Zeitung Heute : Win-Win und Top-Down: „Total E-Quality“ macht Frauenförderung attraktiv

Der Tagesspiegel

Von Dorothee Nolte

Von Moral hält Carola Busch nichts. „Sie müssen betriebswirtschaftlich argumentieren", sagt die Jury-Vorsitzende des Vereins „Total E-Quality". Damit Frauen in Unternehmen und Hochschulen vorankommen, reiche es nicht, an den guten Willen zu appellieren: „Die Herren müssen erkennen, dass sie selbst ein Interesse daran haben." Und dieser Erkenntnis hilft ihr Verein nach - er vergibt an Einrichtungen, die sich um Frauenförderung bemühen, das „Total E-Quality Prädikat".

Seit seiner Gründung im Jahr 1996 hat der Verein, in dessen Kuratorium hohe Würdenträger aus Politik und Wirtschaft sitzen, die Auszeichnung an über fünfzig Unternehmen und Einrichtungen vergeben - darunter die Commerzbank, die Deutsche Bahn AG, Schering, aber auch die Stadtverwaltung Wiesloch. Im vergangenen Jahr konnten sich auch Hochschulen um das Prädikat bewerben; 19 haben es getan, darunter fünf aus Berlin. Im Mai wird Bundesbildungsministerin Bulmahn in Bonn die ausgewählten Hochschulen auszeichnen; die Jury kämpft sich gerade durch durchschnittlich vier Aktenordner pro Hochschule.

Das Prädikat gibt es nämlich nicht für hehre Absichten: Jede Hochschule muss genauestens nachweisen, was sie zu bieten hat. Was tun sie dafür, den Frauenanteil unter Professorinnen oder Studentinnen zu erhöhen, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sicherzustellen, den weiblichen Nachwuchs zu fördern, Geschlechterforschung zu verankern? Welche Maßnahmen sind für die Zukunft geplant? Es gilt also, Arbeitsgruppen zu gründen, Daten zu erheben, Studieninhalte zu beschreiben, neue Ideen zu entwickeln.

„Allein dadurch ist hier schon viel in Gang gekommen", sagt Sigrid Haase, Frauenbeauftragte der Universität der Künste. Denn in den Arbeitsgruppen diskutierten nicht nur Frauenbewegte unter sich, sondern auch Vertreter der Hochschulleitung und der Fachbereiche. Das bestätigen Haases Amtskolleginnen der anderen Berliner Bewerber-Hochschulen, der Freien Universität, der Fachhochschule für Wirtschaft, der Technischen Fachhochschule und der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft.

Die Aussicht auf das Prädikat macht das leidige Thema der Frauenförderung attraktiver. Die Frauenbeauftragten jonglieren inzwischen mit neudeutschen Wörtern wie „win-win-Situation", „top-down-Strategie", „best practice", und, immer wieder, „gender mainstreaming". Gender Mainstreaming, eine Vorgabe der EU, zielt darauf, bei allen Entscheidungen zu berücksichtigen, welche Auswirkungen sie auf das Geschlechterverhältnis haben. Zunehmend müssen Behörden nachweisen, was sie zu diesem Zweck tun - und sich rechtfertigen, wenn sie keine Fortschritte erzielen. Das heißt auch: Was bisher an die Frauenbeauftragten delegiert wurde, die als lästige Bittstellerin auftreten durfte, wird zum Anliegen der Hochschulleitungen selbst.

Nicht zuletzt deshalb, weil sich Frauenförderung neuerdings in klingender Münze auszahlt: EU, Deutsche Forschungsgemeinschaft oder auch das Land Berlin - etwa in den Hochschulverträgen - fragen bei der Bewilligung von Geldern auch danach, was die jeweilige Einrichtung im Gender Mainstreaming erreicht hat. Wer also mit dem Total E-Quality Prädikat ausgezeichnet wird, darf auf einen Prestige-Gewinn hoffen, der von potenziellen Geldgebern honoriert werden könnte.

Eines jedenfalls glaubt wohl niemand: dass Einrichtungen mit dem „Total E-Quality"-Prädikat auch eine „totale" Gleichberechtigung erreicht hätten. Allerdings ist die Auszeichnung auch mehr als nur ein dekorativer Aufdruck auf Hochglanzbroschüren und Briefköpfen. Das Prädikat wird nur für drei Jahre vergeben, danach muss sich jede Hochschule erneut bewerben. Kann sie bis dahin keine Fortschritte nachweisen, ist der „Total E-Quality" futsch.

Mehr Informationen unter

www.total-e-quality.de

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