Zeitung Heute : Wir basteln uns ein Dorf

Der Tagesspiegel

Von Silke Becker

Bei Lutzmann hängt immer noch die Dekoration am Baum, rot, gelb, braun gefärbte Herbstblätter aus Plastik. Eine Helferin vom Fernsehteam stand im vorletzten Winter den ganzen Tag auf der Leiter und befestigte jedes Blatt einzeln an den Ästen. Aber sonst ist von den Veränderungen auf Lutzmanns Hof nichts mehr zu sehen. Das Ehepaar kann wieder aus dem Fenster schauen, das Dach hat seine ursprüngliche Farbe. Als die Ufa den Film „Liebesau“ drehte, waren die Dachziegel grau gespritzt, die Fenster verdunkelt. Und wenn die Dorfbewohner durch die Dreharbeiten eines gelernt haben, dann, dass für einen Film alles „uffn Kopp jestellt wird“.

Walter Lutzmann ist ein stämmiger, etwas brummeliger Herr von 65 Jahren, der beim Sprechen einen großen, einsamen Zahn zeigt. Auf dem Küchentisch liegen Holzbrettchen, daneben ein Topf Rama. Lutzmann war nie ein Mann der großen Worte, und so stand er schweigend da, als Fernsehmitarbeiter erklärten, das Dach müsse grau werden, und vor die Fenster würden sie Sprossen setzen. Gerade war alles neu hergerichtet, und nun sollte das Haus wieder alt aussehen. Lutzmann schüttelt den Kopf. Was konnte er sagen, er hatte einen Vertrag unterschrieben. Und die Filmmitarbeiter kündigten an, die graue Schicht werde sich ganz leicht wieder abziehen lassen.

„Iss aber nich so jewesen“, sagt er und legt eine längere Schweigepause ein. Abkratzen mussten Handwerker das Dach, und hinterher „sind se mit Säure beigegangen“. Die Säure ist es, die ihm mitunter schlaflose Stunden bereitet. Denn so ein Dach soll ja eine Weile halten. 8000 Mark bekamen die Eheleute, was ihnen viel vorkam. Aber jetzt haben sie das Gefühl, als wären andere finanziell besser weggekommen.

Normalerweise ist in den kleinen Dörfern rund um Wittenberg in Sachsen-Anhalt wenig los. Ein paar Mal die Woche fahren Wurst- und Gefrierwagen durch die Dörfer, ein Schulbus holt die Kinder. Nur letztes Jahr sah es ein paar Monate lang ganz anders aus. Die Ufa drehte hier die ZDF-Serie „Liebesau – die andere Heimat“. Eine Geschichte über die ehemalige DDR, von 1953 bis zur Wende. Der Osten in vier Teilen.

Irgendwo in der Gegend um Halle oder Wittenberg sollte der Film spielen, das stand von vornherein fest. Der Autor, Peter Steinbach, der auch Drehbücher von Filmen wie „Stunde Null“ und „Herbstmilch“ geschrieben hatte, wuchs als Jugendlicher im DDR-Bezirk Halle auf. Wochenlang suchten Erkundungsteams einen Ort, in dem die Zeit stehen geblieben war. Eigentlich nicht so schwierig, denkt man. Aber überall fanden sie geteerte Straßen, pastellfarbene Häuser und rosa-graue Pflastersteine. Also Westen. Nur in Bösewig und einigen umliegenden Dörfern war nicht viel passiert. „Weil wir hinterm Mond liegen, haben sie uns ausgesucht“, heißt es in den Dörfern. So positiv sahen sie ihre Lage noch nie.

Gefilmt wurde in Bösewig, Sackwitz und Gommlo. Hier einen Gutshof und eine Kirche, da eine Schule; in einem Ort die Gaststätte von außen, im anderen von innen. Im Film heißt das Dorf jetzt Liebesau.

Als der alte Lutzmann von dem Film hörte, dachte er zunächst, „die verarschen mich“. Kurz danach rollten die ersten LKWs und Cateringwagen an, die Dörfer wurden tageweise abgesperrt. Fast jede Woche lagen neue Schreiben in den Briefkästen, in denen darüber aufgeklärt wurde, wann Luftaufnahmen und Nachtdreharbeiten geplant waren. „Nee, freundlich warn’se, da können wir nüscht sagen“, heißt es. Nur schrecklich eilig hatten die vom Fernsehen es.

Nun steigen alte Frauen in Kitteln und dicken Strümpfen auf der Dorfstraße vom Fahrrad und reden von Set, Regieklappe und Casting, als hätten sie ihr Leben lang mit diesen Begriffen hantiert. Sie erzählen von Steffi, der Produktionsleiterin, und Wolfgang, dem Regisseur. Das hatten die vom Fernsehen gleich klargestellt: „Ab jetzt duzen wir uns.“

Die Satellitenschüsseln mussten weg

Teil Eins von „Liebesau“ spielt im Jahr 1953. Die Bauern sind sehr aufgebracht, denn sie sollen in die LPGs. Die Versorgungslage ist schlecht, und das halbe Dorf macht sich davon in den Westen. Nur ein Republikflüchtling kehrt heim in sein Dorf. Der Westen hat ihm nicht gefallen. Aber seine Frau hat einen anderen im Bett, und der Sohn ist zum überzeugten DDR-Spross geworden.

Abends, nach der ersten öffentlichen Filmvorführung in Halle, sitzen einige Dorfbewohner vor Häppchen und Sekt, und die Frauen knibbeln nervös an langen Ketten, die auf den Pullovern ruhen. Sie haben sich während der Vorführung gegenseitig mit den Ellenbogen gestupst, wenn sie auf der Leinwand erschienen waren. Natürlich waren sie neugierig auf den Film, aber vor allem holen sie sich hier Autogramme und Plakate und schicke, silberne ZDF-Stifte, bevor das Ereignis Film ganz in der Erinnerung versinkt.

Ob sie ihre Dörfer wiedererkannt haben, können sie nicht sagen. Aber die Dörfer wurden ja auch nicht so gefilmt, wie sie aussahen. In Bösewig überschüttete man Gehwege mit Kies, stellte ein Denkmal auf, schraubte Schilder an und Laternen ab. Versteht sich, dass die Satellitenschüsseln ebenso verschwinden mussten. Der Gastwirt, Roland Rettel, will sogar gesehen haben, wie Kühe angekarrt wurden. Jedenfalls sah er einen Laster, auf dem groß „Filmtiere“ stand, und er weiß, das Filmteam brauchte eine Kuh, die einen Wagen zieht. Welche normale Kuh tut das schon? Die Filmkuh sträubte sich auch, wissen andere.

Während Pflaumen in Speck und Zucchiniröllchen probiert werden, plaudern sie sich langsam warm und erzählen von Karren und alten DDR-Brillen, die sie dem Filmteam zur Verfügung stellten. „Nur damit Sie mal ’ne Ahnung haben, wie wir die hier empfangen haben.“ Werner Schlenker, dessen Haare streng mit Öl nach hinten gekämmt sind bis auf eine widerborstige Locke auf dem Vorderkopf, kann gar nicht mehr zählen, in wie vielen Szenen er als Statist auftaucht. Er holte nur seine alten Anzüge aus dem Schrank und war perfekt ausgestattet. Schlenker ist 66. Er musste mit 55 in Frührente, weil sie Traktoristen wie ihn in der LPG-Nachfolgegenossenschaft nicht mehr brauchten, und obwohl er wirklich fleißig ist, verdiente er in den letzten Jahren nie so gut wie während der Dreharbeiten. 50 Mark bekamen Statisten für einen halben Tag und 80, wenn der Dreh länger dauerte.

Mit Gummistiefeln zur Beerdigung

Ein Casting fand in der Gaststätte von Roland Rettel statt. Bei ihm hatten die Komparsen ihre Garderobe, und in einem Raum war die Maske für die Schauspieler eingerichtet. Wer da geschminkt wurde, wusste der 46-jährige Rettel nicht, „bei mir hat sich ja keiner vorgestellt.“ Die Namen las er erst auf der ZDF-Mappe. Nadja Engel, Martin Wuttke, Anna und Katharina Thalbach, Jörg Schüttauf. Nur beim Rollenstudium sah er sie manchmal, wie sie um den Feuerlöschteich liefen.

Roland Rettel bekam vom Fernsehteam seinen Verdienstausfall bezahlt. Für ihn war es sicher ein gutes Geschäft. Er kennt das Gerede der Leute und ihre stillen Ängste, dass „die Ossis mit dem Film den letzten Schuss kriegen“. Wenn sie unter sich waren, wurde geschimpft, dass sie mit Gummistiefeln auf die Beerdigung sollten und Kinder mit Holzlatschen in die Schule geschickt wurden. Nein, sagen sie, schlimm war es ja im Osten, aber so eben auch nicht. Mit dreckigen Händen, wie im Film, seien sie nie ins Kino gegangen. Roland Rettel stört besonders die Szene, in der ein Trecker mit einer Brechstange repariert wird, „als hätten wir kein Werkzeug gehabt“. Aber beschwert hat sich keiner. Sie wurden bezahlt, und da sagt man nichts. Obwohl sie schriftlich aufgefordert waren, „Ideen und Anregungen“ einzubringen.

Dabei war das die große Angst der Produktionsfirma: Dass sie etwas falsch machen. Schließlich gibt es genügend Experten, die genau wissen, wann welches Treckermodell fuhr. Der Szenenbildner Hans Jürgen Deponte erzählt, wie sehr sie aufgepasst hätten, aber garantieren will er lieber nichts.

Die Folgen zwei, drei und vier spielen 1961, 1979 und 1989. Abends in Halle werden kurze Ausschnitte gezeigt, „Häppchen“, sagt der Redakteur. Das Dorf Liebesau erlebt den Mauerbau, den 30. Geburtstag der Deutschen Demokratischen Republik und 1989 die Maueröffnung. Alles verbunden über eine Liebesgeschichte und zwei Leben in Ost und West.

Am nächsten Mittag sitzt Johanna Georgi von der Agrargenossenschaft Meuro e.G. vor ihrem Kaffee und freut sich, dass ihr Lehrling gute Noten in der Prüfung gemacht hat, eine Drei im Fach Feldwirtschaft und eine Eins in Tierhaltung. In der ehemaligen LPG waren die Trecker untergebracht, die das Filmteam aus Museen geholt hatte und die zur allgemeinen Verwunderung noch funktionierten. Johanna Georgi, die studierte Landwirtin, sieht die Sache mit dem Film eher soziologisch und freut sich, dass die alten Leute und Arbeitslosen beschäftigt waren. Sie lacht noch immer, wenn sie daran denkt, wie sie mit ihrem Mann plötzlich vor der Konsum-Auslage stand und da Rotkohl, Weißkohl und sogar bulgarisches Tomatenmark ausgestellt waren. „Genau so war das doch.“

Aber bei der Filmvorführung fiel ihr als Erstes der Kameraschwenk über die weiten Felder auf, und die waren ja damals noch gar nicht da. Viele kleine Felder gab es Anfang der Fünfziger, und die großen Felder kamen erst später in der DDR. Aber wahrscheinlich wird das ohnehin niemandem auffallen, denn sie ist der festen Überzeugung, dass der Film im Westen nicht gesehen wird. Sie haben hier keine guten Erfahrungen mit den Westlern, und der Einzige, der im Dorf investierte, ein Hotel eröffnete und ihnen Arbeitsplätze versprach, war kurz nach seinen großen Sprüchen wieder verschwunden. Das war Anfang der Neunziger, und seitdem bestätigt sich nur ihr Bild, dass die Westler sie nicht mögen.

Für den Spielfilm wurde die Zeit zurückgedreht. Das Filmteam bastelte sich selbst zusammen, was nicht mehr existiert, den Osten. In den Dörfern hatten sie Spaß und Abwechslung und würden am liebsten sofort wieder mit Dreharbeiten beginnen, die dann Mitte der Neunziger Jahre und Anfang 2000 spielen. Denn das fänden viele spannend, wenn jetzt gezeigt würde, wie das Leben danach verlief. Eine weitere Folge über das Leben nach der Wende in Bösewig, Sackwitz und Gommlo. Aber daraus wollte bisher noch keiner einen Film machen.

Die ZDF-Serie startet heute um 20 Uhr 15, weitere Folgen am Donnerstag, Sonntag und Montag.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar