Wigald Boning im Interview : "Ich hielt ein Saxofon für erotisierend"

Manchmal ärgert sich Wigald Boning über seine Schüchternheit. Dann bewundert er die Eintänzer auf der Queen Mary nur von weitem.

Interview: Ralf Krämer
Boning
Wigald Boning, 42, Träger des Grimme-Preises, TV-Hobbywissenschaftler, Brillenträger des Jahres 2005 und Vater zweier Kinder. -Foto: dpa

Herr Boning, wie würden Sie in Ihrer TV-Sendung „Clever! Die Show, die Wissen schafft“ den Jazz erklären?



Historisch gesehen beruht Jazz natürlich auf Musik, die von aus Afrika verschleppten Sklaven in Amerika entwickelt wurde. Das entscheidende Element ist die Improvisation und der Swing, das Gefühl, auf einer Wolke dahinzuglitschen, mit regelmäßigen Stockungen, die sich angenehm anfühlen.

Könnte man den Swing mit einem der wissenschaftlichen Experimente nachweisen, die Sie im Fern sehen durchführen?

Es sagen ja immer wieder Leute: Was keinen Swing hat, taugt nichts. Aber was damit gemeint ist, darüber wird diskutiert, seit es den Jazz gibt. Man weiß, dass es mit der triolischen Struktur des rhythmischen Musters zu tun hat. Das Swingende selbst hat bis heute noch niemand auf den Punkt bringen können. Diese Frage ist ein uraltes Steckenpferd der Musikwissenschaft. Ich glaube jedoch, dass es unmöglich ist, das mit wissenschaftlichen Kriterien herauszufinden. Sonst wäre das ja schon gemacht worden.

Man könnte das 1000 Seiten starke „Jazzbuch“ von Joachim-Ernst Berendt befragen.

Ich habe den Berendt als Jugendlicher komplett auswendig gelernt. Ich weiß nur, dass er mir den Swing auch nicht mit wissenschaftlichen Kriterien erklären konnte, sondern nur damit, dass es sich um ein Gefühl handelt, also um eine subjektive Regung.

Wigald Boning assoziierte man musikalisch bislang eher mit den Comedy-Schlagern der selbst ernannten „Doofen“. Wie kam es zu Ihrem neuen Album „Jet Set Jazz“?

Meine musikalische Entwicklung begann in einer Reihenhaussiedlung in Oldenburg-Osternburg, mit einem eher unmusikalischen Vater, aber einer sehr musikbegeisterten Mutter, die Klavierstunden gab. Ich hatte selber auch Unterricht bei einer Klavierlehrerin namens Irmintraud Santford – dunkle Stunden meiner Kindheit.

Warum hat Ihnen Ihre Mutter nicht Klavierstunden gegeben?


Ich glaube, meine Mutter hielt Frau Santford für eine bessere Lehrerin als sich selbst. Die hatte auch einen ekelhaften Yorkshire Terrier. Man fuhr zu Frau Santford, ging in dieses Wartezimmer, und ich hatte ja sowieso nicht geübt. Ich hatte also ohnehin schon Herzklopfen, und dann kam auch noch dieses fiese, hinterlistige Tier mit der roten Schleife zwischen den Ohren. Ich habe Frau Santford unlängst wiedergetroffen, im Theater in Oldenburg. Und sie hatte einen Bekannten dabei, der fragte: „Und? War Herr Boning denn begabt?“ – „Nein, höhöhö“, lachte sie.

Wie kam denn dann der Jazz zu Ihnen nach Oldenburg-Osternburg?

Mit 13 lernte ich im Künstlerhaus Osternburg einen Fotografen namens Norbert Gerdes kennen. Der war ein großer Jazzfan und legte eines Tages ein Tonband auf mit dem Massey-Hall-Konzert von 1953 mit Charlie Parker und Dizzy Gillespie. Ich war vom ersten Moment an völlig elektrisiert und dachte: Das ist es. In dieser Sekunde war auch die Berufsfrage für mich geklärt. Ich habe mir eine Querflöte zugelegt, später kam ein Saxofon dazu. Dann wurde eine Band gegründet: Kixx, zusammen mit Lars Rudolph, der heute auch als Schauspieler unterwegs ist.

Warum haben Sie dann die Musikerkarriere zunächst aufgegeben?

Bei Kixx bin ich mit 18 ausgetreten, an einem denkwürdig traurigen Abend. Wir sollten als Vorband von Ornette Coleman in Bochum spielen, aber dann drängelte er sich vor, und am Ende waren nur noch 20 Leute da. Ich war in Gedanken sowieso damit beschäftigt, dass man den Schlager reformieren müsste. Und ich habe als deutschsprachiger Sänger verschiedene Platten gemacht, Dann kam „Samstag Nacht“.

Als Teil dieser TV-Comedy-Show entstand das Gesangsduo „Die Doofen“ mit Olli Dittrich.

„Die Doofen“ waren ein ausgeklügeltes, ästhetisches Minimalkonzept. Nach diesem Riesenerfolg war dann erst mal zehn Jahre bei mir Schicht im Schacht.

Sie waren in einer künstlerischen Krise?


Weil ich immerzu darüber nachgedacht habe, wie man sich deutsche Texte ausdenken kann, die ganz anders als von „Die Doofen“ sind, aber genauso schlüssig. Vorletzten Sommer spielte ich dann bei einem Auftritt von Sasha ein Saxofonsolo. Ich ging so von der Bühne, und wie immer kamen viele Leute und sagten: Mensch, du musst jetzt mal wieder Musik machen, das geht ja so nicht weiter. Am nächsten Morgen rief ich bei Roberto Di Gioia an, auf dessen erster Mars mobil-Platte ich ein Flötensolo gespielt hatte. Roberto löste mein Problem: „Dann machen wir ein Instrumentalalbum.“

Steckt ein bestimmtes Konzept hinter „Jet Set Jazz“?

Aufgabe dieser Platte sollte sein, alle meine musikalischen Vorlieben auf einer CD zu vereinigen, damit ich im Auto nicht immer die CD wechseln muss, wenn ich zum Flughafen fahre. Und das ging blitzschnell. Wir haben zwei Stücke pro Tag geschrieben und lagen uns zwischendurch immer wieder in den Armen, weil es so Spaß machte. Christian Prommer vom Trüby Trio hatte dann die Aufgabe, das alles elektronisch zu frisieren und schließlich traf ich Michael Reinboth, dessen Label Compost das richtige dafür war. Es war eine Traumkombination, weil ich schon mit 17 gern „Elaste“ gelesen hatte, das Magazin, das Reinboth damals herausgab. Also haben sich zu meiner neuen Platte alle Fäden denkbar günstig verknüpft.

Als welche Art von Musik haben Sie Ihr Album „Jet Set Jazz“ denn bei der Gema angemeldet? Als „E“ wie ernste, oder „U“ wie unterhaltende Musik?


Ich weiß nicht: Hätte ich neuerdings die Chance, „E“ anzukreuzen? Ich war sonst immer „U“, ist ja logisch. Aber auch „Jet Set Jazz“ hat unterhaltenden Charakter, und eine gewisse Grund ironie ist ja schon mit dem Titel verbunden.

Warum haben Sie den Begriff „Jet Set“ benutzt?

Bei „Jet Set“ denke ich an Millionärsmessen in Moskau und irgendwelche dicken Ölmagnate, die sich Baguette mit zwei Pfund Kaviar reinschieben und eine Rolex hinterher. Das ist ja kein erstrebenswertes Ideal. Aber es gibt eine Mondänität, die ich immer toll fand, wie in der Musik von Henry Mancini – hier gibt’s die Geige, und da rinnt dann noch eine Harfe durchs Bild. Das fand ich immer klasse.

Wenn man die Platten von Götz Alsmann, Helge Schneider und jetzt auch Ihre hört, lässt sich feststellen, dass Humor und Jazz offenbar gut zusammengehen. Ist es ein Missverständnis, dass Jazz eher als intellektuelle, ernste Musik wahrgenommen wird?

Die Verknüpfung von Jazz und Humor liegt wohl in der Improvisation. Also bei Helge sowieso, aber auch bei Götz Alsmann und bei mir passiert ja der größte Teil auf der improvisatorischen Ebene. Es geht darum, keine Angst davor zu haben, einen Satz zu beginnen, ohne zu wissen, wie er endet.

Auf „Jet Set Jazz“ geben Sie manchmal Laute ohne Wortsinn von sich. Das soll angeblich Louis Armstrong erfunden haben, als ihm bei einer Aufnahme der Liedtext vom Notenständer rutschte.

Ich kenne das eher von den Ray Charles Singers. Das ist eine Vinylplatte in der Sixties-Tradition, die habe ich um die 100 000-mal gehört, als ich 20 war. Und von Ray Conniff kenne ich Ähnliches. Ich liebe seine Kombinationen von Posaunen und Frauenchor. Wenn dann noch der Männerchor dazu kommt, geht die Sonne auf. Ich fand es immer schön, wenn man die Stimme in gedeckter Weise instrumental behandelt. Das haben wir jetzt auch so gemacht.

Ihre Tonlage ist dabei recht hoch. Das klingt manchmal wie die Bee Gees oder wie Kastratengesang.

Hehe, genau. Ich habe gerade ein interessantes Buch gelesen, die Biografie über Joseph Haydn von Hans-Josef Irmen, die mir Herbert Feuerstein, der ja Musikwissenschaftler ist, empfohlen hat. Haydn war mit 50 das erste Mal verliebt, dann aber auch so richtig und zwar in eine ziemlich schlechte Sängerin, die er versuchte, zu einem Star zu machen. Und er versuchte, ihr Stücke maßzuschneidern, die auf ihre technische Limitation Rücksicht nahmen.

Das ist rührend, aber was hat das mit Kastraten gesang zu tun?


Herr Irmen unternimmt auch einen Ausflug in die Welt der Kastraten. Total interessant, weil musikalisch begabte Bauernjungen damals relativ viel Geld verdienen konnten, wenn sie sich die Eier abschneiden ließen. Das Schicksal drohte Joseph Haydn auch, aber sein Vater war dagegen. Der Preis war natürlich sehr hoch, weil das eine riskante Operation war.

Zuweilen singen Sie nicht nur, sondern spielen synchron dazu die Querflöte. Wie sind Sie denn darauf gekommen?

Die Querflöte ist ein tolles, handliches Instrument, hat aber den Nachteil, dass sie nicht besonders laut ist – es sei denn, man singt dazu. Dann kriegt sie eine raue Kante. Zumindest habe ich das als Jugendlicher so beurteilt. Mit 16 habe ich dann auch das Querflötenspielen ganz bleiben lassen, weil ich dachte: Erotisierend kann man nur auf dem Saxofon spielen.

In welcher Ihrer Beschäftigungswelten ist Höchstleistung am anstrengendsten? In der Jazzwelt, im Fernsehen – oder beim Extremsport?

Also, ich persönlich bin ja immer dann gut, wenn das, was ich mache, einen spielerischen Charakter hat und nicht mit Zwang verbunden ist. Da bin ich dann wie ein Kind, das beim Nachbarsjungen klingelt und sagt: Lass uns mal Fußball spielen. Von daher spielt das Medium eigentlich gar keine so große Rolle, sondern, dass man geeignete Spiel kameraden findet. Beim Sport geht das auch. Da habe ich einen Freund, Hannes, und es gibt kaum etwas Schöneres, als am Wochenende mit ihm über die Alpen zu radeln. Das machen wir, bis wir nicht mehr können, aber das ist dann Teil des Spaßes. Es ist lustig, wenn man so komische flimmernde Bilder sieht und plötzlich viel Pizza essen kann.

Kaufen Sie in so einem Zustand dann Ihre Garderobe, die Sie mal als „C & A auf LSD“ bezeichnet haben?

Das ist aber schon eine alte Formulierung. Bei Mode, muss ich gestehen, hat mein Interesse nachgelassen. Auch meinen weißen Anzug hier trage ich schon unglaublich lange, das ist im Bereich Hochleistungssport. Ich habe den angezogen, vor fünf Wochen glaube ich, für Lesungen auf der Queen Mary. Ich dachte, der ist weiß, das ist eine gute Bühnengarderobe, so ein bisschen maritim. Das Schiff ist so sauber, dass er auch sauber blieb. Jetzt ist er allerdings hin. Ich musste doch feststellen, dass der Musikerberuf ein sehr schmutziger Beruf ist, jedenfalls, wenn man seine Blas instrumente selber durch die Gegend wuchtet.

Wie lange haben Sie auf dem Luxusliner Queen Mary gelesen?


Das ging eine Woche, von Hamburg nach New York, zwei Lesungen. Sehr lustig. Da habe ich einfach aus dem Buch „Bekenntnisse eines Nacht sportlers“ gelesen. Das Highlight unter den Gästen waren vier Amish-People, die sich auch immer in ihrem deutschen Dialekt unterhielten. „Mir gehen opp de Stubb“, sagte der Wortführer, wenn sie mit dem Frühstück fertig waren. Wenn man sie an der Reling stehen sah und die Augen zusammenkniff, dann konnte man sich im Jahr 1820 wähnen.

Wie sieht ein Smalltalk mit Amish-Leuten aus?

Ich war gar nicht groß mit denen in Kontakt. Leider. Ich habe mich sehr über meine Schüchternheit geärgert. Ich hätte mich gern mit denen unterhalten, aber ich habe mich nicht so richtig getraut.

Sie sind schüchtern?

Manchmal kann ich auch ganz schön schüchtern sein, ja.

Sie haben mal gesagt: „Wenn man mich mal richtig versteht, will mich sowieso keiner mehr sehen.“


Ich weiß nicht mehr, ob ich das mal gesagt habe. Aber von daher war das erste Konzert mit meiner Jazzband höchst erfreulich, denn den Leuten schien der Abend gefallen zu haben.

Können Sie also auf der Bühne, im Jazz, so sein, wie Sie wirklich sind?

Hundertprozentiger geht’s gar nicht. Das ist die pure Ladung dessen, was ich gerne auf einer Bühne machen möchte. Ich hatte vorher Befürchtungen, dass ich diese Musik ausführlich erläutern und irgendwie rechtfertigen muss, weil es keine Texte gibt und die Musik nicht lustig ist. Aber das war alles gar nicht der Fall. Die sagten alle: Wieso? Ist doch super, klasse Konzert, fertig aus, Punkt. Und da war ich verblüfft und erleichtert.

Eine Karriere als Tanzmusiker auf der Queen Mary steht jetzt also nicht an?

Nein! Keine Chance! Aber es ist ja eine interessante Kleinigkeit am Rande, dass auf der Queen Mary Eintänzer vor Ort sind. Da gibt’s ziemlich teure Suiten, und die sind in der Regel gebucht von alleinstehenden alten Damen. Ich sage jetzt bewusst nicht „ältere“ sondern „alte“ Damen. Und es soll ja Damen geben, die sagen: Ich nehme gerne die Weltreise oder fahre über den Atlantik, aber nur, wenn auch der Eintänzer Sowieso wieder mitkommt. Die Typen dürfen wohl umsonst mitfahren. Aber bis du diesen Status kriegst, um von der Reederei eingeladen zu werden, musst du schon ein echt guter Tänzer sein. Nach dem Abendessen gibt’s da einen großen Ballsaal und eine ziemlich gute Kapelle, die auch Jazz spielt. Da sitzen dann so fünf, sechs Herren rum, zwischen 70 und 80 Jahre alt, in sehr gepflegten Anzügen. Das sind die Eintänzer, extrem gut aussehend.

Haben Sie mitgetanzt?

Also denen habe ich lieber zugeguckt, vor allem einem, der hat mir extrem imponiert. Der war eher so ein kubanischer Typ mit fast silbernen Haaren. Er saß da, ganz aufrecht, und wartete. Wenn jemand kam, stellte er sich hin, und man sah dann erst, wie groß er war, vielleicht 1,95. Er bewegte sich extrem sparsam zur Musik. Das waren wirklich nur so minimale, aber total präzise Schieber bewegungen, aus denen sprach eine 70-jährige Berufserfahrung als Hobbytänzer. Da kann ich nicht daneben tanzen. Ich saß mit offenem Mund da und dachte: Boa, wie kann man mit 80 so sexy sein, in dieser ganzen Ökonomie der Bewegung?

Ist Ihnen Ihr humorvolles Wesen manchmal auf der Suche nach Einheit mit der Musik auch im Weg?


Nö. Und darüber bin ich selber erstaunt. Ich habe gedacht, das könnte ein Problem werden. Aber im Moment bin ich mit mir völlig im Reinen.

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