Wiedervereinigung : Der Wendefleiß des Hundes

Die Mauer entzweite nicht nur das deutsche Volk, sondern auch die Deutschen Schäferhunde: Im Westen zählte der schöne Schein, im Osten lernten sie kriechen. 1989 endete die Trennung - doch der Einheitshund brachte Frust.

Ariane Bemmer
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Mit einem Satz: Ich mag die Hatz. Ein Schäferhund unbekannter Herkunft beim Rübermachen. Foto: Imagebroker / Vario Imagesvario images

Früher sei das Zufassen wichtiger gewesen.

Werner Müller, 68, hat die Unterarme auf dem Tisch liegen, ein wuchtiger Mann, wenn auch kein großer. Mehrfacher Meister seines Fachs.

Dann kam die Wende, und dann wurde wichtig – er beugt sich vor: das Loslassen.

„Das hatte auch mit dem System zu tun“: mit der Bundesrepublik, der Unversehrtheit des Menschen und so weiter.

Müller hat sich wieder gerade gemacht. Er sagt: „Bei uns mussten die Hunde nur richtig beißen.“

Bei uns: eine zeitliche, keine räumliche Zuordnung. Bei uns heißt, damals in der DDR.

Werner Müller, wohnhaft nach wie vor in der sanft hügeligen Landschaft um Chemnitz, war, als das noch Karl-Marx-Stadt hieß, im Schäferhundsport sechs Mal DDR-Meister, zwei Mal Vize-Meister und drei Mal Sieger bei der Meisterschaft der sozialistischen Staaten. Seit Karl-Marx-Stadt nicht mehr ist, trat er noch drei Mal an und kam auf die Plätze 57, 85, 70. „Was damals gut war“, kann er also aus selbst gemachter Erfahrung sagen, „ist heute nicht mehr gut“.

Oder wurde abgeschafft. Wie das Kriechen, Sachse Müller sagt: Krieschen, eine ausgezeichnete Gymnastik, aber im Westen nicht mehr gefragt.

Kriechen und beißen also in der DDR. Aber nur für den Hund wurde das als Prüfungsanforderung verschriftlicht.

Draußen im Zwinger vorm Müllerschen Eigenheim bellt Attila vom Gleisdreieck und läuft hin und her. Ein Kerl von einem Hund, dunkles Fell, blitzendes Gebiss, Müller sagt, lange werde er mit dem nicht mehr fertig. Attila ist ein Nachfahre von Lord vom Gleisdreieck, Müllers DDR-Siegertier, „mein weltberühmter Hund“, sagt er, aber 2008 hat Attila wieder nicht losgelassen – und eine wichtige Prüfung vergeigt.

Mit der Wende wurde nicht nur Bürger Ost, sondern auch Köter Ost Neues abverlangt, deutliche Kehrtwendungen, die Hundewelt spricht von Triebwechsel. Dort wurde wie im Großen radikal wiedervereinigt. Herrchen sollte in der ungewohnten Risikogesellschaft rasch das Zupacken lernen, Tierchen umgekehrt das Gepackte wieder rausrücken. Eine Überforderung – mit bekannten Folgen.

Nachdem man schon im April 1990 ohne Wenn und Aber dem Schäferhundverein, dem SV mit Sitz in Augsburg, beigetreten war, seine Hunde verkauft oder mit Westhunden verpaart hatte, stellte sich alsbald das Gefühl ein, etwas falsch gemacht zu haben, ein Züchter zweiter Klasse zu sein. Da ging es dem Hundezüchter Ost wie dem Rest seiner verschwundenen Republik.

Und auch der Schäferhund selbst taugt zum Spiegelbild des Volkes, dessen Namen er seit 110 Jahren trägt. Im Ersten Weltkrieg zog er mit an die Front, als Rettungshund oder Kabelträger. In Nazideutschland war er Führers Blondi, Wächter und Waffe im Konzentrationslager, Minenträger in der neuerlichen Weltschlacht. Dann kam die Mauer.

Kontakte in den Westen waren danach verboten – Diensthundezucht hat schließlich mit Militär und Polizei zu tun –, gleichwohl vorhanden. Die SV-Zeitung wurde geschmuggelt, und an Transitstrecken kam es zu illegalen Deckakten. Dennoch wurde über die Jahre am Hund die Trennung sichtbar. Derber wurde er im Osten und sein Fell so grau wie das ganze Land. Der Wohlstandswessi dagegen glänzte vor allem als gelbschwarzer Schönling, Kommissar Rex, Showstar und Loslasser.

Nachdem die Freude über Einheit und Freiheit verklungen war, erinnerten die Züchter Ost nur noch das Beste von ihren Hunden und wollten genau die – wie Hallorenkugel und Spreewaldgurke – zurück. Sie fingen an, aus den Resten des DDR-Bluts, das sich noch nicht verdünnisiert hatte, reine Ostlinien neu zu züchten, was, wie sie klagten, vom SV nicht unterstützt wurde. Es ging aber auch ohne den: Heute sind im Internet 36 DDR-Hund-Züchter aufgelistet.

Werner Schulz beispielsweise aus Mecklenburg-Vorpommern, Züchter seit 1979 mit seinem Zwinger „vom Parchimer Land“, der von Westwahn und später Reue weiß. Oder Maurice Kranich, Züchter seit 2004 mit seinem Zwinger „vom Kranichs Hof“, der sagt, der Westhund sei ihm als Leistungshund nicht kompakt genug und als Ausstellungshund nicht ausreichend wesensfest.

Oder Herbert Michel aus Thüringen mit seinem Zwinger „von Hauental“, der sagt, dass es mit den Hunden wie mit den Betrieben gewesen sei: Die Westler hätten, was funktionierte, aufgekauft und seien damit verschwunden. Ihm verkauften sie zwei Westhunde, beide krank.

Oder Gerlinde Schultze aus Ost-Berlin, Züchterin seit 1989 mit ihrem Zwinger „von der Old Lady“. „Das Zuchtsystem im Osten war dem Schäferhund dienlicher“, sagt sie. Gesundheit habe mehr gezählt als Schönheit.

Was für Zuschreibungen an Ost und West! Und so wurde die Schäferhundzucht im 20. Wendejahr gar Thema auf einem Psychologenkongress zum Thema. Georg Bruns aus Bremen nannte die Wiederbelebung des Osthunds pompös „Widerstand gegen die Vereinnahmung durch eine westdeutsche Hegemonie“.

Von solcherlei theoretischem Überbau unbeeindruckt hebt im Norden von Berlin Bandit von Thostgrund ein Bein und pinkelt an die Wartezimmerwand. Er hat gleich einen wichtigen Termin, was er nicht weiß, aber Sabrina Lemke, 37, blonde Mähne, Stupsnase, seine Besitzerin. Sie würde gerne züchten mit Bandit, der 100 Prozent DDR ist, aber zuvor muss er hier in der Tierarztpraxis Hüfte und Ellenbogen geröntgt bekommen. Die Bilder werden zum SV nach Augsburg geschickt, wo man sie auswertet und ein HD-Prädikat vergibt: a-normal, a-fast normal, noch zugelassen, mittlere HD oder schwere. Die beiden letztgenannten würden zur Zuchtuntauglichkeit führen.

Der Schäferhund, gern gepriesen als Zwölfkämpfer der Hundewelt, steht – obwohl gar nicht am meisten betroffen – wie kein zweiter für Hüftgelenksdysplasie, kurz HD, eine Erbkrankheit, bei der der Oberschenkelkopf nicht fest in der Gelenkpfanne sitzt, was zu einem wackeligen Gang und Schmerzen führt. In Ost wie West hat man die Krankheit bekämpft. Im Osten erfolgreicher. Weil man Nachzuchten genauestens verfolgte und Vererbungsverläufe noch Generationen später aufzeigen konnte. Was im Mauerland ja einfach war, sagen sie im Westen, und waren vielleicht die Röntgenbilder in der DDR auch ungenauer?

Sabrina Lemke hat, aufgewachsen in Berlin-Pankow, Schäferhunde schon immer gemocht. Hat sie gesehen, wie sie am Grenzübergang Bornholmer Straße patrouillierten. Sie will die Westhunde nicht kränken, aber ihr gefällt der Osthund besser. Der sei klarer im Kopf, nicht so überdreht.

Kurz nach 12 Uhr erreicht eine Nadel Bandits Vene und ein Tropfen Blut färbt das Narkosemittel in der Spritze rot, bevor es vorrückt und 34 Kilogramm Hund zusammensacken lässt.

Ärztin und Assistentin hängen sich bleihaltige Kittel um, sie schleppen den Körper in die Röntgenkammer, wo sie ihn in ein Korsett lagern. Und Sabrina Lemke klopft die nächsten 20 Minuten im Wartezimmer die Fingernägel der rechten und der linken Hand gegeneinander. Draußen regnet es, und ihr Kopf ist bis auf zwei Gedanken leer. Warum dauert das so lange?, ist der eine. Hoffentlich ist alles in Ordnung!, der andere.

Die Hunde, um die Ost und West streiten, sind nicht die Jedermann-Hunde von der Straße. Es geht um geprüfte Hunde, die für die Zucht gemäß SV-Richtlinien zugelassen sind. Es gilt, etwas zu erhalten. 90 Prozent aller Arbeitshunde weltweit sind Deutsche Schäferhunde, ob bei Zoll, Polizei, Drogenfahndung, Katastrophenschutz, im Wach- oder Hütedienst.

An einem kalten, sonnigen Nachmittag Ende Oktober parkt Gerhard Baumann seinen Jeep an einer Landstraße, öffnet den Hänger und zieht mit drei Hunden los, die Herde zusammentreiben. Baumann ist Schäfer aus Rötha bei Leipzig. Einer, der Schäferhunde zum Schafehüten braucht, seit 40 Jahren schon, ein großer Mann mit kleinem Kopf unter zerknautschtem Filzhut.

Vorneweg läuft ein Border Collie, an der Leine hat er zwei Schäferhunde. Die kommen erst frei, als die Schafe schon auf dem Damm sind, auf dem sie bleiben sollen. Das ist die Aufgabe der Schäferhunde. Hin und her galoppieren sie am langen Tross der Schafe entlang. Und wenn eines den Hang runter und in die Rapsfelder flitzt, treiben sie es zurück. Als Ruhe in der Herde ist, fallen die Hunde in einen gleichmäßigen Trab. Hin und her und hin und her, die Mäuler geöffnet, die langen Zungen wehen wippend im Wind. Baumann hat mal überschlagen, was ein Hund läuft, wenn er arbeitet. Er kam auf 70 Kilometer am Tag.

Nach der Wende, sagt er, habe er einen Westhund gekauft. Klar, alle haben einen Westhund gekauft. Weil die so schön waren und unerreichbar zu Mauerzeiten. Aber jener Hund, der habe nichts getaugt. Keine Kondition. Den hatte er nicht lange.

An diesem Herbsttag im Wendejubiläumsjahr ist versuchsweise noch mal einer dabei, in dem Westblut fließt. Und der macht alsbald, was Baumann befürchtet hat: schlapp. Physisch und psychisch am Ende, fängt er dann noch an, Schafe zu beißen und in die Herde zu rennen. Baumann ist genervt.

Er züchtet inzwischen wieder selbst. Hinter seinem Haus hat er vergitterte Ausläufe, darin einen Rüden, Fandor von Fennberg, an den sich nur Baumann rantraut, ein harter Hund, triebstark, angriffslustig, in dem viel Blut derer „vom Gleisdreieck“ fließt. Und eine Hündin, erprobt als Hütetier, die ist tragend. Anfragen für die Welpen, obwohl noch nicht auf der Welt, gebe es bereits reichlich, sagt Baumann zufrieden.

Ein anderer Hund sitzt an einem anderen Tag zu später Stunde im Heck eines Kombi und ist so schwarz wie der Himmel über Berlin-Spandau. Er sitzt ganz ruhig, nicht mal die ihm beigestellte Schale Wasser wirft er um.

Er gehört Heiko Christian Grube, der, in Schwarz gekleidet mit Igelfrisur, um die Ecke Pizza isst. Grube ist seit anderthalb Jahren Vizechef des Schäferhundvereins und zu Besuch in Berlin. Grube kann sich über die DDR-Debatte nur wundern: Hund Ost, Hund West, als würde das irgendwen interessieren! „Der Schäferhund ist globalisiert“, sagt er. Die wirklich wichtigen Fragen würden längst weltweit entschieden, in China, wo sie wie verrückt Schäferhunde züchten. Da muss man ein Auge drauf haben, Seminare halten, Knowhow transferieren, Kontrolle in Sachen Hüftkrankheit organisieren.

Grube ist ein moderner Mensch, viel unterwegs, interessiert. Für sein Ehrenamt als Vereinsvizechef hat er in diesem Jahr 23 Urlaubstage gegeben, fuhr in Sachen Hund quer durch die Welt. Er will Verein und Tier vorwärts bringen, dafür muss Neues her, in seinem schwarzen Hund beispielsweise fließt auch Ostblut. „Die Vielfalt macht Spaß“, sagt er, die Wiederzüchtung des DDR-Hunds um des DDR-Hunds willen nennt er „unklug“. Er sagt: „So züchtet man nicht.“

Und dann sehen aber die Gewinner der letzten elf SV-Bundessiegerzuchtschauen identisch aus. Eine Fotogalerie zeigt elf gelbschwarze Hunde, ein Bein hinten rausgezogen, sodass der Rücken einer mittelschweren Abfahrt gleicht. „Tiere, die den Idealen des Vereins vorbildlich entsprechen“, steht daneben.

Der abfallende Rücken hat der Rasse den Spottslogan „vorne Hund, hinten Frosch“ eingebracht, aber Grube sagt: „Jeden Hund kann man so hinstellen, dass seine Rückenlinie abfällt.“ Außerdem habe der Ausstellungshund die höchste Akzeptanz. Der Beste muss er deswegen natürlich nicht sein.

Grube holt zu Demonstrationszwecken seinen Hund aus dem Auto. Der springt mehrmals erfreut am Herrchen hoch und stellt ihm die Pfoten auf die Brust und wird dafür getätschelt. Dann muss er stillstehen, und Grube zieht ihm ein Hinterbein weg, drapiert das Tier im fahlen Licht der Spandauer Laternen auf den Gehweg, als solle man auf seinem Rücken Schlitten fahren. Grube tritt zurück. Na also, alles klar?

„Klar, auch Dackel kann man so hinstellen“, sagt Sabrina Lemke. Sie hat ihren noch leicht betäubten Hund ins Auto gehievt und fährt ihn nach Hause.

Klar, sagt Gerhard Baumann, das geht, aber trotzdem: „Man hat es bei einigen Hunden übertrieben.“

Werner Müller, der mehrmalige DDR-Hundesportmeister, dessen Haus geschmückt ist mit Urkunden und Pokalen, kümmert sich noch um drei kleine Hunde, Attila-Nachfahren, Mischblüter. Die Rückzüchtung zum reinen Osthund nennt er dröhnend: „Reine Liebhaberei!“ Eine Nische habe man da entdeckt, aber der gewinne doch nichts mehr.

Er selbst jedenfalls hätte lieber etwas anderes zurück, das ihm verloren ging. Nicht den Hund. Er sagt: „Ich habe nach der Wende nie wieder so eine Heimat gefunden.“ Er meint die Leute, die Ortsgruppe von damals, ein Gefühl.

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