Zeitung Heute : Wilde Der junge Die DDR im All

Die Nazis zwingen ihn zur Arbeit im Steinbruch. Nachts spielt er Theater im Untergrund. Mehr als 30 Jahre später, 1978, wird er Papst. Das frühe Leben des Karol Wojtyla.

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Von Adam Soboczynski Der Winter 1940 in Krakau ist so kalt, dass sich der 20jährige Arbeiter das Gesicht mit Vaseline einreibt, um sich vor dem Frost zu schützen. Morgens, gegen sechs, es ist noch dunkel, zieht er seinen blauen Arbeitsanzug an, schnallt sich den Rucksack um und verlässt das Haus am Weichselufer. Er läuft über die vereiste Debniki-Brücke; schnell, damit der Kreislauf in Schwung kommt und den müden Körper wärmt. Es folgt ein halbstündiger Marsch durch noch menschenleere Gassen, bis an die Grenze Krakaus, dort liegt sein Ziel: der Steinbruch von Zakrzowek.

Wie die anderen polnischen Zwangsarbeiter auch nimmt er einen Vorschlaghammer in die Hand, schlägt ins Gestein; immer wieder, bis sich einzelne Brocken lösen, die er in eine Schubkarre wirft. Die gefüllte Schubkarre schiebt er zu einem Eisenbahnwagen, leert sie aus und beginnt von vorn. „Meine Hände“, schreibt der Arbeiter nachts in seinem kleinen Zimmer, „sind eine Landschaft. Wenn sie aufreißen, dringt der Schmerz ihrer Wunden frei hervor wie ein Fluß. Doch kein Gedanke an Schmerz.“

Der Mann heißt Karol Wojtyla. Bekannt wird er erst 38 Jahre später, am 16. Oktober 1978, um 18 Uhr 15. Zu diesem Zeitpunkt steigt weißer Rauch aus dem Kamin der Sixtinischen Kapelle, Kardinal Pericle Felici erscheint auf der Loggia, dem kleinen Balkon des Doms, und verkündet: „Annuntio vobis gaudium magnum habemus papam Carolum Wojtyla!“ Der Name ist den Tausenden, die sich auf dem Petersplatz eingefunden hatten, fremd. Es dauert einige Minuten, bis es es sich herumgesprochen hat, der neue Papst „é un Polacco!“ – er ist ein Pole. Der 58-jährige Karol Wojtyla wird der erste nichtitalienische Papst seit dem Holländer Hadrian VI., der von 1522 bis 1523 auf dem Heiligen Stuhl saß. 455 Jahre war man gewöhnt, einen Italiener an der Spitze des Vatikans zu sehen.

Weshalb hatten die Kardinäle einen Polen gewählt? Nichts deutete bei der Wahl in der Sixtinischen Kapelle, die am 15. Oktober begann, darauf hin, das Karol Wojtyla zum Papst ernannt werden sollte. Zunächst zeichnete sich ein Wettstreit zwischen zwei Italienern ab. Doch bei den ersten vier Abstimmungen bleiben beide weit unter der erforderlichen Zweidrittelmehrheit. Das Patt zwischen den beiden italienischen Kandidaten nutzt der Wiener Kardinal Franz König aus, er macht sich für Wojtyla stark.

Das Argument des „roten Kardinals“, wie der Österreicher aufgrund seiner engagierten Ostpolitik genannt wird, liegt auf der Hand. Nur ein Papst, der aus einem Land hinter dem Eisernen Vorhang stammt, könne der „Mentalität der Teilung“ zwischen Ost und West begegnen.

Die katholische Kirche hatte einen Papst gewählt, der das Leiden unter den totalitären Regimes des 20. Jahrhunderts personifizierte. Und einen Papst, der den nationalsozialistischen Besatzern in Polen nur knapp entronnen war. Auf dem Nachhauseweg von der Arbeit bricht Karol Wojtyla erschöpft auf der Straße zusammen. Er wird von einem deutschen Lastwagen erfasst, Stunden später erst von Passanten aufgefunden und in ein Krankenhaus gebracht. Die Diagnose: Schädelbruch.

Wojtylas Zusammenbruch war der Preis für ein Doppelleben, das er unter der nationalsozialistischen Herrschaft zu führen gezwungen war. Nach der Arbeit, spät abends, manchmal nachts, suchte er dunkle Keller, Katakomben und Krakauer Hinterhäuser auf. Er hatte sich einer geheimen Schauspieltruppe, dem „Theater des gesprochenen Wortes“, angeschlossen. Wenn die drei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler ein Stück aufführten oder probten, dann wechselten sie fast täglich ihren nächtlichen Unterschlupf. Denn der NS-Generalgouverneur Hans Frank, der im Krakauer Wawel-Schloss residierte, hatte die Absicht, „jedes Überbleibsel der polnischen Kultur auszulöschen“. Schulen, Universitäten und sämtliche kulturellen Einrichtungen der Stadt wurden geschlossen. „Es reicht“, so Frank in einer Notiz, „wenn der Pole bis zehn zählen kann.“

„Mit der Macht des Wortes wollten wir die Besatzungszeit überleben“, kommentiert der Papst später die Theaterarbeit seiner Jugendjahre. Vielleicht hatte er denselben Abend vor Augen, an den sich auch Juliusz Osterwa, ein bekannter Regisseur aus Warschau, erinnern sollte. Er war dabei, als Karol Wojtyla aus Adam Mickiewicz’ „Pan Tadeusz“ rezitiert, dem bekanntesten Werk der polnischen Literatur. Es spielt im Jahr 1811. Zu dieser Zeit ist Polen zwischen Russland, Preußen und Österreich aufgeteilt und von der politischen Landkarte Europas verschwunden. „Ich habe mich oft fürs Vaterland geschlagen“, sagt der Schauspieler Wojtyla. „Doch wo und wie, darüber red’ ich nicht.“ Als Lärm von der Straße in das Versteck der Theatergruppe dringt, als die Stimme eines Lautsprechers von Siegen der Wehrmacht kündet, da stockt Wojtyla nicht, ignoriert den panischen Aufbruch des Publikums, und fährt unbeirrt fort: „Die Nachwelt preist nur den, der kühn gestritten, / Doch selten den, der Schweres hat gelitten.“

Ob Osterwas Bericht bereits der polnischen Legendenbildung um den späteren Papst angehört, mag dahin gestellt bleiben. Unbestritten war der junge Schauspieler Wojtyla ein Patriot, wie so viele Polen seiner Generation, wurde er doch in einem Staat geboren, der kaum anderthalb Jahre älter war als er selbst. Erst nach dem Ersten Weltkrieg, 1918, wurde die Unabhängigkeit Polens deklariert, nachdem es 150 Jahre von der politischen Karte Europas verschwunden war. Doch der junge Staat sollte mit dem deutschen Überfall auf Polen erneut vernichtet werden.

1940 lernt Wojtyla den Schneider Jan Tyranowski kennen, einen Laienprediger, der in seiner Wohnung „Zirkel des lebenden Rosenkranzes“ abhielt. Eine kleine Männergruppe versammelte sich in seiner Wohnung, darunter Wojtyla, versank in Gebeten und Meditationen. Tyranowskis spirituelle Veranstaltungen waren bei polnischen Klerikern nicht unumstritten. Er war eine Krakauer Kultfigur, ein Sonderling, der sich als Laie einem strikten Zölibat unterwarf. Eben dieser Basisapostel Tyranowski zieht Wojtyla an.

Die spirituelle Kontemplation lässt ihn die Zwangsarbeit vergessen. „Im Angesichte des Terrors“, erinnert er sich später, „habe ich den Entschluss gefasst, Priester zu werden, um der Erniedrigung menschlicher Würde zu entgehen.“ Der Krieg hatte aus dem ambitionierten Jungschauspieler einen Priester gemacht. Bald darauf tritt er ins Priesterseminar des Erzbistums Krakau ein; seine offizielle klerikale Karriere nimmt ihren Lauf.

Die polnische Kirche, die er als Priester, als Weih- und Erzbischof und schließlich als Kardinal prägt, hat auch im kommunistischen Polen einen schweren Stand. Die Staatspartei versucht vehement den Bau von neuen Kirchen zu verhindern. Legendär wird Wojtylas Kampf um eine Kirche in „Nowa Huta“ („Neue Hütte“). Die Retortenstadt am Rande Krakaus ist eine sozialistische Modellsiedlung, erbaut für den stählernen Arbeiter des Ostens. Industriebauten, mittlerweile marode, umschließen als mächtiger Speckgürtel Wohnblöcke, die mit neoklassizistischer Wucht in die Landschaft gesetzt wurden und heute langsam verfallen.

Die Arbeiter von „Nowa Huta“, so der Plan der kommunistischen Machthaber, sollten alles erhalten – großzügige Wohnungen, ein eigenes Theater, ein Kino, einen Ballsaal und überbreite Promenaden, auf denen es sich trefflich marschieren lässt. Aber eines verbot das Regime vehement: den Bau einer Kirche. Sonntägliche Massenaufläufe zum leeren Platz, an dem die katholische Kirche ein Gotteshaus plante und ein provisorisches Holzkreuz errichtet hatte, waren die Folge.

Der spätere Papst feierte seit 1959 auf offenem Feld, das Kreuz im Nacken, seine Messen: im Regen, im Schnee, in frostiger Kälte.

Die Gottesdienste Wojtylas wurden zum Symbol eines erfolgreichen Widerstandes, denn die Kommunisten gaben schließlich nach. Kardinal Karol Wojtyla selbst stieß am 14. Oktober 1967 den ersten Spaten in den vom Raureif glatten Rasen. Zehn Jahre lang baute man an der Arche, finanziert durch Spendengelder. Und als Wojtyla die Einweihungsmesse hielt, vor tausenden Nowa-Huta-Arbeitern und Pilgern aus aller Welt, da beschwor er den Kampfgeist der Polen.

Seine Predigt geriet zum Affront gegen die Machthaber des Landes: „Dies ist keine Stadt von Menschen, die jemandem gehören“, rief er zornig in die Menge, „von Menschen, mit denen man machen kann, was man will, die nach den Gesetzen oder Regeln der Produktion und Konsumtion manipuliert werden können. Dies ist eine Stadt der Kinder Gottes.“

Die Staatspartei konnte es auch nicht verhindern, dass der neue Papst am 2. Juni 1979 seiner Heimatstadt einen Pastoralbesuch abstattete. In den Blonie-Park strömte die bisher größte Menschenmasse in der Geschichte Polens. Der Papst sprach vor drei Millionen Menschen, die aus den entlegensten Kolchosen – damals zum Teil noch in Pferdewagen – nach Krakau eilten. Es ist die Zeit der großen Massenbewegungen, der Papst besuchte Krakau am Vorabend der Solidarnosc-Streiks, die blutig niedergeschlagen werden sollten. Die Doppeldeutigkeit seiner Worte war unüberhörbar: „Ihr müsst stark sein, liebe Brüder und Schwestern. Ihr müsst stark sein. Nehmt noch einmal das ganze geistige Erbe an, das ‚Polen’ heißt, zieht dieses Erbe niemals in Zweifel, werdet seiner nicht überdrüssig.“ Auf die Durchhalteparolen folgte jene Botschaft, die in den aufgewühlten politischen Zeiten zu einer Leitparole der Solidarnosc werden sollte: „Fürchtet Euch nicht! Fürchtet Euch nicht!“ Die Masse antwortet mit selbst gebastelten, riesigen Plakaten: „Wir wollen Gott.“

„Fürchtet Euch nicht.“ Die Botschaft des Papstes war vertrackter als es den Anschein hat. „Fürchte dich nicht, denn dir wird der Heiland geboren“, richtete der Erzengel Gabriel seine Botschaft an Maria. Doch zu fürchten hatte sie bekanntlich allen Grund, nicht nur weil ihr unerwarteter Weise ein Engel erschien. Denn vor Herodes musste die Heilige Familie nach Ägypten fliehen. Und Herodes, so lässt sich die päpstliche Botschaft entschlüsseln, dieser gnadenlose Herrscher, der die Heilige Familie bedrohte, war nun drauf und dran, erneut zuzuschlagen. Bedroht wurden die Arbeiter in den Stahlwerken des Landes, der antikommunistische Widerstand, die katholische Kirche in Polen.

Der erste Papstbesuch in seiner Heimat verlief nicht ganz nach den Wünschen Wojtylas, wurde ihm doch von den Behörden der Besuch seiner Arche-Kirche verboten. Daraufhin setzte er sich in einen Helikopter und ließ über Nowa Huta einen Blumenstrauß fallen. Diese Episode vermag die Strategie des Nachfolgers Petri gegenüber dem kommunistischen Regime gut veranschaulichen. Stets verfolgte der Papst eine Zermürbungstaktik, eine Art camouflierten Protests gegen die Sowjetherrschaft, die er gleichzeitig niemals bis aufs Blut reizte. Für die Polen geht er dennoch schon zu Lebzeiten als Widerstandspapst in die Geschichte ein. Denn seine Messen hatten die Wirkung politischer Massenveranstaltungen. Gorbatschow sollte nach dem Zusammenbruch des Ostblocks die „politische Rolle, die Johannes Paul II. dabei gespielt hat“ erwähnen. Vielleicht hatten es die römischen Kardinäle bereits 1978 geahnt.

Per Anhalter ins Weltall

Auf BBC Radio 4 läuft die Erstausstrahlung der Radiohörspielserie „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams. Die vor Skurrilitäten sprühende Sciencefiction-Parodie stieß zunächst auf wenig Beachtung. Erst die 1979 erschienene Romanfassung machte Adams Buch zum Weltbestseller.

Bergsteigen extrem

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Gerade einmal 2600 Gramm schwer sorgt Louise Brown schon bei ihrer Geburt in London für Aufregung: Sie ist das erste Retortenbaby der Welt.

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