Zeitung Heute : „Wilde Achterbahnfahrten“

Manfred Bissinger, Publizist und Geschäftsführer Hoffmann und Campe Verlag

NAME

Seit der Flut ist alles anders. Zugegeben, es gibt keine Entwarnung für die rot-grüne Regierung. Sie hat es immer noch schwer, wiedergewählt zu werden. Doch ihr fester Antritt während und nach der Katastrophe, flankiert von der endgültigen Vorlage der Hartz-Papiere, lassen einen Wahlsieg wieder denken.

Keine überraschende Situation: Wer die vier Amtsjahre des Gerhard Schröder Revue passieren lässt, der weiß, welch wilde Achterbahnfahrten er schon zu bestehen hatte. So sehr ihn die Medien erst liebten, so lustvoll suchten sie sich seiner auch immer wieder zu entledigen. Fünf Wochen vor dem Wahltag aber ist der SPD-Chef obenauf. Dabei ist der Kanzler des Augusts 2002 derselbe, der er auch kurz vor seinem Triumph 1998 war. Ein Politiker mit ungebrochenem Gestaltungswillen, einer, der sich seinen Traum vom Sohn kleiner Leute, der Deutschland regieren darf, nicht so leicht abjagen lassen will. Dass ihm seine Wille zur Macht gerade in Krisenzeiten hilft, hat er schon öfter unter Beweis gestellt. Stichworte: Salzgitter, Holzmann, Bombardier und jetzt die Jahrhundertflut.

Über dem aktuellen Krisenmanagement sollte die Liste rot-grüner Erfolge nicht vergessen werden. Neues Staatsbürgerschaftsrecht, Homo-Ehe, Ausstieg aus der Atomenergie, Zuwanderungsgesetz, Ablehnung einer Kriegsbeteiligung im Irak aktivieren und binden so manche Wählerstimme. Helmut Kohl hätte mit solcher Erfolgsbilanz mindestens zwei Legislaturperioden bestritten. Doch die von Globalisierung, Wirtschaftsflaute, Börsencrash und Klimakatastrophe verunsicherten Menschen vergessen schneller als früher. In der Krise zählt das Momentane. Und Gerhard Schröder weiß, Statur zu zeigen. Mehr jedenfalls als sein bayerischer Kontrahent, dessen so mühsam abtrainierte Zögerlichkeit plötzlich wieder durchbricht.

Dabei sind angesichts der grässlichen Zerstörungen selbst die alten Affären wie weggewischt. Das hilft Regierenden wie Herausforderern. Kohls millionenschwerer Spendenbetrug wird ebenso dem Vergessen anheim fallen wie Schröders Regierungspannen. In der Stunde der Not profiliert sich die Exekutive, und dagegen hat Stoibers mit viel Radau installiertes „Kompetenzteam“ wenig auszurichten. Ohnehin sind dessen Eckpfeiler an Kohl gescheiterte Politiker, die eher Reise zurück ins vorige Jahrhundert symbolisieren als die notwendigen Antworten: Lothar Späth, Wolfgang Schäuble und Horst Seehofer stehen nicht für Aufbruch.

Dass es für Rot-Grün dennoch eng wird, kann kein Zweifel sein. Bundeskanzler Gerhard Schröder muss weiterkämpfen wie seinerzeit sein Vorbild Willy Brandt, dessen regierende SPD 1972 noch wenige Wochen vor der Wahl um ganze zehn Prozent abgeschlagen hinter CDU/CSU dümpelte, aber dann doch obsiegte. Damals brachte die Ostpolitik die Wende, heute könnte es die Mischung aus den ernsthaften Vorschlägen von Hartz-Kommission und dem Sofortprogramm zum Wiederaufbau der in dreckiger Flut versunkenen Städte und Landschaften sein. Foto: dpa

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben