Winnenden : Welche Parallelen und Unterschiede zu anderen Amokläufen gibt es?

Es gilt als sicher, dass der Amokläufer die Waffen seines Vaters, der Sportschütze ist, benutzt hat. Schon nach dem Schulmassaker im April 2002 in Erfurt hatten Politiker ein strengeres Waffenrecht und ein Verbot für sogenannte Killerspiele verlangt. Was ist seitdem passiert?

F. Jansen[K. Sagatz] J. Müller-Neuhof[K. Sagatz] K. Reimann[K. Sagatz] C. Tretbar

Die genauen Hintergründe der Tat sind noch nicht klar. Aber zumindest gilt als sicher, dass Tim K., der Amokläufer, die Waffe seines Vaters, der Sportschütze ist, benutzt hat. Schon nach dem Schulmassaker im April 2002 in Erfurt, bei dem ein Ex-Schüler in nur zehn Minuten 16 Menschen erschoss, hatten Politiker ein strengeres Waffenrecht und ein Verbot für sogenannte Killerspiele verlangt.

Wie schwer ist es für einen Jugendlichen, an Waffen heranzukommen?

Illegal mag es viele Wege geben, legal sind es meist Eltern, Verwandte oder ältere Freunde, die über Waffen verfügen. Hunderttausende Bürger in der Bundesrepublik haben Waffen zu Hause, Schützenvereine gehören zur kulturellen Identität der Deutschen. Ihr größter Dachverband, der Deutsche Schützenbund, zählte Ende 2008 fast 1,5 Millionen Mitglieder. Der Erfurter Amokschütze war ebenfalls Sportschütze, er hatte die Prüfungen für eine Waffenbesitzkarte abgelegt. So gelang es ihm, eine österreichische Heerespistole, die Glock 17, und eine sogenannte Pumpgun, eine Repetierflinte, im Waffenhandel zu erwerben.

Welche Folgen hatte der Erfurter Amoklauf für das Waffenrecht?

Seitdem ist das Waffengesetz deutlich verschärft worden, zuletzt 2008. Die Altersgrenze für Besitz und Gebrauch großkalibriger Sportwaffen wurde von 18 auf 21 Jahre heraufgesetzt. Bewerber, die eine solche Waffe benutzen wollen, müssen bis zum 25. Lebensjahr einen psychologischen Eignungstest vorlegen. Zuletzt wurde das Waffenrecht geändert, weil feststehende Messer bei Gewalttaten eine immer größere Rolle spielten. Kampfmesser mit langen Klingen dürfen seitdem nicht mehr mitgeführt werden.

Kann es weitere Verschärfungen geben?

Zuletzt war überraschenderweise eine Lockerung im Gespräch. Aus dem Haus von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) kam 2007 ein fertig formulierter Vorschlag, die Altersgrenze wieder auf 18 Jahre zu senken. Dies entspricht vor allem dem Wunsch der Sportschützen-Lobby, die um ihre Jugendarbeit fürchtet. Auch sieht eine EU-Richtlinie die Altersgrenze von 18 Jahren vor. Aber es hagelte Proteste, Schäuble ließ den Entwurf zum Verdruss der Waffenlobby umgehend in der Schublade verschwinden.

Welche Formen erlaubten Waffenbesitzes gibt es?

Das Waffengesetz ist differenziert. Es gilt, dass alles verboten ist, was nicht erlaubt wird. Das führt zu einer Fülle von Ausnahmen und Einzelregelungen. Die Gesetzgebung ist eng mit den Bedürfnissen der Sportschützen verwoben. Wer eine Waffe mit sich „führen“ will, also schussbereit tragen, braucht einen Waffenschein. Im Freizeitbereich relevant ist die Waffenbesitzkarte. Wer über eine solche Erlaubnis verfügt, darf seine Waffe zu Hause aufbewahren, gesichert zum Einsatzort transportieren und dort benutzen. Jäger, Waffensammler und Sportschützen haben meist nur eine Besitzkarte. Umstritten ist, ob Waffen wirklich zu Hause aufbewahrt werden müssen. Einige meinen, es müsse reichen, sie an einem sicheren Ort im Verein aufzubewahren.

Auch Computerspiele wurden nach Erfurt kritisiert. Was hat sich da getan?

Computerspiele gerieten nach dem Amoklauf von Erfurt in die Kritik, weil Waffennarr Robert Steinhäuser den Ego-Shooter „Counter Strike“ konsumierte. Die Debatte um gewaltverherrlichende Computer- und Videospiele führte zu einer Verschärfung des Jugendschutzrechts im Jahr 2003. Sogenannte Killerspiele, in denen zum Selbstzweck Mord- und Metzselszenen dargestellt werden, kann die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien auf den Index setzen. Sie dürfen dann weder öffentlich ausgestellt noch beworben werden. Im Jahr 2008 hat die Bundesprüfstelle bei 43 Spielen davon Gebrauch gemacht (Videos: 169; Online-Angebote: 265). Zugleich wird versucht, Jugendliche durch eine bessere und deutlichere Altersklassifizierung vor nicht altersgerechten Spielen zu schützen. Für Spiele ohne Jugendfreigabe gilt das Gleiche wie für Alkohol: Ausgabe nur gegen Vorlage des Ausweises. Ob der Amokläufer von Winnenden auch solche Computerspiele konsumiert hat, ist nicht klar.

Können andere Amokläufe wie in Alabama einen Schneeballeffekt auslösen?

Sie können, da sind sich die Experten einig. Zumindest können sie ein Auslöser oder eine zusätzliche Motivation für eine ähnliche Gewalttat sein. So soll zum Beispiel der US–Amoklauf in der Columbine High School in Littleton 1999 nach Forschungsergebnissen für vier weitere Amokläufe und drei geplante Amokläufe in den USA verantwortlich sein. „Oft ziehen solche Taten Folgetaten nach sich“, sagt Herbert Scheithauer, Entwicklungspsychologe an der Freien Universität Berlin.

Handeln Amokläufer wirklich spontan?

Ein sogenanntes „School Shooting“ – ein Schulmassaker – sei oft über einen längeren Zeitraum geplant und nicht spontan, sagt Scheithauer. Eine Rolle spielen in dieser Hinsicht auch Internetforen und Plattformen, über die in der Vergangenheit immer wieder Massaker angekündigt wurden. Sie erlaubten den potenziellen Amokläufern, „sich in relativ kurzer Zeit selbst zu produzieren“, erklärt Scheithauer. „Diese Täter haben ein starkes Sendungsbewusstsein.“ Dies bestätigt auch der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Köln, Gerd Lehmkuhl. Meist werde über solche Taten ausführlichst berichtet. Für die Täter, die Aufmerksamkeit suchten, sei dies ein zusätzlicher Anreiz. Auch der Jugendliche, der Ende 2006 an der Geschwister-Scholl-Schule in Emsdetten 27 Menschen verletzt hat, kündigte seinen Amoklauf bereits 2004 in einem Internetforum an. Der Darmstädter Psychologe Jens Hoffmann hatte nach dem Massaker in Emsdetten gesagt, dass eine solche Tat als Endpunkt eines Weges zur Gewalt zu betrachten sei, der „immer von Warnsignalen begleitet ist und dessen einzelne Schritte logisch sind“. Noch ist nicht bekannt, ob Tim K. seine Tat auch vorher angekündigt hat.

Woher kamen die Informationen?

„Tontaube“ war die erste. „ACHTUNG: In der Realschule Winnenden gab es heute einen Amoklauf, Täter angeblich flüchtig - besser nicht in die Stadt kommen!!!!“ Diese 129 Zeichen lange Nachricht der Nutzerin Tontaube beim Onlinedienst Twitter war eine der ersten, wenn nicht die erste Meldung über den Amoklauf. Bei Twitter senden Menschen Kurznachrichten an das Portal, so dass Nutzer dieses Dienstes Informationen gewissermaßen in Echtzeit geliefert bekommen. Meistens sind es Augenzeugenberichte. Allerdings nicht nur. Im Fall Winnenden trugen viele auch nur Informationen verschiedener Medien zusammen. Unproblematisch ist das nicht. Denn es sind oft ungefilterte und ungeprüfte Informationen, die in Umlauf gebracht werden.

Könnte die Tat einen rassistischen Hintergrund gehabt haben?

Wenige Stunden nach dem Amoklauf von Winnenden hat sich die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, bei den Behörden in Baden-Württemberg gemeldet und besorgt gefragt, ob der Täter gezielt auf Kinder aus Migrantenfamilien geschossen hat, hieß es in Stuttgart. „Aber das ist nicht zu erkennen“, sagte ein Sicherheitsexperte, „der hat wahllos getötet“. Auch ausländische Botschaften, darunter die Kroatiens und der Türkei, hätten sich erkundigt, ob Familien aus ihren Ländern betroffen sind. Bislang sei jedoch nichts gefunden worden, „was auf Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus hindeutet“, hieß es in Sicherheitskreisen, „doch wir gehen auch dem mit großer Sorgfalt nach“.

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