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Wer war Homer? Der „Ilias“-Dichter ein östlicher Schreiber? Raoul Schrott, Universalgelehrter, Reisender und Geisteserotiker, stellt Thesen auf, die das kulturelle Selbstbild der Europäer verändern könnten

Peter von Becker

DDas wäre ja eine Weltsensation. Homer, neben Dante und Shakespeare der größte und zudem geheimnisvollste Dichter der Menschheit, der griechische Epensänger Homer tritt nun auf: als Schreiber an einem assyrischen Hof. Als Eunuch gar. Als Autor in einem anderen, fremden Kulturkreis. Und das Troia seiner „Ilias“, mit der vor 2700 Jahren die Literaturgeschichte und für gebildete Geister auch der Herzschlag Europas beginnt, es läge nicht mehr am Hellespont, an der einst griechisch-kleinasiatischen Küste. Nicht zugewandt unserem Kontinent. Sondern hätte sein poetisches Urbild in einem heute verlassenen Nest in der Osttürkei, im alten Kilikien. Nahe der syrischen Grenze.

Dieser neue Homer und ein im Orient imaginierter Troianischer Krieg – diese Verschiebung des europäischen Weltkulturerbes nach Osten berührt nicht zuletzt auch die ideologischen Untergründe der Debatte um den EU-Beitritt der Türkei. Und ist ein Angriff auf eine Bastion abendländischen Forscherglaubens. Wenn, ja wenn es denn wahr wäre, was der 44-jährige österreichische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Raoul Schrott als Mischung aus Thesen und Tatsachen in seinem an diesem Wochenende erschienenen Buch präsentiert: „Homers Heimat. Der Kampf um Troia und seine realen Hintergründe“ (Carl Hanser Verlag).

Als Schrott im Dezember die Essenz seiner Erkenntnisse auf gleich vier Seiten einer FAZ-Wochenendausgabe ankündigte und das Blatt dies alles kurz darauf im Leitartikel noch als epochale Zäsur für Europas Selbstbild feierte, war in der akademischen Fachwelt und in den Feuilletons sofort der Teufel los.

Jener Teufel, der Götter, Gräber und Gelehrte so furios auf- und ausbrechen lässt, er nennt seine Geschichte bei unserem Treffen – nach vielen Gesprächsstunden und am Ende begleitet von Schnaps und Wein – lieber keine Sensation. Aber „ein Hammer“, ein Hammer sei es schon. Und weil Raoul Schrott das seit zweieinhalbtausend Jahren bestehende, von der fließenden Legende immer mehr zur widersprüchlichen Wissenschaft verfestigte Homer-Rätselbild so bewegt und erschüttert wie kaum einer seit Herrn Schliemann selig, borgen wir uns ein Wort seines Dichterlandsmanns Thomas Bernhard. Und nennen die Sache ganz vorläufig: einen Welthammer.

Luft. Zuerst Luft und Sonne! Schrott lehrt den Winter über als habilitierter Privatdozent an der Universität Innsbruck und holt den Gast aus Berlin dort am Bahnhof ab. Es ist einer dieser überirdisch schönen Vorfrühlingstage mit eisblauem Himmel, Schneebergen und schon grünenden Südhängen. Darum möchte der Dichter zum besseren Denken erst mal raus aus dem Innsbrucker Kessel und schlägt einen Ausflug vor. Sein Auto steht in der Bahnhofstiefgarage und ist ein Range Rover. Aber keine von den hypertrophen Kutschen für gelangweilte Stadtbürger.

Das Nummernschild ist irisch, der Wagen hat erkennbar schon härteren Touren und Zeiten getrotzt. „Den habe ich mir von meinem Klagenfurter Preisgeld gekauft“, sagt Schrott. Er meint den Bachmann-Preis, den er vor 15 Jahren gewonnen hat. Wir rattern und schaukeln hinter der von Stararchitektin Zaha Hadid postmodernisierten Olympiaschanze empor ins Hochtal nach Süden, Richtung Brenner und Italien. Einmal streiche ich mit der Hand über das staubige Blech, da erzählt Schrott, dass er mit seinem Gefährt schon durch Syrien, den Irak und den Libanon und durch die afrikanischen Wüsten gereist sei. Der Dichter aus Tirol ist ein Welthungriger, ein Nachfahre Marco Polos. Seinen bedeutendsten Roman hat er nicht nur im Titel einer winzigen, zwischen Brasilien, Afrika und der Antarktis gelegenen Insel namens „Tristan da Cunha“ gewidmet. „Am schönsten aber“, sagt Schrott, „ist für mich die algerische Sahara!“

Auch seine 15 Monate alte Tochter trägt einen Namen aus dem Algerischen. Raoul Schrott wurde 1964 im Inntal geboren und ist als Sohn eines österreichischen Außenhandelsvertreters in Tunis aufgewachsen. Eigentlich jedoch lebt er in der Grafschaft Cork in Irland. Dorthin ist er vor zehn Jahren seinem Landsmann Christoph Ransmayr und dem Elsässer Tomi Ungerer gefolgt. Weil die Iren originären Künstlern – zu denen sie keine Theaterregisseure zählen – die Einkommenssteuer erlassen. „Aber sonst klappt in Irland fast nichts. Wenn’s bei mir durchs Dach regnet, kommt monatelang kein Handwerker. Und im Krankenhaus von Cork“, erzählt Schrott, „hat es lauter Tote auf der Intensivstation gegeben. Bis sie merkten, dass die Putzfrau morgens immer den Hauptstecker rausgezogen hat, um ihren Staubsauger anzuschließen!“

Deswegen möchte er die Kinderkrankheiten seiner kleinen Tochter lieber in Tirol kurieren. Ein Grund, warum wir eben hier über Homer reden. Im Angesicht von Patscherkofel und Karwendel-Massiv, und da vorne, erfahre ich, ja dort im Berggasthof „hat öfters der Trakl gesessen“. Georg Trakl, der 1914 im Wahnsinn starb, war Österreichs genialster Poet. Um den Geburts- und den Sterbeort des freilich allergrößten, des Stammvaters aller Poeten streiten sich noch heute mindestens sieben Orte, von der westtürkischen Küstenstadt Smyrna bis zur griechischen Kykladeninsel Ios. Schrott sagt nun: „Kilikien war Homers Heimat und Karatepe sein wahres Troia.“

Karatepe? Das kennen bisher nur Eingeweihte. Karatepe heißt „schwarzer Hügel“ und liegt heute verlassen im Hinterland der osttürkischen Hafen- und Millionenstadt Adana. Inmitten der antiken Region Kilikien und am Rande des mächtigen Taurus-Gebirges existierte dort im 7. Jahrhundert vor Christus, zu der Zeit, in der Homer nach fast allen neueren Theorien – wo auch immer – gelebt hat, eine assyrische Provinzhauptstadt. Wie aber verfällt ein österreichischer Dichter drei Jahrtausende später auf diesen Ort?

Raoul Schrott ist ein gestandenes Mannsbild. Groß, grauschöpfig, von athletischer Korpulenz. Ein Kerl, den nicht nur Literatur-Liebhaberinnen mögen, man würde auf Anhieb sagen: der Typ Tiroler Skilehrer. Und just in dieser wettergebräunten Haut, in diesem Kopf steckt ein poeta doctus, eben ein weltneugieriger, in wenigstens sechs lebenden und etlichen toten Sprachen bewanderter Schriftsteller, Übersetzer, ein literatur- und kulturwissenschaftlicher Komparatist. Vor Jahren hat er die altgriechischen „Bakchen“ fürs Wiener Burgtheater übertragen und dann das babylonisch-akkadische „Gilgamesch“-Epos, die älteste Dichtung der Menschheit. Als er 2005 für eine Hörspielfassung die homerische „Ilias“ zu übersetzen begann, fielen ihm erst einzelne, dann immer mehr Parallelen zum „Gilgamesch“ und anderen orientalischen Epen auf, zudem Verbindungen Homers etwa zur Genesis des Alten Testaments.

Darauf ist Schrott nicht als Erster gekommen. Angeregt vor allem durch Studien des britischen Großgräzisten Martin L. West geistert eine Orient-Connection Homers seit einigen Jahren durch mancherlei Sekundärliteratur. Systematische Schlüsse jedoch wurden fast nie gezogen. Schrott: „Die Gräzisten und die Assyriologen nehmen bisher kaum Notiz voneinander, Okzident und Orient werden in der Literaturwissenschaft im Unterschied zur Archäologie oder Ethnologie noch immer ideologisch und kulturell getrennt.“

Die Dichter sind da allemal offener für die eigenen Wurzeln; selbst ein Urabendländler wie Thomas Mann hat sich in seinem monumentalsten Werk, in den „Joseph“-Romanen, zurückprojiziert ins mesopotamische Zweistromland und nach Ägypten. Schrott ist dort überall gewesen, er ist weder ein schierer Bücherwurm noch ein frei fabulierender Karl May. Im westtürkischen Hirsalik, wo Heinrich Schliemann auf den Spuren Homers tatsächlich das antike Troia fand, hat Schrott wie jeder heutige Reisende die Erfahrung gemacht, dass die Topografie in und um Troia mit Homers in ungeheurer Detailfülle geschilderter Küsten- und Berglandschaft so gar nicht übereinstimmt. Auch nicht in Anbetracht aller dreitausendjährigen Veränderungen.

In Kilikien dagegen, gut 800 Kilometer weiter südöstlich, fand Schrott, nach dem Hinweis eines Innsbrucker Universitätskollegen, was er suchte. Zahllose Örtlichkeiten und die für die exakt geschilderten Schlachtverläufe mitsamt 1186 Schiffen unabdingbaren Voraussetzungen scheint die Region um Karatepe verblüffend genau zu bieten. Landschaft und Ruinen gleichen einer nach Homers Angaben erbauten Filmkulisse. Dennoch, könnte der Dichter der „Ilias“ das nicht – wie ein Karl May der Antike – aus Legenden und fremden Schilderungen nachempfunden, sich ausgemalt und letztlich eben doch erfunden haben?

Schrott sagt, alle Dichter, die Historienstoffe und Mythen transponieren, erfinden immer nur auf der Basis von Vorgefundenem: „Vor allem ein Detailfetischist und Präzisionspingel wie Homer, der keine Requisite, keinen Alltagsvorgang, keine Nebenfigur ohne konkrete Beschreibung einbaut.“ Also imaginiert Raoul Schrott in Karatepe, in der einst stolz aufragenden Festung des Hethiterkönigs Azatiwada, deren Grundmauern auf dem heute verlassenen Burgberg erst in den letzten Jahrzehnten ausgegraben wurden, den Palast des Troianerkönigs Priamos.

Funde eben dort ermöglichten die Entzifferung der hethitischen Keilschrift. Ein Band von Reliefs an den beiden einstigen Stadttoren – zwei wie bei Homer, nicht fünf wie im „bisherigen“ Troia – zeigt Szenen, die der „Ilias“ – aber nicht nur ihr – gut zugeordnet werden können. Und Griechen gab’s dort auch. Ein kilikische Inschrift nennt diese zu Homers Zeit als Kolonisatoren oder Gastarbeiter der Assyrer und Hethiter eingewanderten Hellenen wie in der „Ilias“: „Achaier und Danaer“. Eine Bezeichnung, die aus dem europäischen Raum und von der westtürkischen Küste, so argumentiert Schrott, sonst nicht überliefert sei. Im Übrigen liegt die kilikische Küste direkt gegenüber der Insel Zypern, von wo der Mythos des historisch nie wirklich belegten Troianischen Krieges um 1200 vor Christus ausging.

Ist das alles also nichts als „irrwitzige Fantasterei“? Derart hat sich der emeritierte Basler Gräzist Joachim Latacz gleich nach der ersten FAZ-Veröffentlichung im Deutschlandradio ereifert, um dann im „Spiegel“ und in der „Süddeutschen Zeitung“, etwas höflicher zwar und in eingestandener Unkenntnis des noch nicht veröffentlichten Schrott-Buchs, in die gleiche Kerbe zu hauen. Erstaunlich schnell aber hat sich inzwischen der Ton auch einiger skeptischer Altphilologen gewandelt. Der als Nestor der deutschsprachigen Homer-Forschung verehrte Schweizer Altphilologe Walter Burkert glaubt dem Ketzer Schrott zwar nicht, dass Homer eigene Kenntnis der orientalischen Keilschrifttexte gehabt haben müsse, denn diese seien zu Homers Zeit „im Westen schon verbreitet“ gewesen: auf „verloren gegangenen Tontäfelchen“. Schrott kontert, es gebe hierfür „keine archäologischen Beweise“.

Diese Szene spielt unter etlichen Herrgöttern und Götterdamen der nunmehr heftig disputierenden Zunft. Der schneeweißgraue oder auch schon erkahlte Olymp der Altertumsforschung ist mit Schrott dieser Tage zu ersten öffentlichen Diskussionen zusammengetroffen, die sich durch Deutschland und die Schweiz ziehen und im April auch ins Berliner Haus der Kulturen der Welt führen. Zur Premiere in der Zeche Zollverein in Essen sind abends bei Sturm und Sintflut fast 500 Zuhörer gekommen. Burkerts olympisch-salomonisches Fazit lautet dort: „Herr Schrott hat insoweit recht, dass vieles tatsächlich weiter nach Osten zu verlegen ist“; es gebe in der Welt Homers doch „merkwürdige Verbindungen“.

Michael Meier-Brügger, an der Freien Universität Berlin Professor für Indoeuropäische Linguistik, schließt sich später im persönlichen Gespräch Burkerts Einschätzung an. Weist freilich darauf hin, dass die östlichen Keilschriften keine Konsonanten gehabt haben, Schrotts homerisch herbeizitierte „Danaer“ dort also nur sehr tönern auf Leuten namens „Dnn“ fußten. Hm. – Allerdings konzediere er dem Dichter und Komparatisten einen hohen „geisteserotischen Unterhaltungswert“.

Homer, sagt Schrott, sei kein frei fahrender, blinder Sänger im Raum der westlichen Ägäis gewesen. Sondern schriftkundiger Grieche an einem assyrischen Hof, ein beamteter Schreiber, der nur so Zugang zu den Keilschrift-Archiven gehabt haben könne. Troia habe im siebten vorchristlichen Jahrhundert allein als dichterische Projektion gedient und sei realiter damals „am Arsch der Welt gelegen“. Während das multikulturelle Kilikien für Griechen etwa so gewesen sei, „wie wenn Sie heute von Buxtehude nach Harvard kommen“.

Am stärksten argumentiert Schrotts Buch mit der These, dass Homer nicht, wie von allen Traditionalisten inbrünstig verfochten, der reine Sänger einer improvisierenden „oral poetry“ gewesen sei. Vielmehr könnten bei der „Ilias“ 15693 Hexameter-Verse in 24 Gesängen mit über 700 Personen und unzähligen komplexen inneren Bezügen plus eingewobenen Zitaten uns nicht in späteren Abschriften weitgehend variantenfrei überliefert sein, wenn dieser sonst spurenlose Homer nicht bereits selber einen schriftlichen Text gedichtet hätte.

Dazu, das wäre der Einwand, müsste man sich allerdings nicht zwingend einen angestellten Staatschreiber ausmalen. Und auch nicht, mit psychoanalytischen Ausdeutungen von Homers angeblicher Prüderie, noch steif und fest einen kilikischen Eunuchen behaupten. Ein Reisender aus dem Westen, ein frühgriechischer Marco Polo, gar ein Schrott von einst täte es vielleicht auch. Der würde zudem viel besser zur folgenden „Odyssee“ passen.

Da muss der Dichter von heute lachen. Raoul Schrott kann stundenlang begeistert, besessen mit assyrischen, luwischen, hethitischen, phönizischen, babylonischen Zungen reden und gebärdenreich einen Turm von Argumenten bis zu den Tiroler Alpengipfeln bauen. Aber auch eingestehen: „Die ,Odyssee’ habe ich lieber weggelassen. Ein Wespennest war mir genug!“ Und der Eunuch habe ihm als These „halt gefallen“. Außerdem: „Ich trage 1400 Indizien für mein Homer-Bild zusammen. Wenn die mir vierhundert wegschießen, wonach es nicht aussieht, dann bleiben immer noch 1000.“

Mit Homer aber steht’s wie mit William Shakespeare. Das Rätsel ist, wie ein Schauspieler mit geringer Schulbildung ein so anspielungsreiches Universum aus Mythen, Antike und elisabethanischer Zeitgeschichte erschaffen konnte. Weshalb ein Witz besagt, dass nicht Shakespeare dessen Werke geschrieben habe. Sondern ein Mann, der sich bloß Shakespeare nannte.

Und in der Höhe hören wir ein homerisches Gelächter.

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