Zeitung Heute : Wigald Boning witzelt bei Pro 7 bald schon früh am Morgen

Martin Busche Reinhart Bünger

Nico Wirtz, Pressesprecher bei Pro 7, stehen harte Zeiten bevor. Der bekennende Comicfan wird demnächst auf seine geliebten Cartoons im Pro 7-Frühprogramm verzichten müssen. Denn statt der "Schlümpfe", die Pro 7 bislang versendet hat, setzt der Kirch-Sender ab 6. September auf Comedy am Morgen. "Der Zuschauer soll lachend aus dem Bett springen", zählt Wirtz auf Starcomedist Wigald Boning ("Es war mein Lebenstraum, Journalist zu werden"). Boning darf als Aussenreporter Wetterbericht und den Staureport auf seine ganz eigene Art zelebrieren. Gesendet wird live, zwischen 6 Uhr 30 und 7 Uhr 45, aus einem Berliner Cafe im Herzen Berlins. Standort: Unter den Linden 10.

Dass die Sendung floppen könnte, glaubt der PR-Mann nicht. "Jedes Radio hat seine eigene Morningshow", weiß er. "So etwas wollen wir auch im Fernsehen probieren". Ein mutiger Versuch. Denn Spass am Morgen hat der Zuschauer noch nie verstanden, Studien belegen, dass der Früh-Zuschauer gerne muffelt und auf Informationen statt Unterhaltung steht. Boning sieht das verständlicherweise ganz anders. "Bei Samstag Nacht hatte ich Mühe, mich wachzuhalten", witzelte der Blödel-Anarchist gestern in Berlin: "nur morgens fühle ich mich auf dem Sendeplatz richtig wohl." Es gehe schlicht darum, das Frühstücksfernsehen neu zu erfinden. "Null komma drei oder dreißig Prozent Marktanteil - da bin ich ganz offen", sagt Boning.

Die neue "Comedy-Morgen-Show" von Pro 7 soll drei Monate lang getestet werden. Als Muntermacher fungieren Blödel-Rubriken wie "Wigalds Modetipp" oder "Zuspruch am Morgen". Doch auch "Gagfreies" (Boning) soll zu sehen sein: Nachrichten, Dreh- und Angelpunkt jedes Morgenmagazins, hat auch der Münchner Privatsender im Programm. Jeden Morgen soll Julia Hacke dreimal die aktuellen Nachrichten des Tages präsentieren: kurz nach halb sieben, Punkt sieben und kurz nach halb acht. "Junges Infotainment" oder "die erste Late-Night-Show des Tages" kündigt Pro 7 an.

RTL hatte 1994 schlechte Erfahrungen mit einer Frühsendung gemacht. "Einen zweistelligen Millionenbetrag hat uns das gekostet", jammerte RTL-Chefredakteur Hans Mahr anlässlich der Einstellung des Programmes. Konkurrent Sat 1 musste ähnlich viel Lehrgeld zahlen. "Wir machen Fernsehen für alle, die morgens nicht so allein sein wollen", versprach der damalige Sat-1 Chefredakteur Michael Rutz zum Sendestart 1987 und lud Komödianten ins Studio ein, die sich über eine Gesäßbreitenreform ausliessen. Soviel Frohsinn quittierten die TV-Sehenden Morgenmuffel mit einem leichten Knopfdruck auf die Fernbedienung. Erfolge konnten die Berliner erst vermelden, nachdem auch Informationen in Form von Nachrichten Eingang ins Programm fanden. Geld verdienen kann der Sender damit allerdings bis heute nicht. Obwohl die Quoten stimmen: 23,2 Prozent Marktanteil erreicht Sat 1 jeden Morgen. 21,5 Prozent der Zuschauer wollen ARD und ZDF sehen. Schuld an den roten Zahlen sind jene Zuschauer, die erst gar nicht einschalten.

86 Prozent aller TV-Konsumenten frühstücken lieber in Ruhe, ohne Fernsehen, haben Umfragen ergeben. Alle 15 Minuten wechselt das Publikum vor den Schirmen komplett. Mehr als 430 000 Zuschauer auf einmal, werden nie erreicht. Viel zu wenig, um Produktionskosten von ca. zehn Millionen DM jährlich durch Werbeeinnahmen hereinholen zu können. Die Sendung einzustellen, würde jedoch auch keinen Sinn machen. Schließlich ist das Frühstücksfernsehen Bestandteil eines Vormittagskonzepts, das bei Sat 1 "Brunch-TV" heißt, aus diversen Serien und Talkshows besteht und den Kirchsender zum Marktführer am Vormittag werden ließ. RTL und ZDF möchten das jetzt ändern und blasen mit eigenen Vormittagssendungen zum Gegenangriff. Doch Originelles ist weder dem Zweiten, noch den Luxemburgern eingefallen. Beide haben mehr oder weniger dreist bei der ARD-Konkurrenz abgekupfert, die seit einigen Monaten eine etwas krude Ratgebersendung namens "Buffet" ins Rennen schickt, in der eigentlich nur gekocht, gestrickt oder gerätselt wird. Großartig anderes darf man sich von "Mein Morgen" (RTL) und "Volle Kanne Susanne (ZDF) auch nicht erwarten. Das hindert alle drei aber nicht, mit ähnlichen Konzepten unterschiedliche Zielgruppen erreichen zu wollen.

"Wir senden für Senioren" weiß Georg Felsberg, Projektleiter des "Buffets". Das ZDF setzt auf junge Frauen zwischen 35-45 Jahren, Arbeitslose und Schichtarbeiter. "Unsere Zielgruppe sind Hausfrauen", hält RTL-Pressesprecher Frank Rendenz, dagegen und betont, das "Mein Morgen" auch live im Internet zu verfolgen ist. Hausfrauen als Internetclientel. Das ist wirklich neu. Und auf wen setzt Pro 7? "Auf alle, die das Leben nicht bierernst nehmen", heißt es im Pressetext. Damit sind junge Zuschauer gemeint, die Werbung manchmal ernst nehmen.

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