Zeitung Heute : „Wir brauchen eine Energierevolution“

-

Die EU will ein neues Klimaschutzziel vereinbaren. Frau Morgan, wie wichtig ist diese Entscheidung für die internationalen Klimaverhandlungen?

Die Wichtigkeit ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Wenn die Europäische Union es nicht schafft, sich ein anspruchsvolles Ziel zu geben, fürchte ich, werden wir das Momentum für konkrete Klimapolitik in Europa und in der internationalen Politik verlieren.

Warum ist die EU-Position so wichtig?

Die anderen Länder schauen alle auf Europa und machen ihre eigenen Entscheidungen davon abhängig, was die EU tut. Wenn die EU es nicht schafft, ist es auch für andere einfacher, nichts zu machen. Wichtig ist, dass das Klimathema im Zusammenhang mit der europäischen Energiepolitik diskutiert wird, um die energiepolitischen Ziele konkret zu machen.

Vor welchen Herausforderungen steht die Europäische Union?

Die EU darf nicht nur ein anspruchsvolles Ziel vereinbaren. Die EU-Kommission hat vorgeschlagen, dass die Mitgliedstaaten ihren Ausstoß an Treibhausgasen bis 2020 um 30 Prozent im Vergleich zu 1990 senken sollen, wenn auch andere Industriestaaten mitmachen, mindestens aber um 20 Prozent. Sie muss aber auch ein Beispiel geben, wie Wachstum ohne Klimazerstörung möglich ist. Die Europäische Union hat die Chance, der Innovationsmotor zu sein und die Vorteile davon zu genießen. Nur so kann die EU glaubwürdig in die Verhandlungen gehen und andere Länder von mehr Klimaschutz überzeugen.

Allerdings wollten sich die EU-Energieminister nicht auf verbindliche Ziele beim Ausbau erneuerbarer Energien einlassen.

Wir brauchen nicht nur ein einseitiges Klimaschutzziel der EU von mindestens 20 Prozent Reduktion der Treibhausgase bis 2020. Besser wären natürlich minus 30 Prozent. Wir brauchen auch verbindliche Ziele bei der Energiepolitik. Das von der Kommission vorgeschlagene verbindliche Ziel, bis 2020 mindestens 20 Prozent der gesamten Versorgung mit erneuerbaren Energiequellen zu erreichen, ist sehr wichtig. Auch beim Energiesparen muss sich die EU auf eine verbindliche Verbesserung der Effizienz um 20 Prozent bis 2020 verpflichten. Sonst wird es schwierig, das Klimaziel zu erreichen. Es braucht zudem ein Signal, dass von spätestens 2020 an kein Kohlekraftwerk in der EU mehr gebaut werden darf, das noch Kohlendioxid (CO2) ausstößt. Sie dürfen einfach nicht mehr genehmigt werden, wenn sie das CO2 nicht abscheiden und sicher lagern können, die sogenannte CCS-Technik (Carbon Capture and Storage). Das Klimaproblem ist zu dringend.

Die EU-Kommission hat eine Vorleistung gemacht, und das deutsche Braunkohleprivileg im Zuteilungsplan für den Emissionshandel gekippt. War das richtig?

Was die Kommission gemacht hat, war hundertprozentig richtig. Aber das wird nicht reichen. Denn wenn nun vor 2020 in Deutschland noch viele neue Braunkohlekraftwerke gebaut werden, die nicht über eine Abscheidungstechnik verfügen, ist der Weg zu mehr Klimaschutz für rund 50 Jahre verstellt. Der zweite Entwurf für den Zuteilungsplan braucht anspruchsvolle Emissionsobergrenzen und muss ein klares Signal geben, dass Braunkohle nicht die Zukunft ist. Energieeffizienz und erneuerbare Energien müssen schnell wachsen. Wenn die Industrie an der Kohle festhalten will, muss sie die CCS-Technik schneller entwickeln und einführen. Wir haben keine Zeit mehr für konventionelle Kohle.

Mitte des Jahres wird ein G-8-Gipfel über das Klima beraten. Wie könnten Länder wie China und Indien in einen anspruchsvollen Klimaschutz einbezogen werden?

Es gibt eine riesige Chance für Angela Merkel, wenn die Industriestaaten nun eine Politik formulieren , die Energieeffizienz, erneuerbare Energien und Entwicklungsziele miteinander verbindet. China und Südafrika verstehen zwar, dass der Klimawandel auch für sie eine Katastrophe ist. Aber sie stehen auch unter großem Druck, ihre Entwicklungsziele zu erreichen und ihre Länder zu stabilisieren. Das Signal der Industriestaaten und von Frau Merkel müsste daher sein, dass sie China bei den Entwicklungszielen unterstützen und bei einer klimafreundlichen Erreichung dieser Ziele helfen wollen.

Was sollte konkret vereinbart werden?

In Heiligendamm sollten die G-8-Staaten sich auf ein Zwei-Grad-Ziel verpflichten. Die Erderwärmung darf nicht um mehr als zwei Grad im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung ansteigen, weil die Folgen dann vollends unkontrollierbar werden. Aber gleichzeitig sollten sie ein Paket zur Energierevolution schnüren, das auch für die Schwellenländer interessant ist und auf deren nationalen Prioritäten aufbaut. Darin müssten auch finanzielle und technologische Hilfen zur Erreichung dieser Ziele enthalten sein. Die Industrieländer sind verantwortlich für den Klimawandel. China hat jetzt schon Effizienz- und Ausbauziele für erneuerbare Energien und wäre wahrscheinlich bereit, mehr zu machen, wenn es unterstützt wird. Vor allem Deutschland könnte dazu viel beitragen. Deutschland muss ein großes Interesse daran haben, dass China einen klimafreundlicheren Entwicklungspfad verfolgt, so dass die schlimmsten Auswirkungen vermieden werden können.

Jennifer Morgan war Klimachefin des WWF, jetzt arbeitet sie für die Londoner Umweltorganisation Eg3 und berät die EU–Kommission. Das Gespräch führte Dagmar Dehmer.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!