Zeitung Heute : Willkommen bei Familie Xbox

Urban Media GmbH

Von Kurt Sagatz

Zum pompösen Start der XBox hatte Microsoft-Chef Bill Gates noch nach New York geladen. Am Times Square in einem Toys ’R’ US-Laden wurde die erste Spielekonsole des Newcomers in diesem Markt an den ersten Käufer übergeben. Ganz so großartig wird der Verkaufsstart in Deutschland sicherlich nicht ausfallen. Dafür spricht schon das Datum, denn der 14. März ist zugleich der zweite Messetag der CeBIT und auch die angedachte Aktion in einem Hannoveraner Media-Markt dürfte kaum mit dem New Yorker Event zu vergleichen sein, zumal sich hier zu Lande nur wenige Menschen mitten in der Nacht wegen einer Spielekonsole in lange Schlangen begeben. Und was sonst noch zum Start der Xbox in Deutschland geplant ist, darüber will sich Microsoft nicht in die Karten schauen lassen.

Aus der Not der Termingleichheit mit der CeBIT hat der Konzern dennoch so etwas wie eine Tugend gemacht. Wenn schon nicht die Medien in Scharen zum Start der Xbox in Deutschland kommen – nicht zuletzt, weil auf der weltgrößten Computermesse solche Unterhaltungstechnik nicht erwünscht ist – dann kommt Microsoft eben zu den Medien. Nach Stationen in Hamburg und München kam der Tross in dieser Woche nach Berlin, genauer nach Kreuzberg, noch genauer in eine geräumige Kreativen-WGs in der Gneisenaustraße, in der man in jedem Zimmer eine XBox mit angeschlossener Dolby-Digital-Anlage aufbauen kann, ohne gleich den Nachbarn um den Schlaf zu bringen. Die eigentlichen Bewohner haben freiwillig das Weite gesucht und ließen sich auf Firmenkosten umquartieren.

Microsoft drängt mit Macht in den Multi-Milliarden-Dollar-Markt, den bislang die Konsolen von Sony, Nintendo und Sega dominierten. Vor allem die Playstation hatte es geschafft, dem Markt mit rasanten Spielen und aggressiver Werbung neue Dynamik zu geben, während Nintendo nach wie vor eher das Kinderimage mit Super Mario und Pokémon bedient. Zwar will sich Nintendo mit dem GameCube, der kurz nach der Xbox auch auf den deutschen Markt kommen wird, ebenfalls stärker auf das Segment der 25-Plus-Generation konzentrieren, doch der eigentliche Schlagabtausch im Konsolenwettbewerb findet zwischen Sony und Microsoft statt, wie XBox-Promoter Boris Schneider-Johne erwartet.

Die Xboxen für den europäischen Markt fertigt Microsoft in Ungarn. Täglich laufen dort seit Mitte Dezember 15000 Geräte vom Band. Bis Ende Juni sollen in den 16 europäischen Zielländern 1,5 Millionen Geräte an den Handel verkauft und am besten auch an den Kunden gebracht werden. Bei einem Preis von 479 Euro in der Grundausstattung – die Spiele werden zwischen 60 und 70 Euro kosten – braucht es schon gewichtige Argumente für die Xbox, das weiß auch Schneider-Johne. Und dabei zählt nach seiner Meinung vor allem eins: die Leistung. Ein 733-Megahertz-Hauptprozessor, ein 233-Megahertz-Grafikchip von nVidia, Festplatte, DVD-Laufwerk, Netzwerkkarte, großzügiger Arbeitsspeicher – damit ließe sich ein normaler Computer basteln, doch in der Xbox dient das alles nur dem einen Zweck einer beeindruckenden Grafik mit gewaltigem Sound. Die nächsten sechs bis sieben Jahre will Microsoft den Spieleentwicklern mit dieser Grundkonfiguration eine Umgebung an die Hand geben, die Raum für neue Ansätze gibt.

Derzeit kommt die Festplatte in der Xbox zu neuen Ehren. Sie dient einerseits dazu, annähernd beliebig viele Spielstände festzuhalten. Allein damit wäre sie bei vorhandenen acht Gigabyte Platz maßlos überdimensioniert. So wird sie in ihrer zweiten Funktion als erweiterter Arbeitsspeicher genutzt, auf dem das DVD-Laufwerk jene Daten für den schnelleren Zugriff zwischenspeichert, die wenig später für anstehende Spielaufgaben benötigt werden. Durch diese Aufgabenteilung zwischen Harddisk und DVD-Laufwerk lassen sich die sonst üblichen Ladezeiten erheblich verringern.

Für die Spieldesigner ist jedoch die Gedächtnisfunktion der Festplatte viel interessanter. Wo sonst beispielsweise bei einem Autorennen alle Schäden an Fahrzeugen oder Rennstrecke nach dem Neustart einfach im virtuellen Nichts verschwinden, können Xbox-Spiele nun so angelegt werden, dass ein unfallbedingtes Hindernis auch dann noch an Ort und Stelle ist, wenn der Spielgegner mit seinem Auto an diese Stelle kommt. Der Gemeinheit werden ganz neue Brücken gebaut. Im Zusammenspiel mit der bereits eingebauten Netzwerkkarte wird die Festplatte auf mittelfristige Sicht jedoch noch ganz andere Aufgaben erhalten, denn nach Meinung der Microsoft- Entwickler werden Konsolen wie die Xbox zu einem ganz anderen Verständnis von Online-Spielen führen. So wäre es mit Breitband-Anschluss und Harddisk ein Leichtes, mal eben ein neues Level herunterzuladen, um in einem James- Bond-Spiel eine neue Aufgabe von „M“ zugteilt zu bekommen. Bis sich dieser Vertriebskanal durchsetzt, werden jedoch voraussichtlich noch zwei bis drei Jahre vergehen.

Die Technik, Kunden mit künftigen Verheißungen bei der Stange zu halten, beherrscht Microsoft bereits seit langem. Die Xbox zeigt jedoch auch jetzt schon, was in ihr steckt. Die Qualität der Grafik und des Dolby-Digital-Sounds hinterließen in der Kreuzberger WG einen bleibenden Eindruck, den bislang nur die inzwischen wegen unwirtschaftlicher Produktion eingestellte Dreamcast-Konsole von Sega erzeugen konnte. Im Gegensatz zu den Japanern hat es Microsoft jedoch geschafft, vom Start weg interessante Spieletiteln aus eigener Produktion wie auch von anderen namhaften Software-Entwicklern mitzubringen. 18 Titel werden für den Deutschland-Start bereitstehen, zu Pfingsten sollen es 50 und für das Weihnachtsgeschäft 120 Spiele sein. Der Wettstreit der Konsolen dürfte somit spannend werden.

Die XBox im Netz: http://www.xbox.com/de " target="new"> www.xbox.com/de

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