WIENER SCHULESir Simon Rattle dirigiert Beethoven und Webern : Marmor in Bewegung

Carsten Niemann

Es gehört einiges dazu, in einem Konzertprogramm nicht zwischen der vierten und der fünften Symphonie von Ludwig van Beethoven zerquetscht zu werden. Die frühen Lieder Opus 8 und 14 sowie die fünf Orchesterstücke Opus 10 Anton von Weberns besitzen diese Knautschfestigkeit, weil sich wenig reduzieren lässt: So kurz die Miniaturen des Meisters der zweiten Wiener Schule auch sein mögen – in ihrer musikalischen Essenz können sie durchaus neben den Schöpfungen des rheinischen Titanen bestehen.

Das glauben auch Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker. Wobei es ihnen bei der neuen Folge des dreiteiligen Zyklus’ aus Beethovens Symphonien und Werken Weberns vor allem auf Beziehungszauber zwischen den so grundverschiedenen Meistern der ersten und dem der zweiten Wiener Schule ankommt. Das Zauberwort heißt Intensität – und die muss weder bei Beethoven noch bei Webern etwas mit Masse zu tun haben. Simon Rattle hat bereits gezeigt, wie man Beethovens Marmorkörpern auch mit großem sinfonischen Apparat Beweglichkeit und Anmut verleiht.

Viel wird in der Philharmonie von Barbara Hannigan abhängen. Schon 2006, als sie bei den Salzburger Festspielen mit Rattle und seinem Orchester Dutilleux' „Corresponadances“ sang, erwies sich die kanadische Sopranistin als ideale Partnerin für Musik der Moderne. Wegen ihres Talents, eine Vielfalt von vokalen Färbungen zu produzieren, bringt Hannigan eine vernachlässigte Seite Weberns zum Ausdruck: Denn so komprimiert seine Sprache auch ist – in der Wahl der Klangfarben war der Meister der Reduktion ein Verschwender.Carsten Niemann

Philharmonie, Mo/Di 21./22.4., 20 Uhr,

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