Zeitung Heute : Wilder Westen: Nicht nur Hühnereier aus dem Nest holen

Stefan Woll

Einige tausend Bundesbürger legen ein bis zwei Mal wöchentlich nach getaner Arbeit Kammgarn-Anzug, Blaumann oder Business-Kostüm ab, um sich in Cowboys oder Cowgirls zu verwandeln. Viele von ihnen, glaubt Dirk Büttner von Argus Reisen, "träumen davon, wenigstens in den Ferien mal wie ein richtiger Cowboy zu leben". Auf einer Original-Ranch, im wirklichen Wilden Westen. Ganz auf die Bedürfnisse dieser Klientel hat sich der Göttinger Reiseveranstalter eingerichtet, der als Spezialist für Ranch- und Abenteuerurlaub auch im "forum anders reisen" seit sechs Jahren unangefochten eine Nische besetzt hält und nach eigenem Bekunden demnächst "letzter Mohikaner" in diesem Segment sein wird.

Wer mit Argus reist, ist Pferdenarr, Westernfan oder Karl-May-Liebhaber; es sind Puristen, die keine Inszenierungen, sondern das Authentische wollen. Einzelreisende vor allem gehören zur Klientel, häufig Ärzte und Selbstständige. Der Anteil der Frauen ist dabei mit 60 Prozent - unerwartet - groß. Sie wollen "nicht länger von der Prärie lesen, sondern sie selbst hautnah erfahren", sagt Dirk Büttner. Ihren Wunsch erfüllen können sie sich in einer der 70 Ranches in 14 US-Weststaaten, denen Argus alljährlich etwa 800 Kunden aus Übersee vermittelt.

"Working Ranches", in denen Ranch-Alltag pur und unverfälscht geboten wird, üben die größte Anziehungskraft aus. Der aktuelle Argus-Katalog 2001 / 2002 versammelt 15 solcher zwischen Idaho im Norden und Texas im Süden des amerikanischen Westens gelegene Ranches, wo dem Gast mehr abverlangt wird, als Hühnereier aus dem Nest zu holen. Kälbern ihr Brandzeichen aufdrücken, Rinder zusammentreiben, Heu machen oder Schafe scheren sind dagegen die Betätigungen, bei denen sich Reisende aktiv einbringen.

Stundenlang durch endlose Weiten

Noch höhere Anforderungen an das Reitvermögen stellen die sieben unterschiedlichen "Cattle & Horse Drives" von Argus. Wer sich zutraut, eine Woche lang bis zu acht Stunden täglich in den endlosen Weiten von Montana oder Wyoming im Sattel zu sitzen, sollte gut durchtrainiertes Sitzfleisch haben. Fliegenfischen im glasklaren Fluss, knisterndes Lagerfeuer, Übernachtung unterm Sternenzelt winken danach als Entschädigung.

Wer dagegen auf das "Ranch-Ambiente" nicht gänzlich verzichten möchte, kann seinen Urlaub auch auf "Guest Ranches" verbringen, wo sich sehr viel um den Gast und nicht (mehr) so viel um die Landwirtschaft dreht. Hier gibt es Freizeitangebote mit Rodeo, Heuwagenfahrten, mehrstündigen Ausritten, Kurse zur Pflege und Haltung von Pferden. Wer Western-Atmosphäre will, gleichzeitig aber auf einen Vier-Sterne-Komfort Wert legt, kann ein "Ranch Resort" buchen, das schon mal über Golfanlage und Tennisplatz verfügt.

Wer "das Wahre" schätzt, muss oft tief in die Tasche greifen. Da kommen mühelos 5000 Mark zusammen für knapp drei Wochen Ferien, einschließlich Flug, einer Woche Ranch-Aufenthalt und zwei Wochen Mietwagen. Dagegen muten 495 Mark sehr günstig an. Diese Summe verlangt Argus Reisen für ein Schnupperangebot: zwei Tage Aufenthalt nebst vier Stunden Reitunterricht auf der Bonanza Ranch. Dafür braucht man nicht über den Großen Teich zu fliegen. Die Westernranch liegt im Hohen Fläming, unweit von Belzig, zwischen Berlin und Magdeburg.

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