Zeitung Heute : Willkommen im Zoo

Milliardäre, Millionäre, Manager, Merkel, Minister: Alle reden aufeinander ein, als kennten sie sich schon seit Jahrzehnten – was der Job macht, wie das neue Auto fährt, wie die Welt zu retten ist. Beobachtungen beim Wirtschaftsforum von Davos

Moritz Döbler[Davos]

Fast hätten sie alle sehen können, was der Klimawandel bedeutet. Auf den Bergen rund um Davos gähnten bis in die höchsten Lagen grüne, braune, graue Löcher, und in den Tälern lag überhaupt kein Schnee. Doch in der Nacht vor der Eröffnung des 37. Weltwirtschaftsforums, das den Klimawandel zu seinem wichtigsten Thema erhoben hatte, änderte sich das Bild, und Davos sah wieder aus, wie ein Wintersportort in den Alpen auszusehen hat. „Guten Morgen. Wir haben endlich etwas Schnee“, lautete der erste Satz der Eröffnungspressekonferenz.

2400 Teilnehmer aus 90 Ländern sind in diesem Jahr gekommen. Wer nicht eingeladen wird, muss rund 10 000 Euro für die Teilnahme zahlen – oder auch ein Vielfaches, wenn man sich als „strategischer Partner“ präsentieren will, wie es viele große Konzerne machen. Rund 800 Vorstandsvorsitzende sind gekommen, 24 Staats- und Regierungschefs, 85 Minister – und weniger Stars als sonst. Bono, Peter Gabriel, und dann ist die Liste schon fast wieder zu Ende.

So zuvorkommend sich Klaus Schwab, der Gründer des Forums, stets gibt, bei der Frage nach den fehlenden Stars bekommt seine weiche Stimme plötzlich einen eisigen Unterton. „Es ist nicht unsere Politik, Stars einzuladen. Es ist unsere Politik, Menschen einzuladen, die etwas Relevantes zu sagen haben.“ 68 Jahre ist er alt, ein gebürtiger Deutscher, der Davos zu einem Inbegriff des Kapitals und aus seiner kleinen Tagung eine globale Konferenz gemacht hat.

Der „Geist von Davos“ wird überall zitiert, und am ersten Abend sollen ihn die Novizen bei einem Stehempfang im Restaurant des Fünf-Sterne-Palasts Belvedere kennenlernen. Wie groß die Maßstäbe sein sollen, zeigt sich sofort. Der weiße Prachtbau dient als Projektionsfläche für eine Lichtshow, auf der Auffahrt drängen sich Geländewagen und Limousinen, ein riesiges Zelt dient als Garderobe.

Neu scheint hier indes niemand zu sein – im Halbdunkel des weitläufigen Restaurants reden alle aufeinander ein, als ob sie sich schon seit Jahrzehnten kennten: was der Job macht, wie sich das neue Auto fährt, wie die Welt zu retten ist. „Willkommen im Zoo“, sagt ein dicklicher Amerikaner zu seiner Frau und stürzt sich in das Getümmel. Ein orthodoxer Jude, der einzige Hutträger, bahnt sich seinen Weg von einem Tischchen zum nächsten, Milliardäre in maßgeschneiderten Anzügen treffen auf verknitterte Wissenschaftler, dazwischen Businessfrauen, Goldkettenangeber, Jungunternehmer. So läuft das fünf Abende lang, heute Abend das letzte Mal. Viele Unternehmen laden zu ihren eigenen Empfängen, und manchmal gibt es dann doch auch Stars zu sehen, Claudia Schiffer zum Beispiel bei Burda.

Auch James Schiro, Chef der Zurich-Financial-Gruppe, rühmt den „Geist von Davos“, der ihn zu „einem besseren Unternehmensführer und Weltbürger“ mache. Seit 1991 komme er jedes Jahr, das gebe ihm Kraft. „Ich fahre immer mit einem Gefühl der Verjüngung nach Hause.“ Der braun gebrannte Davos-Veteran meistert das Schlipsverbot mit einem eleganten schwarzen Sakko zum schwarzen Kaschmirpullover. Bei den anderen Millionenverdienern, sonst immer im Einheitslook unterwegs, treibt die Kleiderordnung („Business Casual“) seltsame Blüten. Coca-Cola-Chef Neville Isdell wartet mit einem karierten Einstecktuch auf, das aus der Brusttasche seines ganz anders karierten Sakkos lugt, und sein Kollege von Shell, Jeroen van der Veer, hat ein ungewöhnlich großes rotes Seidenhalstuch angelegt.

Da ist Oliver Samwer mit einem rosa Oberhemd zur Nadelstreifenhose wirklich dezent gekleidet. Der 34-Jährige kommt zum zweiten Mal nach Davos, aber nicht wegen der knapp 230 offiziellen Veranstaltungen. „Das Wichtigste sind nicht die Sessions, sondern es geht darum, die Leute zu treffen“, sagte der deutsche Internetunternehmer. Schon zwei Firmen – Alando und Jamba – hat er mit seinen Brüdern Marc und Alexander gegründet und mit astronomischen Gewinnen an US-Konzerne verkauft, jetzt sucht er nach neuen Investitionsmöglichkeiten.

Um die 30 Businesspläne landen pro Woche bei ihm, und dass er wenige Leute kennt, kann man wirklich nicht behaupten – in seinem Blackberry finden sich die Kontaktdaten der ganz Großen seiner Branche. Aber dass er mit einem Top-Investmentbanker und einem chinesischen Regierungsberater über die Zukunft des Internets redet, passiert auch ihm nicht alle Tage.

Die rund 20 Veranstaltungen zum Klimaschutz gehen an ihm weitgehend vorbei. „Wir sind Unternehmer, wir wollen was machen. Wir brauchen die große Message nicht.“ Ähnlich denken offenbar viele. Ein Vorschlag von Angela Merkel stößt jedenfalls auf freundliches Gelächter: Die Vorstandschefs der 20 größten US-Unternehmen sollten doch bei George W. Bush im Weißen Haus vorstellig werden und für mehr Klimaschutz eintreten. „Das würde etwas ändern“, sagt die Bundeskanzlerin und weiß doch, dass es nicht passieren wird.

Merkel zeigt ihre weltpolitische Bedeutung, auch wenn sie ihre Führungsrolle in der Europäischen Union und bei den G8-Staaten später kleinredet („Wir sind ja von temporärer Bedeutung“). Und die Wirtschaftsbosse schmücken sich mit ihr. Der Manager Sunil Bharti Mittal aus Indien bescheinigt ihr eine „herausragende Rede“, und Coca-Cola-Mann Isdell zollt ebenfalls Respekt: „Wenn Sie mit der Koalition in Deutschland klarkommen, dann werden Sie EU und G 8 auch in den Griff bekommen.“

Das mit dem Klimawandel wird dann doch nicht ganz so hoch gehängt. Die größte Veranstaltung zu dem Thema muss auf wichtige Akteure verzichten: US-Senator John McCain hat ebenso abgesagt wie der deutsche Umweltminister Sigmar Gabriel. Und bei den übrig gebliebenen Podiumsvertretern herrscht große Ratlosigkeit. An mahnenden Worten etwa des Nobelpreisträgers Steve Chu, vorgetragen mit leiser, ernster Stimme, herrscht zwar kein Mangel, an Schlüssen daraus aber schon. So macht der chinesische Regierungsvertreter in einer schwer verständlichen Aneinanderreihung von Silben und Zahlen deutlich, dass sein Land für den Klimawandel nicht verantwortlich gemacht werden will, und die entwickelte Welt sich darum kümmern soll.

Überhaupt, das Englisch! Natürlich ist es die vorherrschende Sprache der in Davos versammelten Weltbürger, aber die meisten sind eben mit anderen Sprachen aufgewachsen, und das hört man. Klaus Schwab etwa parliert zwar ungewöhnlich eloquent über die „schizophrene Welt“, aber allein sein skrupellos vernachlässigtes „th“ ließe jeden Englischlehrer schaudern. Bei anderen fragt man sich, ob sie überhaupt verstanden werden. Der deutsche Regierungsvertreter zum Beispiel, der bei einer spontanen Rede wider den Sozialstaat plötzlich die „hanging mat“ geißelt, stößt auf fragende Blicke. Ausgerechnet eine Französin, die Handelsministerin Christine Lagarde, fällt mit perfektem Englisch auf.

Eng ist es in Davos. Wer spontan eine Veranstaltung ansetzt, muss nehmen, was übrig bleibt. Merkel etwa, mit ihren wiederholten Auftritten fast schon eine Musterteilnehmerin, will noch schnell erklären, wie sie die Lage in Nahost einschätzt, und findet dafür nur noch den Ruheraum neben dem Schwimmbad eines etwas abseits gelegenen Hotels.

Denn das jährliche Treffen in den Schweizer Alpen ist eine von langer Hand geplante Inszenierung, und diesmal haben das auch die Russen genutzt. Alexander Medwedew, der zweite Mann bei Gasprom, dem größten Gaskonzern der Welt, etwa tritt auf diversen Podien auf und bringt die Botschaft unters Volk, dass von der Energiemacht Russland wahrlich nichts Böses zu erwarten sei. Sein Stoppelhaarschnitt und die breiten Schultern unter dem Anzug lassen ihn etwas bedrohlich wirken, doch das konterkariert er durch seine stellenweise poetische Wortwahl. „Einen Himmel ohne Wolken gibt es nicht“, sagte er zum Beispiel über die regulatorischen Bemühungen der Europäischen Union. Was man auch als Statement zum Klimawandel werten kann.

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