Zeitung Heute : Wiener Leisten

Die Schuhe von Ludwig Reiter werden seit über hundert Jahren in Wien hergestellt, das soll auch so bleiben.

Joachim Schirrmacher
Geländegängig. Diese Stiefel heißen „Oberförsterin“. Sieht man. Foto: promo
Geländegängig. Diese Stiefel heißen „Oberförsterin“. Sieht man. Foto: promo

Schloss Süßenbrunn lautet die neue Adresse der Schuhmanufaktur Ludwig Reiter im Nordosten Wiens. So mancher, der die neue Produktionsstätte besucht, verfällt da ins Schwärmen. Individualität, Handwerk, Tradition, minimale Stückzahlen, die Suche nach Substanz und raffinierter Sinnlichkeit heißen die Schlüsselbegriffe für das oberste Luxussegment. Da passt eine Schuhmanufaktur, die in einem Schloss produziert, perfekt ins Bild.

Die Familie Reiter will bodenständig bleiben. Die letzten zehn Prozent Perfektion, die für eine Spitzenpositionierung notwendig wären, würden die Kosten um 50 Prozent nach oben treiben, ohne dass der Kunde mehr als einen Prestigevorteil hätte. Der geschäftsführende Gesellschafter Till Reiter nutzt daher auch keine Bilder, bei denen alte Männer mit der Ahle in der Hand an einem Schuh nähen. „Jeder weiß, das kann so nicht sein“, sagt Reiter. Es ist die geschickte Kommunikation, die Ludwig Reiter hervorhebt. Gute Produkte stellen auch andere Schuhmanufakturen her, doch nur wenige haben ein so überzeugendes Image.

Das begann Till Reiter Mitte der achtziger Jahre aufzubauen, als er die Verantwortung für das Unternehmen übernahm. Sein Urgroßvater Ludwig Reiter hatte 1885 begonnen, Maßschuhe in der Wiener-Budapester-Schuhmacherkunst zu fertigen. Sein Großvater brachte die maschinelle Goodyear-Fertigung aus Amerika nach Wien und gründete nach dem ersten Weltkrieg die Manufaktur. Sein Vater setzte auf hochwertige Gesundheitsschuhe unter dem Markennamen „Medana“ und sicherte so das Überleben; in den sechziger Jahren war Tradition kein Argument.

Till Reiter brachte von seinen Lehr- und Wanderjahren in den USA neue Ideen mit. Zu Hause in der Firma waren nicht nur die Modelle, sondern auch die Kunden alt geworden, das Unternehmen schlingerte. Reiter übernahm von den amerikanischen Yuppies Anregungen, wie eine Manufaktur durch Kommunikation zur Marke wird und doch auf das Produkt fokussiert bleibt. Zu deren Dresscode gehörten rahmengenähte Schuhe, was dem Volkswirt den Optimismus gab, gegen den Rat der Banken beim Wiener Leisten zu bleiben.

Überzeugt hat ihn die Funktion. Nur rahmengenähte Schuhe, versichert Reiter, können den Widerspruch von Komfort und Dauerhaftigkeit einerseits und Eleganz andererseits vereinen.

Zurück in Europa schuf er das heutige Unternehmen aus alten Musterbüchern, der Bibliothek der Leisten, 200 stillgelegten, aber funktionstüchtigen Zweinadel-Ledersteppmaschinen (die älteste von 1913) sowie dem väterlichen Gefühl für Leder gänzlich neu. Seine Frau Barbara, die an der Universität für Angewandte Kunst bei Jil Sander Modedesign studiert hat, war für die neue Produktsprache verantwortlich.

Ludwig Reiter ist eines der wenigen Unternehmen, das seine Produktion nicht in Billiglohnländer verlagert, sondern immer in Wien produziert hat. Im Standort sieht Reiter einen wesentlichen Erfolgsfaktor für die Qualität der Produkte und für die internationale Vermarktung. Die neue Betriebsstätte ist daher auch keine Show-Produktion und kein Freilichtmuseum, sondern eine echte Schuhmanufaktur.

Beim Rundgang überrascht, wie schlicht und sachlich alles eingerichtet ist. In den langen Stallungen sind links und rechts vom Mittelgang die Tische der 40 Mitarbeiter in der Produktion angeordnet, dazwischen Wagen mit Materialien und halb fertigen Schuhen. Fast alle Arbeitsgeräte sind alt, teilweise 100 Jahre. „Wir sind eine echte Manufaktur, wo jeder einzelne Arbeitschritt von mehreren Leuten ausgeführt wird“, sagt Reiter.

Und so ist Till Reiter die emotionale Bedeutung des neuen Betriebsgebäudes bewusst. „Schloss Süßenbrunn hilft uns, unseren Einzelhändlern und Kunden die Welt von Ludwig Reiter nahezubringen. Der Käufer soll wissen, woher die Ware kommt“, sagt Reiter. Um die Nähe zu den Kunden zu haben, hat Reiter 17 eigene Geschäfte eröffnet. Hinzu kommen 200 Fachgeschäfte in Mitteleuropa, Asien und den USA. Und trotz der historischen Gebäude ist Ludwig Reiter die modernste unter den traditionellen Schuhmanufakturen.Joachim Schirrmacher

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