dirvanauskaite spielen am 23. April Weinbergs Streichtrio.

Das Festivalprogramm stellt die Opera Magna der Kammermusik wie Schuberts Oktett F-Dur oder Mendelssohns Es-Dur-Streichoktett und diverse Vertreter des Liedgenres gegenüber. Unterschiedlichste Besetzungsvarianten innerhalb der einzelnen Konzerte sorgen für die nötige Abwechslung. Am ersten Abend wird das eigens für diesen Anlass komponierte Werk „Colors of Dust“ des israelischen Komponisten Ayal Adler uraufgeführt. Der Künstler wurde 2008 mit dem renommierten „Israeli Prime Minister Award for Composers“ ausgezeichnet.

Ein weiterer Höhepunkt ist Igor Strawinskis „L’histoire du soldat“ nach einem Text von Charles-Ferdinand Ramuz. Die Rolle des Sprechers übernimmt der Schauspieler Dominique Horwitz. Am 21. April wird Dmitri Bashkirov, der international bekannte Pianist und Musikpädagoge, eine Masterclass im Glashof halten, zu der auch Zuhörer willkommen sind. Liebhaber von Alfred Schnittkes Klavierquintett können sich am 23. April auf das „Quartett der Kritiker“ vom „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ freuen. Die Gesprächsrunde aus renommierten Musikkritikern diskutiert vorab unterschiedliche Aufnahmen des Werks, das anschließend in Spitzenbesetzung zu hören sein wird.

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