Zeitung Heute : Windows XP: Schwere Zeiten für die Microsoft-Konkurrenz

Kurt Sagatz

Für Microsoft läuft die Uhr. Am 25. Oktober kommt das neue Betriebssystem Windows XP auf den Markt und die Zeit für Änderungen und letzte Korrekturen wird knapp. Die großen Bugs der Beta-Versionen sind behoben, inzwischen läuft der Feinschliff an den Release Candidats, also an der letzten Serie vor dem Golden Master, mit dem dann die Verkaufsversion hergestellt wird. Ein Blick auf den offiziellen Release Candidat 1 zeigt jedoch: Nicht Microsoft muss sich wegen der kurzen noch verbleibenden Zeit Sorgen machen, sondern vielmehr die Konkurrenz, deren Leben mit Windows XP erneut ein Stück schwerer wird.

Mit Windows XP beginnt eine neue Ära. Vergleichbar ist das neue System mit dem Wechsel von Windows 3.1 auf Windows 95. Damals wurde nicht allein die Optik auf ein zeitgemäßes Aussehen getrimmt, sondern auch der Betriebssystemkern von 16 auf 32 Bit erweitert. Auch dieses Mal findet eine entscheidende Wende statt. Weniger äußerlich, denn trotz aller optischer Auffrischung bleibt das meiste beim Alten, auch wenn viele Menüs umfangreicher und komfortabler aufgebaut sind. Die wichtigsten Änderungen betreffen jedoch die Technik, denn Windows XP vollzieht den überfälligen Abschied vom alten DOS. Das neue Windows basiert auf der sichereren und stabileren NT-Technik, die bislang den Profi-Nutzern vorbehalten war.

Schwierige Umbruchzeit

So vorteilhaft die Verknüpfung aus besserer NT-Technik mit den Vorteilen der einfach zu nutzenden Windows-95/98/ME-Welt ist: In der Umbruchzeit bleibt dieser weitreichende Schritt nicht ohne Folgen. Vor allem die privaten Nutzer, die bislang mit Windows 98 umgegangen sind, müssen sich selbst dann umstellen, wenn sie ein vorkonfiguriertes Neusystem kaufen. Denn jetzt werden bei der Installation von Druckern, Scannern, USB-Modems oder anderer Peripherie auf einmal NT-Treiber benötigt, die mitunter auf sich warten lassen dürften. Vielfach funktionieren zwar die für Windows 2000 entwickelten Treiber, auch wenn XP aus Sicherheitsgründen bei der Installation behauptet, die XP-Logo-Überprüfung rät von der Nutzung ab. In den meisten Fällen läuft das Gerät dennoch ohne Probleme. Zudem setzt XP in kritischen Fällen eigenständig einen Systemwiederherstellungspunkt, so dass selbst bei Problemen einfach zur letzten funktionierenden Konfiguration zurückgewechselt werden kann.

So schön dieses Sicherheitsnetz auch sein mag, das eigentliche Problem wird damit nicht behoben. Denn man möchte ja eigentlich das alte Gerät weiter betreiben. Vielen Nutzern wird in dieser Situation nichts anderes übrig bleiben, als auf ein Treiber-Update vom Hersteller zu warten. Bei der Anschaffung neuer Geräte kann daraus nur der Schluss gezogen werden, nur Hardware zu kaufen, die explizit Windows XP-Treiber vorhält, denn die Windows-2000-Behelfskrücke trägt nicht allzu weit. Und die alten Windows-98-Treiber bringen gar nichts.

Doch nicht nur bei der Einbindung neuer Hardware werden die künftigen XP-Nutzer in der Anfangszeit böse Überraschungen erleben. Denn auch die Software muss die Anforderungen des neuen Systems erfüllen, um anstandslos zu funktionieren. Ein Beispiel: Um mit ISDN-Karten Faxe versenden zu können, wird oft eine Software benötigt, die die Kommunikation zwischen dem Faxprogramm und dem Capi-Treiber der ISDN-Karte herstellt. Auf diese Marktnische hat sich unter anderem cFos spezialisiert. Deren Windows 2000er-Version funktioniert jedoch unter XP nicht. Gleiches gilt für den Konkurrenten RVS, denn auch deren Kommunikationspaket hat mit dem neuen Windows noch Probleme.

Software für die Kommunikation gehörte schon in der Vergangenheit zu den Problemfällen, so dass diese Probleme als nicht allzu gravierend einzustufen sind. Einmal abgesehen davon, dass es schon verwundert, dass dies auch die AOL-Software betrifft. Bereits bei der Installation wird auf Fehler hingewiesen und der Nutzer dazu aufgefordert, auch Microsoft selbst darüber zu informieren, wenn diese Probleme öfters auftreten. Und genau dies ist der Fall. Zwar lässt sich AOL nach Abschluss der Installation aufrufen und erst einmal wie gewohnt nutzen. Doch spätestens bei der automatischen Nachinstallation von Funktionalitäten durch die AOL-Software treten die Schwierigkeiten erneut auf. Die Komponenten werden zwar heruntergeladen, lassen sich jedoch nicht installieren.

Ärgerlich ist auch, dass Tools wie das beliebte Virtual CD mit dem neuen Windows nicht mehr funktionieren. Mit Virtual CD lassen sich CDs als Image auf die Festplatte kopieren, so dass man nicht jedes Mal das benötigte Lexikon oder das Lieblingsspiel in das CD-Laufwerk legen muss, da es nun direkt von der Harddisk aufgerufen werden kann. Ganze 175 000 Mal wurde Virtual CD bislang verkauft, eine durchaus beachtliche Zahl. Doch selbst die für Windows 2000 optimierte Version 3.0 versagt unter Windows XP ihren Dienst. Tröstlich daran ist nur, dass Hersteller DTP angekündigt hat, zeitgleich zu XP eine neue Version auf den Markt zu bringen, die dann auch noch in der Lage ist, die meisten DVDs auf gleiche Weise wie zuvor die CDs von der Festplatte verfügbar zu machen. Andererseits: Auch wer die neuen Funktionen nicht braucht, muss zusätzlich zu XP so manches liebgewonnene Programm neu kaufen.

Auf der einen Seite stehen somit Mehrkosten, die individuell unterschiedlich ausfallen. Je nach dem, welche Hardware neu gekauft werden muss, weil keine neuen Treiber geliefert werden. Dies könnte beispielsweise Besitzer von Mustek-Scannern treffen, denn die 2000er-Treiber laufen nicht und Support zu NT-Problemen wird nicht geboten. Oder bei der Software: Auch hier werden sich die Nutzer in vielen Fällen entscheiden müssen, ob sie auf eine neue Version umsteigen oder künftig ganz auf das Programm verzichten wollen. Auf der anderen Seite hat Microsoft einige Funktionen entweder erstmals oder nun so perfekt integriert, dass andere Programme obsolet werden. Freilich zum Ärger der Firmen, die davon bislang gelebt haben. ThumbsPlus von Kelly Media gehört dazu. Mit dem Programm wurde vor allem der Umgang mit größeren Bildbeständen vereinfacht, auch wenn die Software über die Jahre freilich noch viele andere hilfreiche Funktionen hinzubekommen hat. Die Basisaufgaben werden nun jedoch über den verbesserten Windows-Explorer gleich mit erledigt, selbst für Diashows werden keine Zusatzprogramme mehr benötigt.

Gleiches gilt für die Konkurrenten des Microsoft MediaPlayers, der nun so in den Explorer integriert ist, dass nun direkt über das Betriebssystem auch umfangreichere Musiksammlungen verwaltet und genutzt werden können. Selbst das direkte Brennen auf CD sowohl vom Explorer als auch vom MediaPlayer ist nun möglich. Aus Sicht der meisten Anwender ist dagegen kaum etwas zu sagen. Sie erhalten ein Betriebssystem, das in den meisten Fällen nur noch um ein Office-Paket erweitert werden muss. Bedenklicher ist jedoch aus Wettbewerbssicht, wenn Microsoft auf diese Weise weiteren Wettbewerbern das Wasser abgräbt. Denn der beste Garant für Verbesserungen ist die gesunde Konkurrenz, die auch Microsoft immer wieder in die Pflicht nimmt.

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