Winnenden : Wie geht es nach dem Massaker weiter?

Nach dem Amoklauf in Winnenden wird über die Konsequenzen der Tat gestritten - für Waffengesetze, Computerspiele und für den Vater des Amokläufers. Über was wird diskutiert und was wäre sinnvoll?

Am weitesten gingen am Donnerstag, einen Tag nach der Bluttat an der Albertville-Realschule im baden-württembergischen Winnenden, SPD-Politiker wie Hermann Scheer. Der Bundestagsabgeordnete verlangte, Privatleuten den Besitz von Schusswaffen komplett zu verbieten. Auch der Berliner SPD-Partei- und Fraktionschef Michael Müller sprach sich für ein generelles Verbot aus. „Staatliche Kontrollen funktionieren nicht“, sagte er dieser Zeitung. „Waffen gehören nur in staatliche Gewalt. Ausnahmen wie bei Sportschützen sind nicht kontrollierbar.“ Das Land Berlin würde sich für eine bundesweite Verbotsinitiative einsetzen. „Es ist mir schleierhaft, warum wir bisher vor der Waffenlobby einknickten.“

Statt eines Verbots von Waffen in Privathaushalten fordern die Polizeigewerkschaften dagegen regelmäßige Kontrollen der Behörden. Auch CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla warnte vor voreiligen Schlussfolgerungen aus dem Amoklauf von Winnenden. Dem Tagesspiegel sagte er: „Aktionismus und reflexhafte Debatten helfen nicht weiter. Zunächst muss der genaue Tathergang geklärt werden. Dann kann man über mögliche politische Konsequenzen beraten.“ Pofalla schloss nicht aus, dass am Ende dieser Beratungen ein schärferes Waffenrecht stehen könnte. Es sei aber klar, dass ein solcher Schritt allein das Problem nicht lösen werde. Zur Begründung sagte er, das Waffenrecht sei „ja bereits nach dem schrecklichen Vorfall in Erfurt“ verschärft worden. Als weiteren Ansatzpunkt nannte Pofalla eine „verstärkte Präventionsarbeit von Schulpsychologen“.

Der Deutsche Schützenbund (DSB) wandte sich strikt gegen eine weitere Verschärfung des Waffenrechts. Das deutsche Waffenrecht sei schon jetzt eines der schärfsten der Welt, erklärte DSB- Präsident Josef Ambacher. Er warnte davor, nach dem Amoklauf einem „populistischen Reflex“ nachzugeben und „alle Sportschützen nun wieder unter Generalverdacht zu stellen“.

Tim K. kam offenbar leicht an Waffen und Munition. Wie sind diese zu lagern?

Die Aufbewahrung von Waffen und Munition ist im Waffengesetz genau geregelt. Waffen (immer in einem Tresor) und Munition (da genügt ein mit einem sicheren Schloss versehener Blechschrank) müssen getrennt voneinander aufbewahrt werden. Jedoch kann die Munition auch im Waffenschrank gelagert werden, wenn es ein gesondert abschließbares Innenfach dafür gibt. Je nach Waffenart und -menge gibt es drei Arten von Waffentresoren. Wer Kurzwaffen wie die Beretta 92, die Tim K. benutzte, aufbewahren will, muss einen mindestens doppelwandigen Tresor haben. Von ihren Verbänden sind die Sportschützen angehalten, die Regeln genau einzuhalten. „Wir wissen, wie gefährlich unsere Waffen sind“, sagt Kathrin Hochmuth, Sportreferentin beim Württembergischen Schützenverband (WSV), zu dem der SSV Leutenbach gehört, in dem der Vater Jörg K. Mitglied war. Zugang zum Tresor darf nur der Waffenbesitzer haben. Tim K. kannte aber offenbar die achtstellige Kombination, um den Waffentresor zu öffnen. Hochmuth betont, dass die Regelung zur Aufbewahrung von Waffen gut funktioniere – wenn man sich daran halte. Gäbe es häufiger Fälle von grober Fahrlässigkeit, würde wohl auch mehr passieren. Die Beretta 92 sei eine übliche Sportwaffe. Auch die Zahl von 4600 Schuss Munition sei nicht ungewöhnlich. Schützen kauften häufig größere Mengen, weil das billiger sei. Wer wie Tims Vater regelmäßig im Verein Schießsport betreibe und zudem noch an Wettkämpfen teilnehme, brauche auch solche größeren Mengen an Munition.

Wie sinnvoll wäre ein zentrales elektronisches Überwachungssystem für Waffen?

Sehr sinnvoll. In Deutschland gibt es rund zehn bis zwölf Millionen legal verkaufte Waffen, aber eine bundesweite zentrale Erfassung aller Schusswaffen fehlt. Die Polizeibehörden führen in den 16 Bundesländern mehr als 500 verschiedene Daten. Deshalb fordern die Gewerkschaft der Polizei und die Deutsche Polizeigewerkschaft seit längerem, ein einheitliches Waffenregister einzuführen. Deutschland ist übrigens auch dazu verpflichtet: Im vergangenen Jahr verschärfte das EU-Parlament das Waffenrecht. Danach müssen alle EU-Staaten bis spätestens 2014 computergestützte Waffenregister aufbauen.

Warum konnte Tim K. so genau schießen?

Der Junge hatte Softairwaffen, mit denen er üben konnte. Zudem war er nach Angaben des WSV wie sein Vater Mitglied im Verein, die Polizei bezeichnete ihn dagegen als „Gastschützen“. Hochmuth sagt, Tim K. habe offenbar eher zögerlich am Schießen teilgenommen. Wie auch immer: Schießen durfte er nur unter Aufsicht und nur mit Kleinkaliberwaffen. Die großkalibrige Beretta fällt nicht darunter. Eigene Waffen dürfen Jugendliche nicht besitzen. Wenn sie im Verein schießen, müssen sie die Waffen sofort nach dem Ende des Schießens wieder abgeben. Der Kauf von kleinkalibrigen Waffen ist erst ab dem 18. Lebensjahr gestattet. Großkalibrige Waffen wie die Beretta-Pistole dürfen erst ab 21 Jahren erworben werden. Für den Kauf einer solchen Waffe im Alter zwischen 21 und 25 Jahren muss die Bestätigung einer medizinisch-psychologischen Untersuchung vorliegen. Der 17-jährige Tim K. war im vergangenen Jahr wegen Depressionen mehrfach in psychiatrischer Behandlung. Jugendliche Schützen brauchen eine solche Untersuchung allerdings nicht, da sie keine eigenen Waffen besitzen und nur unter Aufsicht schießen dürfen.

Welche Konsequenzen drohen dem Vater?

Im Gesetz heißt es: Wer Waffen oder Munition besitzt, muss Vorkehrungen treffen, dass sie nicht abhandenkommen oder Unbefugte sie an sich nehmen. Wer den exakt beschriebenen Aufbewahrungspflichten nicht nachkommt, verhält sich ordnungswidrig und riskiert ein Bußgeld von bis zu 10 000 Euro. Gerade im Familienkreis, klagen Experten, würden die Vorschriften oft übergangen. Schwerwiegender könnte den Vater ein anderer Vorwurf treffen: den der fahrlässigen Tötung. Die Staatsanwaltschaft betont, auch in diese Richtung zu ermitteln, wenngleich sie den Vater bisher nur als Zeugen vernommen hat. Fahrlässige Tötung wird mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft. Allerdings führt nicht jede Sorgfaltspflichtverletzung mit tödlichem Ausgang zu einer Anklage. Der Vater hätte voraussehen müssen, dass der Sohn mit der Waffe losziehen und sogar töten könnte. Ob die Vorgeschichte und die psychische Erkrankung dafür ein hinreichendes Indiz bilden, erscheint fraglich.

Der Amokläufer soll häufig Killerspieler konsumiert haben. Sollte man diese verbieten?

Viele Menschen empfanden es nach dem Amoklauf von Erfurt als Skandal, dass die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien den Lieblings-Ego-Shooter „Counter-Strike“ des Täters Robert Steinhäuser nicht auf den Index gesetzt hat, sondern nur mit dem Hinweis „Freigegeben erst ab 16 Jahren“ versah. Dabei orientierten sich die Jugendwächter durchaus an den Vorgaben: Bei dem Spiel werden zwar Menschen bei dem Versuch getötet, Geiseln aus der Hand von Terroristen zu befreien. Dabei werde allerdings auf besonders drastische Gewaltdarstellungen verzichtet, erklärte die Bundesprüfstelle. Anders als bei indizierten Ego-Shootern wie „Doom“ wird in „Counter-Strike“ zudem auf Blutorgien verzichtet. „Counter-Strike“ gehört nach wie vor zu den beliebten elektronischen Wettkampfspielen, da den Spielern zufolge vor allem Strategie und Teamplay über Erfolg und Niederlage entscheiden. Auffällig bleibt, dass die Ermittler nach Amokläufen fast unweigerlich auf Ego-Shooter treffen. Wie bereits nach den Amokläufen von Erfurt und Emsdetten kam am Donnerstag ein weiterer Vorstoß aus München, Killerspiele komplett zu verbieten. „Solche Spiele haben meines Erachtens bei uns nichts verloren“, sagte der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) im Bayerischen Rundfunk. Für strengere Regeln wird auch auf europäischer Ebene plädiert. Das Europaparlament hat zum besseren Schutz von Kindern und Jugendlichen vor schädlichen Videospielen einen „roten Knopf“ an den Spielekonsolen angeregt, mit dem Killerspiele und Videos mit Gewaltszenen blockiert werden können. Tatsächlich wurde dies bereits in vielen aktuellen Konsolen umgesetzt. Die Geräte können so eingestellt werden, dass jugendgefährdende Spiele (ab 16 Jahren) nicht mehr ohne Weiteres abzuspielen sind. Auch die Forderung nach einer besseren Alterskennzeichnung ist in Deutschland bereits weitgehend erfüllt.

Warum hat der Täter vor allem auf Frauen und Mädchen geschossen?

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hat dafür bislang keine Erklärung. Dennoch werde geprüft, ob es spezielle Gründe für die vielen weiblichen Opfer gibt, sagt Sprecherin Claudia Krauth. Die Psychiaterin Isabella Heuser von der Charité glaubt nicht, dass Tim K. gezielt auf Frauen geschossen hat. „Mädchen neigen dazu, eher zu schreien und sich zu bewegen, anstatt sich tot zu stellen, was man in so einer Situation tun sollte“, erklärt Heuser. So rückten die Schülerinnen eventuell eher ins Blickfeld des Schützen. Dieser habe zum Zeitpunkt der Tat ohnehin einen Tunnelblick gehabt. Auffällig ist laut Heuser, dass Amokläufer meistens Männer seien. Eine neurobiologische Erklärung dafür könne sein, dass sich das Frontalhirn bei Jungen während der Pubertät langsamer entwickle als bei Mädchen. Dieser Teil des Hirns reguliere unter anderem die Hemmung von Aggressionen. Junge Männer im Alter von 16 bis 21 Jahren seien daher generell gewaltbereiter als Mädchen.

Welche Notfallpläne gibt es an Schulen?

Berichte, nach denen der Direktor der Albertville-Realschule mit den Worten „Frau Koma kommt“ über die Schullautsprecher vor dem Amokläufer gewarnt haben soll, wies die Polizeidirektion Waiblingen am Donnerstag zurück. Es habe keine solche Warnung mit einem Codewort gegeben, sagte ein Sprecher dieser Zeitung. Dennoch: Nach dem Blutbad am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt von 2002 sind in vielen Bundesländern Notfallpläne erstellt worden, auch in Baden-Württemberg. Hier wurde der neue Kriseninterventionsplan nun erstmalig angewandt – und hat nach Einschätzung der Polizei dabei geholfen, ein noch viel schlimmeres Blutbad zu verhindern.

In Berlin gibt es einen 61-seitigen Plan, worin auch auf einen Umgang mit Amokläufern eingegangen wird. Hansjörg Blessing vom Schulministerium in Baden- Württemberg sagt aber, dass der Amoklauf eine Ausnahmesituation sei. Die lasse sich nicht trainieren wie eine gewöhnliche Brandschutzübung. Oberste Regel im Berliner Notfallplan ist, nach der Verständigung der Polizei, dass sich niemand in Gefahr begeben soll. In der Broschüre gibt es einen ungefähren Wortlaut, an dem sich die Schulleitung orientieren kann: „Wir haben eine ernste Lage im Schulgebäude! Bleiben Sie in den Klassenräumen. Schließen Sie die Türen ab oder blockieren Sie sie!“ Zudem solle man in Deckung gehen und sich von Fenstern und Türen fernhalten. afk, dast, has, neu, sag, sib, tja

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