Zeitung Heute : Windspiel

Befremdlich und nicht akzeptabel

Bernd Matthies

Windspiel im Schloss Hubertushöhe, Robert-Koch-Str.1, 15859 Storkow/Mark. Tel. (033678) 43-0, montags geschlossen.

Die Frage nach dem besten Restaurant in Brandenburg war früher leicht zu beantworten: Schloss Hubertushöhe in Storkow hatte sich mit seinem Küchenchef Kurt Jäger vom Start weg an die Spitze gesetzt – und verschwand dort erst, als Jäger keine Perspektive mehr sah und kündigte. Dennoch gab man im Hotel nicht auf, es kamen zwei neue Küchenchefs und gingen wieder, und seit Frühjahr ist nun der dritte Mann am Werk. Die neue Website des Hotels verkündete alsbald, er sei vom Restaurantführer Gault-Millau vom Start weg mit 17 von 20 Punkten bewertet worden. Der Führer, der dieses Urteil theoretisch verkünden könnte, erscheint aber erst im November...

Es stimmte mich auch nicht unbedingt hoffnungsfroh, dass das Haus einen leicht vernachlässigten Eindruck machte. Im Staub auf dem Boden der Gartenterrasse lagen Kippen, die Fenster wirkten schmuddelig, und draußen stand ein Kuchenbuffet, das abends mit einer dicken Plastikfolie verkleidet wurde und den Gästen des Restaurants den Blick nahm. Auch die Servicequalität hat gelitten. Zwar wurden wir aufmerksam bedient und für eine lange, aber noch keineswegs extreme Wartezeit sogar großzügig durch Gratis-Champagner entschädigt. Aber es fehlt den neuen Leuten doch viel, was in einem so teuren Restaurant obligatorisch wäre: Das Menü wurde nicht vorgestellt, Weinempfehlungen hätten wir vielleicht erfragen können, aber da nicht einmal die Weinkarte von selbst vorgelegt wurde, verzichteten wir darauf. Sie hat sich ohnehin seit dem letzten Jahr praktisch nicht verändert, ein Indiz dafür, dass die tüchtige Sommeliere Katrin Wolff nicht mehr da ist oder jedenfalls nicht mehr einkaufen darf.

Die Buchstaben der Speisekarte lassen keinerlei Schluss auf den Küchenstil zu. Ich gebe zu, dass mich Offerten wie „Kokos-Schokoladensüppchen im Ananas-Geflügelsäckchen", misstrauisch machen, weil ich damit Babys Happenpappen assoziiere. Doch das stand im Internet, und als wir selbst kamen, hatte sich die Karte ins Vertraute gewandelt. Das Oktopus-Carpaccio mit Kaninchen und Pinienkern-Vinaigrette erwies sich als angenehmer Einstieg, doch schon aus der folgenden Rotbarbenterrine mit Fenchel drang ein befremdlicher Hautgout, der den Eindruck nahe legte, diese Terrine habe ihre besten Tage doch schon hinter sich. Auch der „Kubus von Stopfleber", hübsch anzusehen, schmeckte seltsam nach Lagerung und Kühlschrankaromen – gerettet wurde er durch die ordentliche Wachtelpraline auf einem ebenfalls gelungenen Birnenconfit.

Über der braven Löwenzahnsuppe, mühsam aufzulöffeln, lag quer eine gebackene Kalbsbriesrolle mit dominantem Orangenaroma, das uns noch mehrfach und unerwartet anspringen würde. Am seltsamsten fiel ein Hauptgericht auf: Über dem belanglosen Kalbsfilet wölbte sich eine weiche Gratinschicht, die einen seltsam käsigen Geruch verströmte: eine „Gänseleberkruste", wie wir erst beim Nachlesen in der Speisekarte begriffen. Die Spätzle dazu waren möglicherweise getrüffelt, ganz sicher aber zu weich; die kreischsüßen Portweinkirschen hätten eventuell zu Wild gepasst. Schließlich kam ein sehr kleines Steinbuttfilet, in ein gebackenes Reisblatt eingeschlagen, das auf einem suppigen Kürbisfond schwamm und dort nicht gerade knackiger wurde. Wir reden hier von Essen, das zu Preisen zwischen 18 (Vorspeisen) und 35 Euro (Kalbsfilet) verkauft wird…

Über das Dessert wäre zu sagen, dass die Pfirsichsuppe, angeblich geeist, doch bestenfalls kühl auf den Tisch kam und das Rosmarineis dazu in einer hart gebackenen, schweren Kruste steckte. Ein gelungenes Parfait aus Macadamia-Nüssen mit Kumquats und Zitronenthymian stimmte uns vorübergehend sanfter, bis die seltsamen Petits Fours kamen: Hübsch anzuschauen, aber durchweg durch seltsame Säurebeigaben beeinträchtigt, ein sehr irritierender Genuss.

Schwer zu sagen, was hier passiert ist: Zwar sind handwerkliche Voraussetzungen offenbar da, aber die Kombinationen stimmen nicht, es fehlt an schmeckbarer Produktqualität, vieles wird offenbar lange vorbereitet und gelagert. Das mag eine Kostenfrage sein; angesichts der Kosten für den Gast ist das nicht akzeptabel.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben