Winnenden : Der Tag der schwarzen Bänder

16 Menschen sind tot, vom einen auf den anderen Moment. Was kann da trösten? Von der zentralen Gedenkfeier in Winnenden

Verena Mayer[Winnenden]
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Unter den Trauergästen, die der Toten vom 11. März gedachten, waren der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger...

Auf der Leinwand im Stadion erscheint ein Moderator und sagt: „Trauer, das ist in unserer Gesellschaft eine Haltung, die gerne versteckt wird.“

In Winnenden findet die Trauer an diesem Samstag jedoch ihre größtmögliche Öffentlichkeit. Vor der Leinwand im Stadion, vor der sich Tausende versammelt haben. Von allen Seiten sind sie gekommen an diesem sonnigen Samstagmorgen, ins Herbert-Winter-Stadion in Winnenden, um an der Trauerfeier teilzunehmen. Über schmale Wege kamen sie und durch die Stadt, vorbei an der Albertville Realschule, vor der lange schwarze Bänder aufgespannt sind, der Boden ist voll mit Blumen, Kerzen und Briefen.

Das Stadion ist gerüstet wie für ein Sportereignis. Kontrollen, Absperrungen und Security-Leute. Vorne steht die große Leinwand, auf der Bilder vom Trauergottesdienst aus der St.-Karl-Borromäus-Kirche gezeigt werden. Bilder von den Politikern und von weinenden Schülern in schwarzen T-Shirts mit der Aufschrift „We have a dream“. Und Bilder von den 15 Kerzen auf dem Altar, für die acht Mädchen und den Jungen, für die drei Lehrerinnen und die drei Passanten, die Tim K. am Morgen des 11. März mit der Waffe seines Vaters erschoss, bevor er sich selbst tötete. Für Tim K. gibt es keine Kerze.

Aber draußen, da gedenken manche auch seiner. Neben einem Grablicht steht auf einem Zettel: „Tim, keiner war für dich da.“ Oder: „Auch Tim ist ein Opfer, ein Opfer unserer Gesellschaft.“ Andere wollen Tim K. aus dem Gedächtnis löschen. Die Familien von fünf getöteten Mädchen haben einen offenen Brief geschrieben, in dem sie fordern, dass Tim K. in den Medien nicht mehr genannt wird. Der Amokläufer selbst wurde, so berichten es Zeitungen, bereits beerdigt. Heimlich und leise, in einem anonymen Grab auf einem Waldfriedhof.

Winnenden, Kleinstadt bei Stuttgart, im Ortskern schöne, alte Häuser, rundherum Firmensitze, Autohäuser, Shoppingcenter. Früher witzelte man „Winnenden-Spinnenden“, wegen des Psychiatrischen Krankenhauses der Stadt. Heute steht die Stadt in einer Reihe mit all den anderen Orten von Amokläufen, mit Jonesboro und Littleton, mit Erfurt und Emsdetten.

„Die ganze Stadt ist in einen Schleier der Trauer gehüllt“, hat jemand auf einen der vielen Zettel vor der Schule gekritzelt. Zehn Tage nach dem Amoklauf ist das Diffuse der Trauer der Klarheit der Rituale gewichen. Wohin man sieht, Kerzen, Blumen und schwarze Schleifen. In den Schaufenstern hängen Traueranzeigen, die Geschäfte haben geschlossen.

Die Leute sind verhalten und still, am Freitag zum Feierabend wünscht keiner ein schönes Wochenende.

In der Sporthalle gegenüber der Albertville Realschule stehen seit Tagen Tische und Stühle, dazwischen gehen psychologische Betreuer mit gelben Schildern auf und ab. Sie sprechen mit jedem, der reden will, und sie lassen die in Ruhe, die nicht wissen, was sie sagen sollen. In der Halle hat auch das Rote Kreuz einen Stand aufgebaut, Rotkreuz-Leute in ihren roten Jacken verteilen Stullen und schenken Kaffee aus. Ihre Anwesenheit wirkt nicht verlegen, sie hat eher etwas Routiniertes, Professionelles. Als sei dies ein Großeinsatz wie jeder andere.

Überhaupt fällt auf, wie geordnet der Ausnahmezustand von Winnenden ist. Kurz nach der Tat war bereits ein Stab von Psychologen in Winnenden, 50 Leute, die sich um die Lehrer und Schüler kümmerten. Das Kultusministerium Baden-Württemberg stellte Informationen zu Gewalt und Krisenintervention auf seine Homepage und verbreitete eine Broschüre mit dem Titel „Vom Umgang mit Trauer in der Schule“. Darin steht, dass Lehrer mit den Schülern über den Tod sprechen sollen. Dass die Schüler Dinge aufschreiben sollen, Kerzen anzünden oder Blumen aufstellen.

Aus Erfurt sind zwei Angestellte aus Stadtverwaltung und Kultusministerium nach Winnenden gekommen, Experten seit dem Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium 2002. Sie rieten den Winnendern, einen Verwaltungsstab aufzubauen, und zwar nicht nur für ein paar Wochen, sondern für ein halbes Jahr. Und sie stellten fest, wie gut organisiert Winnenden mit den Ereignissen umgeht: „Ihr seid nach zwei Tagen schon so weit, wie wir nach 14 Tagen waren.“ Selbst die Straße vor der Realschule, die Einsatzkräfte und Rettungswagen kaputtgefahren haben, ist inzwischen neu gemacht.

Vor der Sporthalle gegenüber der Schule steht der bayerische Schulpsychologe Hans-Joachim Röthlein. Röthlein, ein besonnener Mann mit Vollbart, ist Sprecher des bayerischen Kriseninterventionsteams Kibbs. Das ist ein Netzwerk von Schulexperten, das sich auf das Verhindern von Amokläufen spezialisiert hat. Die Kibbs-Leute wissen, dass Amokläufe nach einer bestimmten Dramaturgie verlaufen und dass die Täter sich lange vorbereiten. Die Kibbs-Leute tagten auch gerade, als Robert S. am 26. April 2002 Amok lief. Wenig später war ein Teil von ihnen in Erfurt. Auch Röthlein. Er weiß um die verschiedenen Phasen der Trauer in solchen Situationen.

Am Anfang, sagt er, spüren die meisten Taubheitsgefühle am Körper, „und die Seele ist auch taub“, eine Überlebensreaktion. Die kleinen Kinder haben Angst, dass die Eltern weggehen, oder träumen vom bösen Mann, der sie erschießt. Die älteren Jugendlichen ziehen sich zurück, machen die Vorhänge in ihren Zimmern zu, können nicht mehr zur Schule gehen, auch wenn sie wollten. Danach kommt die Unruhe und irgendwann die Verdrängung. 80 Prozent werden mit ihrer Trauer fertig, sagt Röthlein. Bei 20 Prozent bleibt etwas zurück. Meistens bei denen, die am nächsten dabei waren. Bei den Schüler, die gesehen haben, wie die Bahren mit den Toten aus der Schule hinausgetragen wurden. Bei den Autofahrern, die im Stau standen, als Tim K. eine Geisel im Auto durch die Gegend jagte und im Radio durchgegeben wurde, dass ein Amokläufer unterwegs sei.

Auch öffentliche Trauer sei nach Katastrophen enorm wichtig, sagt Psychologe Röthlein. Es gehe um moralisches Empfinden, darum, dass solche Taten von einer ganzen Gesellschaft geächtet werden. Deshalb sei es gut, dass sie alle gekommen sind zur Gedenkfeier, die Spitzen des öffentlichen Lebens: der Bundespräsident, die Kanzlerin, der Ministerpräsident von Baden-Württemberg und sein Kabinett.

Und sie tun hier nicht nur eine Pflicht. Das kann man sehen. Am Gesicht des Bundespräsidenten. Er muss während seiner Ansprache sichtlich um Fassung ringen, gegen Tränen kämpfen.

Er kritisiert dann auch brutale Filme und Computerspiele. Extreme Gewalt, die Zurschaustellung zerstörter Körper und die Erniedrigung von Menschen stünden dort im Vordergrund. Ein Dauerkonsum solcher Produkte sei schädlich. „Dieser Art von Marktentwicklung sollte Einhalt geboten werden.“ Und er sagt, Tim K. habe „Familien in Trauer und Verzweiflung gestürzt“. Auch die eigene. „Auch für sie ist eine Welt zusammengebrochen.“ Köhler sagt: Solche Taten führten an die Grenze des Verstehens.

Vor gut 30 Jahren hat in Paris der französische Historiker Philippe Ariès geschrieben, dass der Tod früher ein öffentliches Ereignis gewesen sei. „Nicht nur ein einzelner war dahingegangen, sondern die Gemeinschaft als ganze war getroffen und musste ihre Wunde heilen“, heißt es in seiner „Geschichte des Todes“. Er sei später zu einem dezenten Problem geworden, verdrängt, ignoriert. Die Trauer in Winnenden nun erzählt aber wieder vom öffentlichen Tod, davon, wie eine Gemeinschaft in ihren Grundfesten erschüttert ist. Die geschäftige Routine erzählt aber auch, dass eine Gesellschaft mit einem solchen Tod rechnen muss und rechnet. Dass Amokläufe zur Realität gehören wie andere Katastrophen auch.

In Baden-Württemberg und in anderen Bundesländern gibt es seit 2006 an Schulen einen Krisenplan, wie man sich im Fall eines Amoklaufs verhalten soll. „Suchen Sie sofort Deckung!“, heißt es da. „Absolute Lebensgefahr im Einwirkungsbereich des Täters.“ Der Krisenplan soll an einem zentralen Ort aufbewahrt werden. Alle sollen ihn kennen, die Lehrer, die Schulbediensteten, die Schüler. Und es wird empfohlen, sich zu Beginn jeden Schuljahres aufs Neue mit ihm zu beschäftigen.

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