Zeitung Heute : Wiens Puff-Daddy

Er macht aus der Horizontalen eine Kurve – aus einem Bordell eine AG. Bald ist Börsengang

Fredy Gareis[Wien]

Russland sieht aus wie Malaysia und Malaysia wie Frankreich. „Da müssen wir noch einiges tun“, sagt Alexander Gerhardinger und schreitet durch sein 2000 Quadratmeter großes Bordell. Die nach Ländern benannten Zimmer unterscheiden sich nicht: ein Bett, Desinfektionsmittel, Wischtücher. Doch das Geschäft läuft gut. So gut, dass der Österreicher damit bald an die Börse geht.

Damit ist Gerhardinger, 45, der erste Europäer, der aus der Horizontalen eine Kurve macht. Eine Aktienkurve. Der gebürtige Linzer verspricht Renditen von 13 Prozent. 2008 soll die Muttergesellschaft RB Immo AG an der Börse notiert sein. Gerhardinger verkauft aber jetzt schon einen großen Teil der Aktien an Privatleute, zum Ausgabepreis von 13 Euro; wie viele gekauft haben, will er allerdings nicht sagen. „Leidenschaft für Gewinn“ steht im Prospekt seiner Gesellschaft RB Immo AG. Und nach dem Börsengang will er Lizenzen verteilen, weil aus dem Flaggschiff der Idee, seinem Bordell „Goldentime“ in Wien, dann sicher schon eine ganze Kette geworden ist. Und Gerhardinger wird sich zurücklehnen und mit seinem Handy spielen, das dann nicht mehr still steht, weil sich die Leute um den schlüsselfertigen Puff kloppen. Und das werden nicht Zuhälter sein, sondern ganz normale Gastronomen, sagt Gerhardinger. Puff für alle eben.

In Wien, im 11. Bezirk, steht das „Goldentime“, manche nennen es auch einen Saunaclub. Drei Millionen Euro Umsatz macht Gerhardinger mit diesem Etablissement im Jahr. Von der Decke hängen Rosen, und durch die Luft weht künstliches Erdbeeraroma. Es ist kurz vor elf Uhr, der Betrieb geht gleich los, Gerhardinger trägt Anzug, die ersten zwei Knöpfe seines schwarzen Hemdes stehen offen. Das Etablissement funktioniert so: Männer zahlen 80 Euro Eintritt, die Huren 60. Dafür gibt es Büfett, Saunalandschaft, Pool im Garten, Bar und natürlich Zimmer, in denen sich die kurzfristigen Paare vergnügen können. Kostet extra, versteht sich. Eine halbe Stunde für 60 Euro. Das Geld wandert direkt in die Taschen der Damen. Alexander Gerhardinger sieht davon nichts, sagt er. Er verdiene nur am Eintritt und halte sich aus dem Rest raus.

Aber vor dem Gang an die Börse müssen die vorhandenen Ressourcen besser genutzt werden. Bis jetzt können 120 Männer und deren Vorlieben bedient werden. 30 Damen machen das, meistens kommen sie aus Ungarn, Kroatien, manchmal aus Brasilien. Bald sollen es 60 sein.

Raffaela findet das gut. Die 33-Jährige sieht fast aus wie eine Professionelle, ist aber „Haustechnikerin“. Ihre langen schwarzen Haare wehen, als sie umherwetzt, die Aschenbecher leert und die Spielwiese mit Liegen und Separees fit für die nächste Runde macht. „Das ist doch toll, dass das endlich jemand tut“, sagt sie zu den Börsenplänen ihres Chefs und denkt dabei vielleicht an die zukünftige Rendite. Analysten haben dem Projekt schon „höhere Risiken“, aber auch „mehr Aufmerksamkeit“ bescheinigt. Und: „enorme Renditen“ – allerdings nur, solange sie das Transparenzgebot einhielten und keine Illegalen beschäftigten. Ein Australier, Andrew Harris, war bereits erfolgreich mit Bordellbörsengang und Franchisemarke: Schon am Ausgabetag der Aktien verdoppelte sich ihr Wert.

Einst hat Alexander Gerhardinger als Immobilienentwickler einen Großteil der österreichischen Cineplexx-Standorte vermittelt, wobei seine Aufgabe darin bestand, erst das Grundstück zu finden und dann die Genehmigungen einzuholen. Doch irgendwann, als er das Gleiche mal für einen Puffbetreiber tat, hat er gemerkt, wie viel Geld sich im Milieu verdienen lässt. Die Familie, sagt er, mag nicht, was er tut. Dabei habe er mit den Mädchen gar nichts zu tun. Ob denn seine Mutter schon mal hier war? „Naaah“, sagt er, und dann ist er erst mal still.

Den Beruf in diese Richtung zu wechseln, war nicht ganz leicht. „30 Prozent seiner Kontakte“ hätte er verloren, als er das „Goldentime“ im August 2006 übernahm. „Die denken doch alle, dass die Madeln angekettet, ausgepeitscht und bei Wasser und Brot gehalten werden“, sagt er empört. Aber er wird es ihnen schon zeigen. Sie werden’s schon sehen, wenn erst mal München und Innsbruck eröffnet sind – Innsbruck ist schon im Bau, in München beginnen die Arbeiten im August – und die drei Häuser zusammen zehn Millionen Euro Umsatz machen. Gerhardinger gerät regelrecht ins Schwärmen, wenn er die Vorteile der Kette preist. Nicht nur, dass er so die Verantwortung abgeben und höhere Mieten verlangen kann: Das Schöne ist, dass die Mädchen dann wie Wanderarbeiter tätig sein können, mal hier, mal da. Und wenn sie dann nach einem Jahr wiederkommen, gelten sie dem Kunden als „neu“. „Das ist eine Riesenchance.“ Ottmar Hitzfelds Rotationsprinzip einmal anders interpretiert.

Was die Damen selbst davon halten, ist nicht zu erfahren. Da erzählt Gerhardinger lieber, wie es weitergeht. Zuerst werde Süddeutschland eingenommen, das sei komplett unberührt und bald reihten sich die Bordelle wie Ketten an der Schnur. Und irgendwann, sagt er, „machen wir ein Bordell für Frauen. Damit sie nicht mehr mit dem Finger auf die Männer zeigen können.“

Inzwischen ist es zwölf Uhr. Lili, eine kroatische Version von Brigitte Nielsen, empfängt den ersten Gast. Der Fahrer eines Paketdienstes zieht die Pilotenbrille ab und investiert in seine Mittagspause.

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