Zeitung Heute : Wildpinkeln geißeln

Wie eine Neuberlinerin die Stadt erleben kann

Ariane Bemmer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Für manche Dinge des Lebens muss der Blick beständig geschärft werden, sonst wird man stumpf gegen Missstände. Ich hatte mich gerade damit abgefunden, dass es auf diesem Planeten kein Mann für nötig hält, ein Klo zu suchen, wenn er eines bedarf, da bekam ich mit, dass es sich bei diesem Fehlverhalten gar um eine bußgeldbewehrte Ordnungswidrigkeit handelt. Inklusive Gebühren 166 Euro. Eine Goldgrube für das finanzklamme Berlin – und in Zeiten, in denen Wall-Toiletten die Stadt überrollen, eine unmäßig hohe Ausgabe. Aber es kassiert ja kein Mensch. Was nun wieder von den Medien aufgenommen wurde, die härteres Durchgreifen von Polizisten gegen die Rasen- und Häuserwandbepinkler forderten. Womit sie mir aus dem Herzen sprachen. Denn mein durch die Berichterstattung geschärfter Blick sah sie nun überall: die Wild- oder auch Spontanpinkler.

Auf der Straßenseite gegenüber der Trunkenbold, der bierselig die Straßenlinde wässert und dabei so selbstzufrieden guckt, dass es einen nicht wundern würde, wenn der dem Grünflächenamt später eine Rechnung schreibt für Bewässerungsmaßnahmen. Schwein, rief ich ihm zu. Halssmaul, sagt er. Ebenso die Griller, die fernab jedes Kanalisationssystems im Unterholz Wasser lassen müssen. Zu diesen notorischen Wildpinklern gesellt sich aber inzwischen eine neue Gruppe: die ohne-Not-Wildpinkler: Die entdeckte ich vor einigen Tagen, als ich zu später Stunde die Veteranenstraße in Mitte entlang ging. Bergauf reiht sich auf der linken Straßenseite eine Kneipe an die nächste und davor sitzen die jungen Leute, gegenüber auf der anderen Straßenseite ist eine Baumreihe, dahinter der Weinbergspark. Und dort standen sie: eins, zwei, drei junge Männer nebeneinander und hielten ihre Zipfelchen ins dunkle Grün. Dieserart erleichtert marschierten sie auf die andere Straßenseite zurück, um sich erneuten Harndrang anzusaufen – ohne Hände waschen! Dabei haben die Kneipen doch Klos! Ich war empört. Was soll denn das, rief ich ihnen unbestimmt hinterher und erhielt keine Antwort. Schämen die sich denn nicht?, maulte ich vor mich hin. Aber was soll man tun? Zur nahen Polizeiwache Ecke Brunnenstraße laufen und Alarm schlagen? Völlig witzlos. Bis man durch die vielen Glastüren hindurch ist, haben die Delinquenten ihre Hosen längst verriegelt. Was ja überhaupt die Schwierigkeit ist beim Verfolgen der Wildpinkler. Was, wenn die ihr Fehlverhalten einfach abstreiten. Es wird wohl kaum einer DNA-Proben vom illegal besprenkelten Pflänzchen nehmen.

Das Problem schien mir unlösbar, da erhielt ich eine Einladung zu einer WG-Party. Als ich dort nun meinerseits mal musste, fand ich über dem Klosett das bisher wahrscheinlich nur an WGs verkaufte Piktogramm, auf dem Männer zum Pinkeln im Sitzen aufgefordert werden. Und da wusste ich die Lösung im Kampf gegen wilde Pinkler: Hängen wir doch solche Piktogramme in die ganze Stadt. Sitzende Wildpinkler habe ich in den Straßen und Parks von Berlin noch nicht gesehen.

Männer, die nicht wissen, was sie machen sollen, wenn sie mal müssen, sollten sich an die Frauen halten, die sie sonst immer dafür auslachen, dass die dauernd müssen. Oder zur Wall-Toilette gehen.

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