Zeitung Heute : Winterchaos bei der S-Bahn

Eingefrorene Weichen, Schienenbruch, überfüllte Züge: Nur 32 Prozent der Triebwagen fahren pünktlich

Berlin - Nach dem Wintereinbruch versinkt die Berliner S-Bahn im Chaos. Am Freitag konnte das Unternehmen witterungsbedingt nach eigenen Angaben nur noch 341 Doppelwagen einsetzen; das sind rund ein Viertel weniger als für den wegen Material- und Wartungsmängeln ohnehin eingeschränkten Fahrplan benötigt werden. Für den regulären Betrieb wären 562 Doppelwagen notwendig. Die S-Bahn hatte mehrfach betont, lieber mit beschränktem Angebot zu fahren und zugleich einige fahrbereite Züge in Reserve zu halten, um verlässlich zu sein.

Am Freitagnachmittag teilte das Unternehmen dann mit, dass mit Einschränkungen auch in den nächsten Tagen zu rechnen sei. Wie dramatisch die Situation ist, zeigt die Bilanz des VBB vom Donnerstag: Demnach fuhren nur 32 Prozent der S-Bahn-Züge pünktlich. Der Verkehrsvertrag mit dem Land Berlin schreibt eine Quote von 96 Prozent vor. Wird sie unterschritten, kürzt der Senat die Zuzahlung. 45 Millionen Euro hat das Land fürs laufende Jahr bereits abgezogen.

Betroffen sind praktisch alle Linien. Auf dem Ring wird auch im Berufsverkehr nur noch alle zehn statt alle fünf Minuten gefahren, auf fast allen anderen Strecken wurden die Takte von zehn auf 20 Minuten verlängert. In der Praxis mussten Reisende oft deutlich länger warten, weil die Züge völlig unregelmäßig fuhren oder so überfüllt waren, dass nicht alle Wartenden mitkamen. Auf der Linie S 1 wurde die Situation durch einen Schienenbruch zwischen Zehlendorf und Wannsee am Freitag zeitweise noch zusätzlich verschärft. Wo mehrere Linien parallel fahren wie auf dem Ring, ist teilweise nur noch eine in Betrieb.

Die Bahn begründet die Ausfälle damit, dass wegen eingefrorener Weichen die Züge nicht wie geplant im Netz verteilt und zu den Werkstätten gefahren werden könnten. Dadurch komme man mit der Wartung nicht mehr nach.

Durch das erneute Chaos wächst der Druck auf den Berliner Senat, sich nach Alternativen für die Zeit nach 2017 umzusehen, wenn der Vertrag mit der Bahn ausläuft. Im Gespräch sind die Übernahme durchs Land, die Direktvergabe an die landeseigene BVG oder die Ausschreibung von Teilstrecken für private Konkurrenten. Da diese gegen Gebühr auf den Gleisen der Deutschen Bahn fahren, können Probleme wie die aktuellen auch sie betreffen. Ein Sprecher des Interconnex-Betreibers Veolia monierte, dass die Züge des Unternehmens zwar pünktlich starten konnten, sich aber wegen Problemen der Bahn-Tochter DB Netz unterwegs bis zu sechs Stunden verspäteten.

Der Verkehrsclub VCD wies darauf hin, dass die Weichen dem Bund gehörten und vom Land übernommen werden könnten. Während der Bund der hochprofitablen DB Netz nur Gewinnvorgaben mache, könne das Land auch Qualitätskriterien festlegen. Die Koalitionsvereinbarung der schwarz-gelben Bundesregierung sehe „neue Betreibermodelle für regionale Schienenstrecken“ ausdrücklich vor. Die Berliner Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) erklärte am Freitag, sie erwarte „eine kurzfristige Rückmeldung des DB-Vorstandes“ mit Vorschlägen zur Verbesserung der Situation.

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