Windenergie : Dreh dich, Rädchen

Es ist ein Wunder, dass es hier Strom gibt , sagt die Wirtin Barbara, „hier sagen sie zu allem nein“. Jetzt soll das Dorf Hohne Windräder bekommen. Viele fürchten das Pfeifen der Rotoren und elektromagnetische Felder. Wie der Wind eine Ortschaft zerzaust.

Torsten Hampel

An einem Frühlingsnachmittag, an dem das Sonnenlicht schon viel zu hell vom Himmel fällt, sitzt ein Mann im Hof eines Berliner Hotels und zersäbelt mit einem Handkantenschlag die Luft, es ist die Geste für Rübe ab. Er macht das, während er den Satz sagt, „wer jammert, gibt sich auf“. Er trägt einen anthrazitfarbenen Anzug, das weiße Hemd darunter ist aufgeknöpft, der Hals ist frei. So sehen Männer aus, die auf dem Weg zu einem Gartenfest sind, die etwas zu feiern haben.

Erhard Thölke, SPD, ein Riese mit groben Händen, ist der Bürgermeister des Dorfes Hohne in Niedersachsen. 1800 Einwohner. Er ist auf Urlaub in der großen Stadt. Er will Hohne die Windkraft bringen, es soll die Rettung sein. Er hat Feinde deswegen.

Einen Tag zuvor, 250 Kilometer von Berlin entfernt, sitzt Dorothea von Middendorf an einem Tisch in ihrem Haus. Es ist schon das Haus der Urgroßmutter gewesen. Draußen vorm Fenster flattert ein Buchfink, dauernd knallt er gegen die Scheibe. Man kann nicht verstehen, warum er das tut, wahrscheinlich sieht er sein Spiegelbild und will zu ihm. Es ist auch in Hohne Frühling.

Vor Dorothea von Middendorf liegen Landkarten. Sie sagt: „Das hier ist das Land meiner Väter. Es ärgert mich, dass nur Geld das Argument ist, das hier kaputtzumachen.“ Und Thölke wiegele immer ab, auch wenn die Windräder dastehen, sei doch immer noch genug Natur hier, sage der. Aber eigentlich rede er gar nicht mehr mit ihr. Middendorf hat sich aufgegeben. Thölke wird gewinnen.

Der Schmarloh bei Hohne, eine menschenleere Landschaft am Rand des Naturparks Südheide, in den niedersächsischen Landkreisen Celle und Gifhorn gelegen. War selbst ehemals Heide, aber längst wachsen hier Kartoffeln, Rüben, Mais; jetzt keimt hier die Wintergerste. Dazwischen Wäldchen, Hügel, Gebüsch und Bäume, Pappeln, Birken, Eichen, und Asphaltfeldwege. Die Wäldchen, die Felder, die Feldwegbäume folgen schnell aufeinander, alle paar 100 Meter sieht es hier gleich aus. Man kann eine Stunde lang durch den Schmarloh gehen und den Eindruck haben, man sei wieder da, wo man losgegangen ist. Der Boden wird im Sommer schnell trocken, die Bauern müssen oft ihre Grundwasserpumpen anwerfen.

Die beiden Betreiberfirmen der Windräder, die Winkra aus Hannover und die Deag aus Neustadt am Rübenberge, planen eine 800 Hektar große Anlage. 20, 25 Windräder, sagt Thölke, mit einer Höhe zwischen 135 und 175 Metern. Die Heimatzeitung brachte einmal eine Fotomontage: so ein Riese neben Celles höchstem Kirchturm. Er würde ihn um 100 Meter überragen.

60 Landbesitzer in der Gegend können von den Betreibern Pachtgeld erwarten. Es ist die Rede von 6000 Euro pro Windrad im Jahr. Und Thölke erhofft sich für die Gemeinde auch etwas. Ein Fünftel der Pachteinnahmen soll an sie gehen, und wenn die Windräder abbezahlt sind, kommt auch noch Gewerbesteuer rein.

Dorothea von Middendorf ist dagegen. Sie ist eine Frau mit einer Pagenfrisur, das Haar ist grau. Die Lesebrille hängt an einer Schnur um den Hals. Dorothea von Middendorf ist in einer Bürgerinitiative. In einem Faltblatt weist die darauf hin, dass die Windräder Lärm – Pfeifen, Kreischen, Quietschen –, elektromagnetische Felder, tiefe, nicht hörbare Schallwellen und Lichtreflexe erzeugen werden. Seelische Erkrankungen und körperliche Beschwerden könnten die Folge sein. Der Wert der Grundstücke in der Nachbarschaft werde „bis hin zur Unverkäuflichkeit“ sinken. Durch die Wirbel über den Rotoren könnten die Regenwolken abgedrängt werden. Die Bürgerinitiative hat Fachleute befragt.

Aus einem Faltblatt der SPD Hohne. Wenn man überall auf der Welt Windkraft hätte, dann wären „die Kämpfe um Bodenschätze mit ihren schrecklichen Kriegen überflüssig.“

Das sind die Argumente in Hohne. Die einen wollen nicht, dass es pfeift, die anderen wollen keinen Krieg.

Sie hätten ihn längst, sagt Middendorf. Sie sind 200 Leute in der Bürgerinitiative, sie würden geschnitten von den anderen im Dorf, auch von Bekannten. „Man redet nicht mehr über alles“, sagt einer der Windradgegner. „Man spart Themen aus, okay“, sagt einer, der dafür ist.

Man kann das so oder so sehen. Krieg ist das jedenfalls nicht. Sie hatten lange keinen mehr hier, sie wissen vielleicht nicht mehr, wie das ist.

Ab 1951 wurde im Schmarloh nach Öl gebohrt. Man hat welches gefunden, die Deutsche Erdöl Aktiengesellschaft kam und baute in Hohne einen Tennisplatz und ein Waldschwimmbad mit einer Gaststätte. Die Bauern lernten neue Berufe, sie wurden Förderaufseher, Fördermeister, Feldhandwerker, Laborant. Erdölfachleute ließen sich in Hohne nieder und bauten Häuser. Die Dea zahlte Konzessionen an die Ackerbesitzer, sie zahlte Gewerbesteuer, Förderzins und Oberflächenentschädigung. Jeder in Hohne hoffte, Millionär zu werden. Sie haben ihre Feldwege asphaltiert, und sie haben sich gestritten. Bis in die 70er Jahre gingen die Prozesse um das Ölgeld. Sie hatten sogar einmal zwei getrennte Schützenfeste vor lauter Hass. „Das war Spaltung“, sagt Thölke.

Der Erdölkrieg

Das Erdöl ist alle seit vier Jahren, die Dea ist weg und mit ihr die Arbeitsplätze und das Geld. Thölke kann seinen „Verwaltungshaushalt seit Jahren nicht mehr ausgleichen“, sagt er. Er braucht etwas Neues. Er will, dass der Ort in Bewegung bleibt. Und wenn er das mit alternativer Energie tut, umso besser.

Thölke hat sich an den Hohner Erdölkrieg erinnert. Er hat auch das Buch eines seiner Freunde gelesen, „Wer Wind sät, wird Sturm ernten“. Er wollte es besser machen als seine Vorgänger damals. Mit allen im Ort habe er geredet, sagt er – „viel zu wenig und viel zu spät“, sagt die Bürgerinitiative. Er habe die Pläne so gemacht, dass möglichst viele etwas von der Windpacht abbekommen – die Bürgerinitiative sagt: Gesetzwidrige Absprachen seien das gewesen. Zum Umstand, dass von den elf Hohner Gemeinderatsmitgliedern fünf selbst zu jenen gehören, die eine solche Pacht bekämen, sagt Thölke: „Alle Beschlüsse wurden immer einstimmig gefasst.“ Außerdem sind 38 Gutachten gemacht worden.

Am Abend zuvor hat Thölke noch mit Freunden darüber geredet, wie schwer Hohne zu regieren sei. Zur selben Zeit hat das auch Barbara, die Wirtin im Gasthaus Krössmann, gesagt. Barbara, zweieinhalbtausend Bücher, 400 CDs, und sie kennt jeden. Vor 13 Jahren ist sie aus Polen hergekommen. Sie sagt: „Dieses Dorf ist ein Wunder: Dass die hier schon Strom haben, Straßen, Wasser. Die sagen zu allem nein.“ So sei es beim geplanten Campingplatz gewesen, bei der Diskothek und beim Sportzentrum.

Die Bürgerinitiative lässt gerade noch ein Gutachten erstellen, über Landschaftsästhetik. Von einem Professor aus Süddeutschland, „dem Papst der Landschaftsästhetik“, sagen sie. Was wird drinstehen? Wie misst man die Ästhetik einer Landschaft? Andreas von Middendorf, Dorotheas Mann, sagt: „In meinem inneren Gedächtnis habe ich eine Jahrhunderte alte Landschaft, die nicht industriell geprägt ist. Sie entspricht den horizontalen Blicklinien des Menschen. Der ruhige Blick, keine Ablenkung. Man ist ein Teil der Natur, man fühlt sich eins mit ihr.“

Das kann man nicht über jede Gegend sagen. Es ist etwas später am Tag, aber immer noch Morgen. Das Ehepaar ist verabredet, zum Frühstück bei den Barons. Sie wohnen im nördlichen Ortsteil Spechtshorn, am nördlichen Ortsteilrand, sie sind die, die am meisten Angst haben. Die Windräder werden ihre Nachbarn sein. Schräg gegenüber stand schon mal über 30 Jahre lang so eine Ölpumpe, wie in Texas, so ein Pferdekopf, der dauernd nickt. Frau Baron sagt: „Das hat gequietscht, die Kinder haben nachts geweint.“

Vor einer Viertelstunde haben sie am Tisch darüber geredet, dass man heute jedes Gutachten bekäme, das man haben wolle. Herr Baron hat das Gespräch darauf gebracht, er müsse es wissen, hat er gesagt, er ist Bauingenieur, er habe dauernd mit Gutachten zu tun.

In Berlin sitzen sie an diesem Freitagmorgen gerade im Bundestag und beschließen, die erneuerbaren Energien weiter zu fördern. Es geht darum, weniger Kohlendioxid in die Atmosphäre abzugeben. Gas- und Kohlenkraftwerke geben viel Kohlendioxid ab, Windkraftwerke gar keins.

Andreas von Middendorf sagt, jeder brauche eben seine Symbole, so eine Regierung auch. Heile Welt. Mittlerweile habe sogar die Allianz-Versicherung in ihren Werbefilmen Windtürme im Hintergrund stehen, auf jedem zweiten Landschaftsfoto seien die jetzt sogar drauf, und in Kinderbüchern sind sie auch. Der Chef der Bürgerinitiative, der auch am Frühstückstisch sitzt, sagt: „Das kenne ich nur zu gut.“ Er macht Schulbücher.

Es gibt nur das Problem, dass der Wind nicht dauernd weht und dass man Strom schlecht speichern kann. Andreas von Middendorf ist Physiklehrer, er kann das erklären. Für jedes Windrad muss gewissermaßen im Hintergrund eine Gas- oder Kohleturbine mitlaufen. Falls einmal Flaute ist. Man braucht auch bei Windstille Strom. „Ich hätte nichts gegen Windräder, wenn sie Sinn hätten“, sagt er.

Andererseits. Irgendwo auf der Welt ist immer Wind, man könnte den Strom dann von da importieren. Kohle und Gas machen auch die Landschaften kaputt. Vor allem: Kohle und Gas wird es nicht ewig geben. Man hat keine Wahl, man muss anfangen, auch wenn das Stromspeicherproblem noch nicht gelöst ist. Und irgendwo müssen die Windräder ja stehen.

Menschen sind wie Insekten

Drei kleine haben sie seit Jahren schon in Hohne. Das älteste: 1994 gebaut, 36 Meter hoch, an seinem Fuß stehen vier junge Kiefern. Das daneben ist größer, höher, der Fuß ist unbepflanzt. Dafür ist er grün gestrichen, nach oben in Stufen immer heller werdend, ab zehn Metern ist er weiß. Erhard Thölke kann sie sehen, wenn er abends nach Hause kommt, sie stehen an der Straße, in der er wohnt, ein paar 100 Meter hinterm Ortsausgang. Er sagt, dass er sich jeden Abend darüber freut. Kann sein, dass er sich seine Handkantengeste hier abgeschaut hat. Die beiden Propeller hören sich aus der Nähe an wie Schaufelraddampfer, das Geräusch kommt vom Luftzersäbeln. Aus der Ferne klingen sie wie leerlaufende Flugzeuge auf Flughäfen. Nach 250 Schritten ist der Wind wieder lauter als die Räder.

Die Hohner Bürgerinitiative hat festgestellt, dass sie die Menschen mit ihren Argumenten nicht überzeugen kann. Es gibt immer ein Gegenargument. Oder es interessiert keinen. Sie sind 200 von 1800.

Aus einem Thesenpapier der Bürgerinitiative: „Der Schattenwurf der Rotoren bei niedrig stehender Sonne löst bei tagaktiven Insekten regelmäßig den Fluchtreflex aus.“ Die Insekten werden sich schon daran gewöhnen, sagen die Befürworter im Dorf. Die Rehe würden das ja auch tun, hätten sie gehört.

Der Mensch sei wie die Insekten, sagt von Middendorf, rein evolutionstheoretisch gesehen. Der kann auf einen Acker schauen mit einem Wald dahinter, und wenn irgendwo am Bildrand ein Windrad steht, dann bemerke er es, er müsse unwillkürlich hinschauen. Wo sich etwas bewegt, von dort könne eine Gefahr herkommen. Dann läuft er weg.

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