Zeitung Heute : Wildes Berlin

30 000 Tierarten leben in der Stadt, Füchse genauso wie Kammmolche. Nicht alle passen sich an.

Rolf Schneider
Foto: Institut für Biologie
Foto: Institut für Biologie

Das Eichhörnchen, das auf dem Balkon nistet, der Fuchs, der plötzlich im Scheinwerferlicht steht, die Wespe, die am Frühstück im Freien teilhaben will. In Berlin leben geschätzte 30 000 Tierarten, die meisten völlig unauffällig, andere begegnen uns ständig. Über die possierlichen Eichhörnchen freut man sich, die Wildschweine am Picknickplatz sind eher ärgerlich. Eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern und Studierenden am Institut für Biologie versucht, den als „Verstädterung“ bezeichneten Prozess, der heute bei vielen Wildtierarten beobachtet werden kann, wissenschaftlich zu analysieren. Das Spektrum der von der Arbeitsgruppe „Naturschutzprojekte“ untersuchten Tierarten reicht von Insekten bis hin zu Säugetieren.

Es begann 1991 mit einem Projekt zur Nahrungsökologie und zum Brutverhalten freilebender Wanderfalken in Berlin. Es folgten Untersuchungen zur Arthropodenfauna (dazu zählen etwa Spinnentiere und Insekten) auf den Mülldeponien im Umland, Studien zum Bau von stationären Amphibienschutzanlagen in Pankow oder zur Bestandsentwicklung von Dohlen und Saatkrähen.

Dabei geht es auch um die seltenen Rote-Liste-Arten oder die durch die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der EU besonders geschützten Arten. Erforscht wird, wie der Wanderfalke, der Kammmolch oder die Blauflügelige Ödlandschrecke verbreitet sind, wie sich ihr Bestand entwickelt und wie sie vor möglichen Gefährdungen geschützt werden können. Es geht aber auch um „Allerweltsarten“, über die in der Presse zwar viel geschrieben wird, über deren Biologie unter städtischen Bedingungen aber kaum fundierte wissenschaftliche Arbeiten vorliegen. Das betrifft beispielsweise die Krähen, das Eichhörnchen oder den Fuchs.

Krähen scheinen aufgrund ihrer Anpassungs- und Lernfähigkeit prädestiniert für ein Stadtleben zu sein. Allerdings sind dabei nicht alle gleich erfolgreich. Von den sechs im Stadtgebiet vorkommenden Arten stehen die Dohlen und Saatkrähen sogar auf der Roten Liste der gefährdeten Vögel Berlins. Der Überfluss an Abfällen in der Stadt kann den Mangel an nahrhafter tierischer Kost für die Jungenaufzucht der Vögel nicht kompensieren. Das ergab eine Vielzahl studentischer Projekte in Kooperation mit dem Nabu Berlin. Die notwendige Nahrung für ihren Nachwuchs können die Vögel allein in den Grünanlagen und Parks der Stadt finden, von ihnen kann es also gar nicht genug geben.

Auch Eichhörnchen sind mittlerweile ein fester Bestandteil unserer Stadtfauna. Der Bezirk Lichtenberg, in dem mit Unterstützung des Bezirksamtes Untersuchungen durchgeführt wurden, ist nahezu flächendeckend vom Eichhörnchen besiedelt. In Wohngebieten mit halboffener Bebauung und gutem Baumbestand kommen sie mittlerweile häufiger als im Wald vor. Sie nutzen Teile von Wohnhäusern, um ihre Nester, die Kobel, wettergeschützt anzulegen. Sie ziehen auf Balkonen erfolgreich Junge groß und profitieren vom reichlichen Futterangebot durch den Menschen, vor dem sie weitestgehend ihre Scheu verlieren. Dies beschreibt Miriam Thiele in ihrer Diplomarbeit, die kürzlich mit dem Katharina-Heinroth-Preis 2012 der Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin (GNF) ausgezeichnet wurde.

Gegenwärtig steht der Rotfuchs im Mittelpunkt des Interesses der Biologen. In den 1950er Jahren begann er, in die Stadt zu kommen. Seit zwanzig Jahren hat er flächendeckend von ihr Besitz ergriffen. Obwohl er als potenzieller Krankheitsüberträger für Mensch und Haustier eine besondere Bedeutung besitzt, waren seine Verbreitung, Populationsstruktur und Dichte in Berlin nahezu unbekannt. Die vor ihrem unmittelbaren Abschluss stehende Dissertation von Konstantin Börner wird viele der noch offenen Fragen klären helfen. Dank der Kooperation mit dem Landeslabor Berlin und dem Friedrich-Löffler-Institut konnten sich die Forscher inzwischen ein umfassendes Bild von den Krankheiten des Fuchses in Berlin machen. Sie wissen, wovon er sich ernährt und welche Stadträume er bevorzugt. Ob man aber tatsächlich von „Stadtfüchsen“, die vom Umland isoliert leben, sprechen kann, werden letztendlich genetische Untersuchungen zeigen.

Während des Frühjahrs leben in Berlin rechnerisch etwa 2,75 Füchse pro Quadratkilometer. Das sind nicht viele gegenüber englischen Großstädten, wo es mitunter mehr als zehn Mal so viel gibt. Es sind aber mehr als in der offenen Agrarlandschaft. Im Sommer steigt die Zahl, weil eine Fähe im Schnitt fünf bis sechs Junge hat. Ein Grund für diese hohe Fuchsdichte ist die gute Nahrungsversorgung in der Stadt. Füchse sind hier eher Sammler als Jäger: Menschliche Nahrungsabfälle und Katzenfutter stehen ganz oben auf der Speisekarte. Der kurioseste Fund im Magen eines toten Fuchses war ein Hamburger samt Verpackungstüte.

Dezimiert wird die Fuchspopulation momentan vor allem durch die Staupe, eine auch für Hunde gefährliche Viruskrankheit sowie durch den Straßenverkehr. 450 bis 650 tote Füchse werden jährlich zur Untersuchung im Landeslabor Berlin eingeliefert, zwei Drittel davon sind Unfallopfer. Daneben gibt es „interne“ Regulationsmechanismen. So werden bei einer hohen Fuchsdichte nicht alle Fähen trächtig. Obwohl erste Anzeichen auf ein solches Phänomen hinweisen, scheint die Aufnahmekapazität des Lebensraumes Stadt für den Fuchs gegenwärtig noch nicht erschöpft zu sein.

Wo Wildtiere anzutreffen sind, erfahren die Biologen häufig auch von interessierten Bürgerinnen und Bürgern. Sie sind sensibel für die Natur in der Stadt – ebenso wie die Universität in der Mitte Berlins. Rolf Schneider

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Biologie der HU in der AG Vergleichende Zoologie und Leiter des Projekts.

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