Zeitung Heute : Wille und Unwille

Er holte sein Land aus der Isolation – Österreichs Bundespräsident Thomas Klestil ist tot

Markus Huber[Wien]

Die Lippen hatte er so zusammengepresst, dass von ihnen kaum noch etwas zu sehen war, die Augen blitzten kalt, nicht einmal für den Bruchteil einer Sekunde verzog er die Mundwinkel, und das mehr als eine halbe Stunde lang. Sein Gesicht wirkte wie eine Maske, aufgesetzt, um all die Ablehnung und die Verachtung auszudrücken, die er in diesem Moment wohl empfand.

Es war der 4. Februar des Jahres 2000 in einem Repräsentationssaal der Wiener Hofburg, seinem Amtssitz als österreichischer Bundespräsident. Thomas Klestil saß neben Wolfgang Schüssel, dem Chef der konservativen Österreichischen Volkspartei. Schüssel war bei Klestil, um von ihm als neuer Bundeskanzler einer Koalition zwischen ÖVP und der FPÖ von Jörg Haider vereidigt zu werden. Klestil wollte diese Regierung nicht, immer wieder hatte er nach Alternativen gesucht. Doch schließlich konnte er sich nicht gegen die Regierungsbeteiligung der Rechtspopulisten wehren.

Was ihm blieb war sein stiller Protest. Die Eiseskälte, mit der er die Zeremonie über die Bühne brachte. Und sein erstarrtes Gesicht, dass er dabei aufsetzte.

Es ist das Bild, das von Österreichs Bundespräsidenten Thomas Klestil bleiben wird. Wahrscheinlich auch deshalb, weil es sinnbildlich für seine Karriere steht – und auch für sein Scheitern.

Als Klestil im Mai 1992 zum formal höchsten Politiker der Republik Österreich gewählt wurde, da stand er für eine Zeitenwende. Bis 1992 war das Amt des Bundespräsidenten ein Job für einen besseren Frühstücksdirektor gewesen, eine dekorative Beschäftigung für arrivierte, aber auch schon betagte Politiker, die nichts mehr werden sollten, aber auch noch nicht in Pension gehen konnten. Eigentlich hätte das auch 1992 so sein sollen, denn Klestil war vor der Wahl der Außenseiter.

Als Favorit galt der damalige sozialdemokratische Verkehrsminister Rudolf Streicher, der von seiner Partei gegen seinen Willen aufs Altenteil geschoben werden sollte. Streicher quälte sich als sicherer, aber desinteressierter Sieger durch den Wahlkampf, seine Ambitionslosigkeit war zum Greifen – und das nutzte Klestil. Denn der bis dahin weitgehend unbekannte bürgerliche Diplomat wollte den Job mit jeder Faser seines Körpers. Offenbar überzeugte dieser Siegeswille die Österreicher, und sie brachten Klestil in die Hofburg, seinen Amtssitz für die nächsten zwölf Jahre.

Als jüngstes von fünf Kindern wurde Thomas Klestil am 4. November 1932 in einem Wiener Arbeiterbezirk geboren. Er studierte Wirtschaftswissenschaften und trat 1957 in den Staatsdienst ein. Als Mitglied der ÖVP arbeitete er zunächst im Bundeskanzleramt, ging dann 1959 für drei Jahre zur OECD nach Paris. Von 1969 bis 1974 war er österreichischer Generalkonsul in Los Angeles, später Vertreter seines Landes bei den Vereinten Nationen in New York und Botschafter in Washington.

Gerade am Beginn seiner Präsidentenjahre war Klestil bestrebt, seinen Machtwillen auch in der Hofburg auszuleben. Er war der Präsident, der nach der Isolation der Kurt-Waldheim-Jahre ständig durch die Welt flog, sein Kontaktnetz in Europa und Übersee knüpfte. Seine Umtriebigkeit führte spätestens mit Österreichs EU-Beitritt 1995 zum Bruch mit der damaligen, von den Sozialdemokraten geführten Koalition – und zu seiner ersten großen Niederlage. Immer wieder drang Klestil darauf, Österreich im Europäischen Rat statt des Bundeskanzlers vertreten zu dürfen. Er ließ mehrere Rechtsgutachten anfertigen, die seinen Anspruch auf diese Außenvertretung des Landes unterstreichen sollten, doch Klestil wurde in seinen Ambitionen immer wieder sowohl vom SPÖ-Kanzler Franz Vranitzky als auch von seiner eigenen Partei gebremst. Und letzten Endes war es auch Klestils ÖVP, die seinen Höhenflug beendete.

Erst sickerten aus dem bürgerlich dominierten Außenamt immer wieder Schnurren über die Pannen bei Klestils Auslandsreisen durch. Auch dass Klestil, für die aus Staatsraison zurückhaltenden Bundespräsidenten bislang völlig unüblich, bei seinen Flugreisen ein Schild mit der Aufschrift „Presidential Aircraft“ auf die gemieteten Linienmaschinen montieren ließ, sorgte für großes Gelächter, nicht nur im politischen Establishment. Im Jahr 1995 tauchten dann erstmals und ausschließlich in den bürgerlichen Zeitungen Gerüchte über angebliche Eheprobleme im Hause Klestil auf – tatsächlich hatte der Präsident schon während seines Wahlkampfs ein Verhältnis mit seiner Mitarbeiterin Margot Löffler begonnen. Zum Jahreswechsel 1995/96 zog Klestils erste Ehefrau Edith in einem Titelseiten füllenden Rosenkrieg aus der Residenz aus, Klestil heiratete Margot Löffler kurz darauf. Seine Reputation, vor allem in der Wiener Gesellschaft, war damit freilich verloren.

Und spätestens seit 1996, als Klestil wegen einer atypischen Form der Lungenentzündung mehrere Monate lang nicht arbeiten konnte, bekam seine Amtsführung eine neue Prägung. Der machtbewusste und ehrgeizige Mann fügte sich in seine Rolle als Staatsnotar. Er verzichtete nun meist auf Einmischungen in die aktive Politik, vor allem nach seiner Wiederwahl im Jahr 1998. Lediglich bei jener Regierungsbildung 2000 versuchte sich Klestil nochmal einzuschalten und die FPÖ von der Macht fern zu halten. Bei der Auswahl der FPÖ-Minister konnte er sich dabei durchsetzen und die Kür von zwei extremen Rechtsaußenpolitikern zu Ressortchefs für Justiz und Finanzen verhindern.

Am Donnerstag wäre Klestils zweite Amtszeit abgelaufen. Für die Zeit nach seiner Pensionierung hatte er bereits vorgesorgt und eine mondäne Villa im Wiener Nobelbezirk Hietzing angeschafft. Dort erlitt er am Montagmorgen, drei Tage vor der Amtsübergabe an seinen Nachfolger Heinz Fischer, jene Herzattacke, von der er sich nicht mehr erholte. Er starb am Dienstag kurz vor Mitternacht im Alter von 71 Jahren.

Seit Mittwochmittag wird Klestils Leichnam nun in einem Repräsentationsraum der Wiener Hofburg aufgebahrt. Es ist jener Raum, in dem Klestil am 4. Februar 2000 Wolfgang Schüssel als Bundeskanzler vereidigen musste.

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