Zeitung Heute : Wildnis erkunden

Lars Törne

Wie ein West-Berliner die Stadt erleben kann

Als ich kürzlich in meiner Wohnung eine Ameisenstraße entdeckte, die vom Balkon unter der Tür hindurch geradewegs unter den Teppich lief, da war Schluss mit der Tierliebe. Eine Dose Ameisen-Ex beendete den Spuk.

Hinterher hatte ich ein schlechtes Gewissen. Denn eigentlich mag ich Wildtiere in der Stadt. Einer meiner Favoriten ist ein kleiner Fuchs, der gelegentlich über den Platz vorm Roten Rathaus huscht. Vor allem abends zieht er dort seine Runden und läuft mit elegant federndem Schritt an den Beeten entlang. Dass er nur einer von zahllosen Füchsen in Berlin ist, habe ich letzte Woche in einem hübschen Büchlein erfahren, das der Großstadtwildtierexperte Cord Riechelmann kürzlich veröffentlicht hat. Darin steht auch, wie der Fuchs vom Rathaus und seine Artgenossen sich kulinarisch über Wasser halten: Sie futtern verendete Stadttauben, die sonst einfach vor sich hingammeln würden. Seitdem ist mir der Streuner vom Alex noch sympathischer.

Auch die meiner Ansicht nach interessantesten Vögel der Stadt werden in Riechelmanns Buch unterhaltsam gewürdigt: Die Raubvögel aus dem Tiergarten und die Stare vom Dom. Einem der Raubvögel, wahrscheinlich ein Habicht oder Falke, begegne ich alle paar Tage, wenn ich auf dem Weg zur Arbeit durch den Tiergarten radele. Oft halte ich an und bewundere, wie er mit seinen enormen Schwingen zwischen den Bäumen hindurchsegelt, ohne gegen Äste zu stoßen. Die Stare kann man am besten abends bewundern, wenn sie sich im Wäldchen zwischen Dom und Alter Nationalgalerie versammeln. Wer sich unter die Bäume stellt, hört die Tiere knarzen und singen und komische Geräusche machen. Laut Riechelmann kommen hier bis zu 40 000 Stare zusammen. Manche von ihnen können Autogeräusche und Sirenen imitieren, andere brillieren zweistimmig in Staccato und Legato – was offenbar auch nötig ist, denn Star-Weibchen bevorzugen natürlich den besten Sänger. Beim Lauschen sollte man allerdings eine Mütze aufsetzen oder sich eine Zeitung über den Kopf halten: Die Tiere sind nicht stubenrein!

Cord Riechelmann: Wilde Tiere in der Großstadt. Nicolai, 174 S. mit Tierstimmen-CD (auf der neben Star, Fuchs und Falke ein Dutzend weiterer Tiere verewigt ist), 16,90 Euro.

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