Wilhelmsburgs Wandlung : Der Hinterhof Hamburgs

Wilhelmsburgs Image: Kampfhunde, Plattenbauten, Hartz IV. Doch bis zur City sind es nur wenige S-Bahn-Minuten. Nun wird die Elbinsel durch die Internationale Bauausstellung aufgehübscht. Erkundung eines Quartiers im Umbruch.

So sehen Planer die Zukunft des Stadtteils.
So sehen Planer die Zukunft des Stadtteils.Foto: IBA

Inge Malunke streift die Einweghandschuhe über und zupft die Finger in Form. Die müsse sie tragen, sagt sie, weil sie nie wisse, was sie oben erwartet. „Aids und so.“ Sie ist Hausbetreuerin in Kirchdorf Süd, ihr Gesicht ist grau, ihren wirklichen Namen will sie nicht sagen, weil ihr Arbeitgeber das Wort „Brennpunkt“ nicht gerne hört.

Im zwölften Stock öffnet sich die Fahrstuhltür. „Digger aus Kirchdorf Süd“ hat jemand an die Tür geschmiert. Einmal, sagt Malunke, sei sie hier verprügelt worden, regelmäßig gibt es Deeskalationstrainings. Wer vom zwölften Stock noch höher muss, geht zu Fuß weiter. Unheimlich ist das am Abend. Eigentlich, sagt Malunke, solle hier ein Netz vor der Balustrade hängen, doch jemand hat es runtergefetzt, nun sieht man in der Ferne den Hamburger Michel. Malunke rümpft die Nase, es stinkt nach Urin. „Wäre gut, wenn hier was passiert.“

Kirchdorf Süd im Stadtteil Wilhelmsburg, Migrantenanteil über 50 Prozent, Arbeitslosigkeit über zehn Prozent, Beschäftigungsfeld unzähliger Sozialarbeiter – und ab Ende März Austragungsort der Internationalen Bauausstellung. Die Mieter mit den Satellitenschüsseln im Hochhaus werden einen der Logenplätze haben. Doch die interessiert das wenig.

Wilhelmsburg liegt als Insel in der Elbe, südlich der Innenstadt, es ist Hamburgs flächenmäßig größter Stadtteil. Der Hauptbahnhof ist nur acht S-Bahn-Minuten entfernt, doch für die Hamburger ist Wilhelmsburg wie durch eine Grenze, die Elbbrücken, von ihrer Welt getrennt.

Die Geschichte mit der Bauausstellung beginnt vor 13 Jahren, an einem Sommertag. Die Kampfhunde Gipsy und Zeus gehen in Wilhelmsburg spazieren. Eigentlich müssten sie eine Leine tragen, aber der Besitzer lacht darüber nur. Heimlich, so stellt sich später heraus, macht er sie sogar auf dem Spielplatz scharf, die Hunde trainieren mit Autoreifen und bekommen Anabolika ins Futter. Plötzlich springen sie, es ist kurz vor zwölf Uhr mittags, über den Zaun einer Schule, rennen auf den sechsjährigen Volkan zu, werfen ihn zu Boden und zerfleischen ihn.

Nach diesem tödlichen Unglück ist Wilhelmsburgs Image endgültig ruiniert. Der Stadtteil verfällt in Schockstarre, der Rest von Hamburg in Empörung: Asozial, schlimm, so darf es nicht weitergehen. Die „Zukunftskonferenz Elbinsel“ wird einberufen – und beschließt, Wilhelmsburg zum Austragungsort der Internationalen Gartenschau und Internationalen Bauausstellung (IBA) zu machen. Die IBA, eine Tochter der Stadt, entdeckt die Potenziale des Viertels: das viele Elbwasser, irgendwie ist es maritim. Noch ist wenigen klar, dass der Stadtteil zum Labor der Stadtplaner werden wird.

Ein paar Schritte von Inge Malunkes Hochhaus entfernt liegt die Haltestelle der „Wilden 13“. Der Bus fährt in 27 Minuten einmal quer durch Wilhelmsburg. Keine andere Linie eignet sich so gut dazu, die Umbrüche zu besichtigen, die das Viertel derzeit durchmacht. Kerstin Schaefer, 33, im dunklen Mantel und mit Wollschal, ist Kulturanthropologin. Im nebligen Winterdämmer wartet sie an der Haltestelle, sie ist zierlich, hat braune Augen und trägt die Haare kurz. Schaefer beobachtet die Fahrgäste der Linie 13 mit zusammengekniffenen Augen. Seit sie den Bus in ihrer Magisterarbeit als Spiegel des Stadtteils begriff, 173 Seiten, Note 1,0, kann sie den Beobachterblick auch privat nicht mehr abschalten.

„Ein sinnlicher Bus“, kommentiert Schaefer. Es ist voll und warm, Frauen mit Kopftuch und Plastiktüten sitzen neben Hafenarbeitern und Jugendcliquen, die gerade vom Unterricht kommen. Erst seit einiger Zeit fahren im Bus auch Studenten mit, Kerstin Schaefer war eine der ersten.

Vor sechs Jahren zog sie mit ihrem Freund in eine alte Farbenfabrik in Wilhelmsburg, mit Lastenfahrzug in der Wohnung, manchmal wehte Industriegestank über den Hof. Dem Paar gefiel der raue Charme des Stadtteils. Schaefer begann, ihre Magisterarbeit über den Bus zu schreiben und mit ihrem Freund in der Wohnung Filme zu drehen, „Konspirative Küchenkonzerte“ nannten sie die Reihe, die ein Spartensender bald im Fernsehen zeigte. Nördlich der Elbe, im eigentlichen und schönen Hamburg, wunderten sich viele der jungen Zuschauer: Wilhelmsburg, wo liegt das?

Dieses Unwissen wird spätestens der Dokumentarfilm ausräumen, den Schaefer jetzt über den Stadtteil dreht. Schon vorher wird die Bauausstellung dazu beitragen, Wilhelmsburg über die Stadtgrenzen hinaus bekannt zu machen. Über 90 Millionen Euro sind aus einem Sonderprogramm der Stadt Hamburg in das Viertel geflossen. Kerstin Schaefer sagt: „Irgendwann ist es ein richtiger Sport geworden, im Bus die Mitarbeiter der IBA zu erraten.“ Stadtplaner, Architekten, PR-Leute, alle fuhren sie plötzlich mit der Wilden 13, wo sie dann oft neben Aktivisten saßen, die gegen die IBA waren. Sie seien leicht zu erkennen, sagt Schaefer: „An ihren Taschen und den coolen Brillen.“ Sie lacht, dann wird sie ernster: „Mir ist es wichtig, mit meinem Film unsere Sicht auf Wilhelmsburg festzuhalten, nicht nur die Sicht der IBA.“

Ihr Film soll eine Liebeserklärung an den rauen Stadtteil werden, in dem man nachts im Bus noch uralte, weißbärtige Kapitäne in Uniform treffen kann oder den Busfahrer Kofi aus Ghana, der seine Dienstmütze voller Stolz trägt und um Mitternacht zum Wachbleiben an den Haltestangen turnt. Dafür haben Schaefer und ihr Team Stunde um Stunde im Bus gedreht – und unzählige Tabletten gegen Reiseübelkeit geschluckt. „Das war es wert“, sagt Schaefer. Wer weiß, vielleicht wird es dieses Wilhelmsburg nicht mehr lange geben. Eine Sorge, die hier viele haben.

Im Bus drängen sich Mütter mit Kinderwagen. Eine Gruppe Jugendlicher gerät in Streit: „Ey, du bist Hartz IV!“ Ein Mädchen mit Hüftjeans schreit: „Ein bisschen Punk im Bus muss sein!“ Der Busfahrer summt Rick Astley mit: „Never gonna give you up...“

In Wilhelmsburg macht jeder, was er will. Ob das so bleibt? Vor allem im studentischen Reiherstiegviertel haben die Lokale gewechselt, es gibt da jetzt Cafés mit stylischen Lampen, einen Portugiesen, einen Italiener. Und es gibt Initiativen wie den „Arbeitskreis Umstrukturierung Wilhelmsburg“, der den IBA-Prozess kritisch sieht. Seine Mitglieder wollen den Stadtteil nicht zum Bonzenviertel werden sehen, sie sind genervt von der PR-Maschinerie und den Bürgerbeteiligungsgremien der IBA, in deren Sprachgebrauch die Probleme der ethnisch gemischten Bevölkerung nur noch ins Positive gewendet vorkommen: Wilhelmsburg ist jetzt „das Weltquartier“.

Vermutlich hat es dem Arbeitskreis auch nicht besonders gefallen, dass der Regisseur Fatih Akin vor vier Jahren seinen Film „Soul Kitchen“ in einer Wilhelmsburger Industriehalle gedreht hat. Plötzlich entstand nämlich ein romantischer Mythos um den Stadtteil, effektiver als ihn jede IBA-Kampagne hätte erklügeln können.

Journalisten kamen, die sonst nur für Sozialelendsreportagen herüberschauten, wenn wieder mal Fälle ruchbar wurden wie der des Mädchens Chantal, das vor einem Jahr in seiner Pflegefamilie an einer Methadon-Vergiftung gestorben war. Jetzt aber wollten die Journalisten einfach den Sonnenaufgang vor den Industrieruinen erleben. Niemand hatte ihnen gesagt, dass Wilhelmsburg so cool war. Die Hamburger, die Akins Film gesehen hatten, fuhren plötzlich zum Tanzen auf die andere Elbseite, Reporter riefen bei Kerstin Schaefer an und wollten mit ihr auf Goa-Partys gehen. Sie staunten, dass es in Wilhelmsburg Deiche, den malerischen Ernst-August-Kanal mit Biergartenanleger und große Freiflächen zum Feiern gab. Wilhelmsburgs Aufstieg begann.

Die Wilde 13 rumpelt jetzt an der „Neuen Mitte“ vorbei, dem Schaufenster der IBA-Ausstellung. Bagger reißen den Asphalt auf, ein paar Fahrgäste drehen die Köpfe. Schaefer zeigt auf ein Gebäude mit geschwungenen Linien, in das die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt einziehen wird, in den vergangenen Wochen ist es aus dem Boden geschossen. Daneben kann man „Smart Price Houses“ entstehen sehen, zu günstigen Preisen, „Smart Material Houses“ aus intelligenten Baustoffen, die auf ihre Umwelt reagieren, „Hybrid Houses“ aus zwei verschiedenen Baukörpern, die unterschiedlichen Lichtbedürfnissen Rechnung tragen. Bau- und Wohnungstypen, Materialien und Energiekonzepte sollen ab Ende März für Besucher aus aller Welt als „Zukunft des Wohnens“ zu entdecken sein, hinzu kommt ein riesiger Park im Rahmen der Gartenschau. Früher gab es hier nur den Betonvorplatz der S-Bahn Wilhelmsburg, den „Kaufland“-Klotz und ein paar Schrebergärten.

Unweit der Haltestelle Kirchdorf Süd steht Pierre Hamel, 34, mit zwei Freunden an der kleinen Kreuzkirche und trinkt Bier. Seine Welt ist anders als die von Kerstin Schaefer und ihrem Filmteam. Hamel wohnt in der Ottensweide, einem schmucklosen Wohnblock mit Satellitenschüsseln, er befürchtet Mieterhöhungen. Er hat aber auch gehört, dass die Bewohner freien Eintritt zur Gartenschau bekommen sollen, als Trost für die ewigen Baustellen, das findet er gut. Er arbeitet als Maschinenführer bei „Kühne und Nagel“, seit 1986 wohnt seine Mutter im Stadtteil, er selbst ist schon mal weg nach Norderstedt gezogen, aber wiedergekommen. „Heimat eben“, meint er. Wie fast alle mag er die Vielseitigkeit des Viertels, das Naturschutzgebiet, das direkt hinter den Hochhäusern beginnt, den Elbstrand. Sogar einen Kinderbauernhof gibt es neben den Wohnsilos. Wilhelmsburg sei wie ein Dorf, sagt Hamel.

Gentrifizierung gibt es überall. Doch in Wilhelmsburg wird der Prozess durch die IBA massiv beschleunigt. Zur Präsentation werden 2,5 Millionen Besucher erwartet, 1000 neue Wohnungen werden gebaut, Experten schätzen, dass die Bevölkerung des Viertels in den nächsten zehn Jahren von 50 000 auf 60 000 anwachsen könnte. Für Besserverdienende, die es nach draußen in den Speckgürtel zieht, wird der ehemalige Problemstadtteil zur Alternative. Eine Boulevardzeitung fragt schon: „Wird Wilhelmsburg die bessere Hafen-City?“

„Die IBA will niemanden vertreiben“, beteuern die Verantwortlichen immer wieder. Auch nicht die ärmeren Bewohner. Die aber sind misstrauisch. Ob Wilhelmsburg ihr Wilhelmsburg bleibt, ist ungewiss.

Die Wilde 13 ist zurück in Kirchdorf. Kerstin Schaefer lässt beim Abschied noch einmal die unterschiedlichen Welten Revue passieren, durch die der Bus gefahren ist: das studentische Reiherstiegviertel, die Neue Mitte als Schaufenster der Bauausstellung, das reichere Kirchdorf mit seinen Eigenheimen, die Hochhaussiedlungen unweit der Haltestelle, in denen mehr als 5000 Menschen mit Dutzenden von Nationalitäten leben, deren Welt wenig zu tun hat mit intelligenten Hybridhäusern.

Inge Malunke, die Hausbetreuerin, macht gerade Feierabend. „Die Runde verlief ruhig“, sagt sie, bevor sie mit der S-Bahn zurück auf die andere Elbseite fährt. Ob sich die IBA-Gäste je in eins der Hochhäuser verirren werden, die Malunke auf ihren Runden betreut? Von oben gäbe es den besten Blick.

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