Zeitung Heute : Wilde Jahre voller Widerspruch

Risse im Eis des Kalten Krieges: Der Tagesspiegel im dritten Jahrzehnt

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Es war ein schnelles Ende. Ein Zündfunke genügte, und das VoxHaus in der Potsdamer Straße verschwand in einer riesigen Staubwolke – am frühen Nachmittag des 22. März 1971. Das Geburtshaus des deutschen Rundfunks, wo 1923 – „Hier Sendestelle Berlin, Vox-Haus, Welle 400“ – der erste deutsche Sender ein regelmäßiges Programm aufgenommen hatte. Heute würde ein solcher Abrissplan einen Aufschrei der Entrüstung auslösen, damals war er typisch für den Geist der Zeit: Ganze Straßenzüge in West-Berlin fielen der Kahlschlagsanierung zum Opfer, Traditionspflege wurde kleingeschrieben. Eine grundsätzliche Haltung, die die Vertreter der „herrschenden Meinung“ in West-Berlin ironischerweise mit ihren Kritikern teilten. Die waren zwar nicht sonderlich an dem Geschick alter Häuser interessiert, aber auch aus ihren Parolen sprach nicht gerade ein Sinn fürs Überkommene: „Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren“.

Die Rebellion der Jugend, der Schüler und vor allem der Studenten, die sich besonders mit dem Jahr 1968 verbindet, war keineswegs eine spezielle Berliner Erscheinung, aber hier gedieh der Widerspruchsgeist besonders gut, hier fand er in Rudi Dutschke seinen führenden Kopf. Ein schwieriges Pflaster für die von der aufbegehrenden Jugend so gescholtene „bürgerliche Presse“, worunter natürlich auch der Tagesspiegel zu rechnen war. Nicht gerade ein revolutionäres Blatt, das konnte man wirklich nicht sagen, dennoch geprägt von einer erstaunlichen Liberalität in dieser Zeit des sich zuspitzenden gesellschaftlichen Konflikts – und von einem ausdrücklichen Verständnis für die Anliegen der Demonstranten, das andere Blätter vermissen ließen. Gerade von den Studenten wurde diese Haltung des Tagesspiegels registriert und mit viel Zuspruch honoriert: In den Hörsälen ausgehängte Zeitungsseiten – das sieht jeder Redakteur gern.

Auch in der Beziehung zu Ost-Berlin und der DDR machte sich eine Aufbruchstimmung breit, bekam das Eis des Kalten Krieges erste Risse. Neue Besuchsbestimmungen der DDR ließen auch den damaligen Feuilletonchef des Tagesspiegels, Hans Scholz, zu ausgedehnten Entdeckungsreisen durch die Mark Brandenburg aufbrechen, durch das Land Theodor Fontanes, dessen Wandlungen seit dem Mauerbau nur noch sehr unzureichend zu verfolgen gewesen waren.

1974 wurde dann in der Hannoverschen Straße 39 im Bezirk Mitte die „Ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in der DDR“ eröffnet, mit Günter Gaus als ihrem ersten Leiter – eine Folge der Ostpolitik Willy Brandts und seiner sozialliberalen Koalition. Noch war zwar nicht abzusehen, wann genau denn wieder zusammenwächst, was zusammengehört, aber damals wurde der Keim gelegt zu der deutschen Wiedervereinigung, von der damals zwar alle im Westen redeten, ohne jedoch auf die Realisierungschancen allzu viel zu geben. Die Bedeutung Willy Brandts, des ehemaligen Regierenden Bürgermeisters von Berlin, auf den folgenden, dem dritten Tagesspiegel-Jahrzehnt gewidmeten Seiten, besonders herauszustellen, versteht sich also eigentlich von selbst. ac

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