Zeitung Heute : Winterflüchtlinge

Auch Kübelpflanzen, die Kraft für die neue Freiluftsaison schöpfen, benötigen Pflege

Heike Deissler

Die meisten Kübelpflanzen, die im Sommer unsere Terrassen und Balkone schmücken, stammen aus den Subtropen, zumindest aus südlichen Gefilden. Sie sind an das dort herrschende Klima angepasst und haben daher andere Ansprüche als die hier heimischen Pflanzen. In unserem Klimabereich mit strengen, oft anhaltenden Frösten können die Terrassenschönheiten im Winter also nicht ihrem Schicksal überlassen, sondern müssen – je nach Art und Region ihres Ursprungslandes – frostfrei überwintert oder entsprechend geschützt werden.

Viele Pflanzenfreunde, die sich voller Überschwang im Frühjahr eine attraktive Kübelpflanze zugelegt haben, stehen vor der Frage, wie sie das Gewächs optimal durch die kalte Jahreszeit bringen. Zwar sind die Bedürfnisse der einzelnen Pflanzenarten unterschiedlich, doch gibt es einige Faustregeln für die erfolgreiche Überwinterung:

Gewächse mit gut ausgereiften Trieben sind nicht nur frosthärter, sie überstehen auch die durch Lichtmangel und falsche Temperatur oft ungünstigen Bedingungen im Winterquartier besser. Daher sollte ab Ende August das Wachstum gebremst, also nicht mehr gedüngt und weniger gegossen werden. Wer Langzeitdünger verwendet, gibt im Juni die letzte Ration.

Der ideale Zeitpunkt zum Einräumen ist zwar von Art zu Art verschieden, doch verschmerzen die robusteren Kübelpflanzen grundsätzlich geringe Frostschäden besser als Krankheiten und Lichtmangel im Winterquartier. Allgemein gilt: Je älter die Pflanzen, desto härter sind sie im Nehmen.

Die ersten Kandidaten für den Umzug ins Wärmere sind tropische Schönheiten. Sie wandern vor den ersten Nachtfrösten, also unter Umständen bereits im September ins Winterquartier. Die beliebten mediterranen Terrassenbewohner wie Oleander, Olive und Rosmarin vertragen kurzfristig leichten Frost, folgen also entsprechend später. Viele Kübelpflanzen sind noch robuster. Dazu zählen beispielsweise Lorbeer, Echte Feige, Granatapfel sowie verschiedene Palmenarten wie Hanf- und Zwergpalme. Sie treten erst bei anhaltend strengen Frösten den Umzug an. In wintermilden Gegenden und innerstädtischen Bereichen können sie – entsprechend geschützt – den Winter auch draußen verbringen. Pflanzen im Topf verfügen über keinerlei Wärmepuffer, deshalb machen ihnen die Unbilden des Klimas viel stärker zu schaffen als ausgepflanzten. Zur Sicherheit sollten die Töpfe also an einen geschützten Platz gestellt und mit Stroh oder Laub gut isoliert werden. Bei Palmen muss besonders das „Herz“ vor gefrierender Nässe geschützt werden. Gegen zu starke Verdunstung an frostigen und gleichzeitig sonnigen oder windigen Tagen hilft beispielsweise das Abdecken.

Nur gesunde schädlingsfreie Pflanzen gehören ins Winterquartier. Welke Blätter und abgestorbene Pflanzenteile müssen entfernt sein. Die Pflanzen sollten nicht zu dicht stehen, damit Krankheiten nicht gleich überspringen. Kontrollieren Sie Ihre Schützlinge regelmäßig auf Blattläuse, Spinnmilben und Co, dabei die Blattunterseiten nicht vergessen. Ein geringer Befall lässt sich noch eher mit „harmlosen“ Methoden wie ein Absammeln der Angreifer oder Abschneiden von befallenen Triebspitzen bekämpfen. Derlei Pflanzen sollten zudem isoliert werden. Ein regelmäßiges Lüften, aber auch das Aufsammeln von abgefallenem Laub beugt Schädlingsbefall und Pilzerkrankungen vor.

Halten Sie die Pflanzen eher trocken. Im kühlen Winterquartier verlangsamt sich das Wachstum oder wird – in dunklen Räumen – sogar ganz eingestellt. Üppige Wassergaben in Kombination mit ungenügender Drainage verursachen schnell Wurzelfäule. Daher verzichtet man besser auf Übertöpfe und wässert nur von unten. Die Wassermenge ist abhängig von der Temperatur und der Verdunstungsfläche. Unbelaubte Exemplare benötigen weniger Wasser, da nur die Verdunstung aus der Erde ausgeglichen werden muss. Immergrüne Pflanzen dagegen und Gewächse, die in wärmeren Räumen überwintern, haben einen höheren Wasserbedarf.

Egal ob die Pflanzen hell oder dunkel, kühl oder warm überwintert werden, der Ballen darf grundsätzlich nicht austrocknen. Solange die Pflanze ruht, braucht sie keine Nährstoffe und sollte nicht umgetopft werden.

Licht und Temperatur sind die entscheidenden Faktoren für die Auswahl eines Winterdomizils für Kübelpflanzen. Ein heller, kühler Standort (fünf bis zehn Grad Celsius) ist für die meisten optimal. Ideal sind unbeheizte, frostfreie Wintergärten. Infrage kommen aber auch helle Treppenhäuser, unbeheizte Nebenräume oder verglaste Balkone. Wer solche Räume nicht zu bieten hat, muss nicht gleich verzweifeln. Auch ein kühler Standort, der nicht ganz so hell ist, kann als Winterquartier gewählt werden. Immergrüne wie Oleander oder Olive werfen dann zwar die Blätter ab. Doch keine Angst: Die Pflanzen treiben im Frühjahr wieder aus. Bei schlechten Lichtverhältnissen kann mit künstlichem Licht nachgeholfen werden. Viele Kübelpflanzen begnügen sich auch mit wärmeren Räumen, solange sie direkt am Fenster stehen können. Je wärmer der Standort ist, desto mehr Licht sollte er bieten. In beheizten Wintergärten können tropische Gewächse auch durchkultiviert werden und blühen dann bis weit in den Winter hinein.

Alle Laub abwerfenden Pflanzen beziehungsweise solche, die sich zur Ruhe bringen lassen und dann, ohne Schaden zu nehmen, auch ihr Laub abwerfen, kommen an dunklen Standorten zurecht – vorausgesetzt, es ist dort kühl (um fünf Grad Celsius). Dunkel können unter anderem Engelstrompeten, Fuchsien, Echte Feigen und Granatapfel überwintern. Warme, helle Keller eignen sich dagegen nur bedingt als Standort von Kübelpflanzen in der kalten Jahreszeit, da der Lichteinfall für ein gesundes Wachstum doch zu gering ist und die Pflanzen ihre Reserven dadurch schnell abbauen. In warmen, dunklen Kellern sind nur Knollen- und Rhizomgewächse wie Dahlien oder Indisches Blumenrohr (Canna) gut aufgehoben.

Gewächse, die einen kühlen Standort hatten, stellt man bereits vor dem Umzug ins Freie etwas wärmer, die dunkel überwinterten Pflanzen dagegen heller, um den Austrieb anzuregen. Bei Laub abwerfenden Kübelschönheiten, die einen hellen Standort haben, kommt der Austrieb oft zu früh: Es bilden sich „geile“, das heißt zu lange, verweichlichte Triebe. Wenn man die weiche Spitze sofort auskneift, verzweigt sich die Pflanze und bildet kräftigere Triebe aus.

Der Umzug ins Freie kann so früh wie möglich erfolgen. Dabei gilt: die robusten Pflanzen zuerst, die empfindlichen zuletzt. Bei an sich etwas frostverträglichen, früh blühenden Pflanzen wie verschiedenen Zitrusgewächsen ist jedoch Vorsicht angebracht. Schon leichter Bodenfrost kann die Blüten vernichten. Die Pflanzen sollten beispielsweise mit Vlies, Schilfmatten abgedeckt oder erst nach den Eisheiligen ins Freie gestellt werden. Auch junge, unausgereifte Triebe sind grundsätzlich gefährdet.

Für alle Winterflüchtlinge gilt: Nicht sofort in die pralle Sonne stellen, sondern langsam umgewöhnen. Optimal für den Wechsel ins Freie sind trübe Tage. So können die Kübelpflanzen allmählich den Schalter umlegen und mit neuer Kraft in die Saison starten.

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