Wie war Obamas Ansprache? : „Die Rede hatte eine Melodie der Vorsicht und der Entschlossenheit“

Interview mit dem Rhetorik-Experten Thilo von Trotha zur Antrittsrede von Barack Obama.

Praesident des Verbandes der Redenschreiber Thilo von Trotha
Thilo von Trotha.Foto: ddp

Herr von Trotha, wie hat Ihnen die Rede von Barack Obama gefallen?



Sie war eindrucksvoll, emotional und intelligent.

Woran machen Sie das fest?

Die Rede hatte eine Melodie der Vorsicht und der Entschlossenheit zugleich. Ihr Rhythmus war bestimmt durch Kraft und Demut. Sie hatte einen Pathos der Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Diese Mischung zog sich durch die gesamte Rede. Jedes Bild stimmte, und er fand eine gute Balance. Sie war allgemein genug, um Zuspruch zu ernten, sie war aber auch detailliert genug, um Führung zu zeigen und Ziele zu setzen.

Was war neben der Balance noch charakteristisch für Obamas Rede?

Seine Rede war hell und hat sich dem schönen, klaren Wetter, der scheinbar staubfreien Luft angepasst. Alle seine Botschaften waren klar. Vor allem aber hatte die Rede auch einen appellativen Charakter. Er hat nicht grob aber doch direkt die Mitwirkungsbereitschaft der Amerikaner eingefordert. Außerdem gab es kaum Phrasen.

Welcher Satz oder welches Bild wird in Erinnerung bleiben?

Das ist jetzt noch schwer zu sagen. Aber ich fand den Satz, dass Amerika jenen Herrschern die Hand reichen werde, die bereit sind, ihre Faust zu öffnen, sehr beeindruckend und passend.

Welche Unterschiede und Parallelen zu früheren Antrittsreden amerikanischer Präsidenten haben Sie ausgemacht?

Viele der früheren Reden waren pathetischer. Ich hätte auch bei Obama mehr Pathos erwartet. Aber es gab auch Typisches: Der Gottesbezug und das Betonen der amerikanischen Geschichte tauchen fast immer auf. Insgesamt war es eine sehr amerikanische Rede, die sich nicht im Klein-Klein verlor, wie es in Deutschland leicht passieren kann.

Was kann man von dieser Rede lernen?

Vor allem die Art des Vortrags. Obama war nicht pädagogisch oder demagogisch, sondern mitreißend durch seine Bescheidenheit. Seine Rede hatte Überzeugungskraft und keine Suggestivkraft. Das heißt, sie sprach den Verstand an, mobilisierte diesen geradezu, und schob ihn nicht beiseite.

Das Gespräch führte Christian Tretbar

Thilo von Trotha (68) ist Gründer der Akademie für Redenschreiben. Er hat bis 1980 sechs Jahre für den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt als Texter gearbeitet.

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